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Die US-Wahl in den Live-Medien : Schock und Satire

Sachlichkeit, Humor, Häme und die Frage: Sind die Medien nicht auch mitverantwortlich für Trumps Triumph?

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Die Reaktion der "Partei" auf die Wahl von Donald Trump.
Die Reaktion der "Partei" auf die Wahl von Donald Trump.Screenshot: Tsp


Tag eins nach der Wahl-Sensation. Auch die Medien müssen sich jetzt zwei unangenehme Fragen stellen. Erstens, warum wurden die meisten amerikanischen Berichterstatter vom Trump-Triumph genauso überrascht wie die Medien in Europa vom mehrheitlichen Brexit-Ja der Briten? Zweitens, sind die Medien mitverantwortlich an Trumps Triumph?

„Es wäre zu einfach, den Medien die Schuld an diesem Wahlsieg zu geben, aber Donald Trump ist der große Profiteur einer veränderten Medienwelt, eines Zusammenspiels und Ineinandergreifens von verschiedenen Entwicklungen“, sagte Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Zum einen werde der klassische Journalismus schwächer, die Durchschlagskraft seiner Enthüllungen nehme ab. Breite Kreise würden den etablierten Medien mit Misstrauen und Skepsis begegnen und zögen sich in ihre Selbstbestätigungsmilieus zurück. „Zum anderen gibt es eine verstörende Komplizenschaft zwischen dem Fernsehen und Populisten: Man feiert den Pöbler durch Dauersendungen, belohnt seine Aggression mit Aufmerksamkeit.“

Auch die Kommunikationswissenschaftler Bastian Kießling und Jan Schacht vom International Media Center der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg stellten einen eindeutigen Aufmerksamkeitsfokus auf Trump fest. In einer Studie zum „Medienphänomen Trump“ haben sie mehr als 10 000 Artikel während der finalen Wahlkampfphase in den reichweitenstärksten Medien ausgewertet. „Unsere Forschungsergebnisse belegen eindeutig, dass die wichtigsten US-Medien in der letzten Wahlkampfphase unverhältnismäßig stark über Donald Trump berichtet haben.

Das meistbenutzte Wort in der Medienberichterstattung war „Schock“

Diese prominente Berichterstattung hat indirekt zu seinem Wahlerfolg beigetragen, indem seine Botschaften stärker als die von Clinton verbreitet wurden.“ Kießling und Schacht fanden heraus, dass Trumps Kandidatur das Hauptthema in rund zwei Dritteln der Berichte zu den Wahlen gewesen sei und nur ein Viertel der untersuchten Artikel in US-Medien Clintons Kandidatur ins Zentrum gerückt habe. Die Medienwissenschaftlerin Joan- Kristin Bleicher von der Universität Hamburg sagte dagegen: „Aus meiner Sicht sind die Medien nicht schuld am Wahlsieg, sondern eher die Wähler, die an die berühmten Kälber erinnern, die sich ihren eigenen Schlachter wählen. Eine überhebliche Berichterstattung habe ich nicht beobachtet, sondern eher fast hilflose Versuche, diesen unsäglichen Wahlkampf noch einigermaßen sachlich zu vermitteln.“

Das sah man zunächst auch in der sich dann spektakulär zuspitzenden Wahlnacht. Das meistbenutzte Wort in der Medienberichterstattung zur US-Wahl war „Schock“. Es war spürbar, hörbar und lesbar, wie sehr in den Redaktionen das Adrenalin Journalisten und Techniker durch die nicht enden wollende Wahlnacht pumpte. Auch als das die Medien wohl am meisten überraschende Wahlergebnis stattfand - Donald Trump wird tatsächlich 45. Präsident der Vereinigten Staaten -, hörten die Berichten, das Einholen von Reaktionen und Analysen nicht auf. "Tagesschau", ZDF-"Morgenmagazin", Spiegel online oder auch tagesspiegel.de lieferten ununterbrochen Daten und Fakten, Stimmen und Stimmungen.

Vielleicht ist Humor das effizienteste Gegenmittel gegen den Wahlkater. Satiriker Martin Sonneborn schrieb auf Twitter "Refugees welcome", Jan Böhmermann sekundierte mit "This is America's very own 11/9", die "heute-show" haute raus: "Die Welt schaut voller Neid auf Mexiko. Die Glücklichen kriegen ihre Mauer als Erste." Entspannt gaben sich die Moderatoren von Radio Eins, Stefan Rupp und Christoph Azone, als sie am frühen Mittwoch morgen zwischen allem Trump-Getöse das Wetter ankündigten: "Ja, und auch heute morgen ist die Sonne aufgegangen." Die vielleicht witzigste Idee, die notgedrungen ergebnisfreie Morgenzeitung zu pimpen, hatte die "Welt kompakt". Wer wollte, der konnte nach dem "Malen nach Zahlen"-Prinzip entweder blaue oder rote Punkte so verbinden, dass das Porträt des Wahlsiegers/der Wahlsiegerin erschien.

Qual der Senderwahl in der Nacht

Vielen Zuschauern und Usern dürfte beim Frühstück das Brötchen im Hals stecken geblieben sein, die sich die Berichterstattung in der Nacht zuvor nicht angetan haben. Da hatten die deutschen Fernsehzuschauer die Qual der Wahl: Die Ereignisse in den USA wurden von mehreren deutschen TV-Sendern übertragen. Meist lagen ARD und ZDF beim medialen Wettrechnen vorne. Größere Pannen blieben aus. Und ARD-Talkerin Sandra Maischberger plagte eine akute Heiserkeit - im wahrsten Sinne hatte auch sie zur Wahl ihre Stimme abgegeben.

Die ARD startete früh mit der Berichterstattung rund um die Wahl des Jahres: direkt nach den „Tagesthemen“ ab 22 Uhr 45. Matthias Opdenhövel, sonst fürs Erste fast ausschließlich im Sport unterwegs, fragte in die Runde unter anderem mit Sandra Maischberger und Jörg Schönenborn hinein, ob das Spektakel vielleicht mit der Serie „House of Cards, Staffel 38“ zu vergleichen sei oder vielleicht doch eher in den Bereich „Hangover 1 bis 3“ einzustufen.

Kollegin Maischberger brachte zusätzlich noch das „Dschungelcamp“ ins Spiel. Kleine Panne zu Beginn: Als Susan Link im Studio zu Ina Ruck nach Washington schalten wollte, brach die Leitung zusammen. Pech für Maischberger, dass sie durch ihre Talkshow die ganze Nacht mit kratziger Stimme führen musste. Immer auf der Höhe: Jörg Schönenborn als Herr der Zahlen, der immer zur vollen Stunde die neuesten Ergebnisse präsentierte. Oft benutzter Begriff von ihm in den ersten Stunden: „too close to call“ - zu knapp, um ein Ergebnis zu verkünden.

ZDF hatte sein Wahlstudio in Berlin


Das ZDF legte nach der Markus-Lanz-Talkshow gegen 0 Uhr 20 mit der Wahlberichterstattung los - mit Bettina Schausten aus dem Zollernhof in Berlin. Zu Beginn knipsten sich Schausten, Kollege Christian Sievers und Eva-Maria Lemke von „heute+“ selbst - Familienfoto vor der Wahl. Showmoderator Steven Gätjen, geboren in Arizona, gestand, er habe Clinton („Das kleinere Übel“) gewählt, Schauspieler Walter Sittler („Der Kommissar und das Meer“), ebenfalls mit einem US-Pass ausgestattet, hielt sich mit seiner persönlichen Einstellung dagegen zurück.

„Vielleicht später“, sagte Sittler auf die Frage, für wen er gestimmt habe. Er klatschte zwischendurch jedoch, als Moderator Sievers, der sich bei neuen Zwischenständen per Glocke meldete, mitteilte, in welchen US-Staaten Clinton Siege verbuchte.



Auch der zur RTL-Gruppe gehörige Nachrichtensender n-tv begann frühzeitig mit Live-Berichten aus den USA. Eine Reporterin befragte Passanten am New Yorker Time Square, Finanzexperte Markus Koch meldete sich von der Wall Street und erklärte, dass die Börse einen Clinton-Sieg eingepreist habe. Studio-Expertin Melinda Crane analysierte unter anderem das ungeschickte Verhalten von Trumps Sohn, der seinen Stimmzettel auf Twitter veröffentlicht und damit seine Stimme möglicherweise ungültig gemacht hatte. Der Sender hatte Ehrengäste zu einer Wahlparty in der Bertelsmann-Vertretung nach Berlin geladen und übertrug von dort.

Der Muttersender RTL hielt sich recht deutlich zurück. Nachdem Anchorman Peter Kloeppel um Mitternacht die Wahl-Moderation übernommen hatte, war bald wieder für eine gewisse Zeit Schluss, gezeigt wurden Krimiserien. Was aber RTL, n-tv und auch Konkurrent N24 praktischerweise sofort machten: Während ihrer Berichte blendeten die Sender den Zwischenstand ein, womit ARD und ZDF erst später begannen, dann aber fast immer mit der Auszählung vor der privaten Konkurrenz lagen.

Keine "Anne Will" am Sonntag?



Die öffentlich-rechtlichen Sender hatten sich schon am Dienstag in den Netzwerken über die Wahlberichterstattung lustig gemacht. Die ARD brachte auf Facebook ihr „US-Wahl-Bingo“ mit den üblichen Reporter-Sprüchen: „Da lohnt es sich, wach zu bleiben.“ Oder: „Damit war so nicht zu rechnen.“ Oder: „Da muss man aktuell noch vorsichtig sein.“ Beim ZDF twitterte die „heute-show“ Trinksprüche wie „Entscheidend sind die Swing States“ und “Die Anspannung ist in beiden Lagern zu spüren.“

Viel Spaß hatten Jan Böhmermann und sein Team. Der Spaßmacher, seit Ende März in Dauerclinch mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, begleitete auf YouTube in #BöhmisWahlLokal die Ereignisse. Böhmermann und seine Freunde ließen vorm Fernseher im Wohnzimmer bei viel Salzgebäck meist das ZDF mitlaufen, aber auch mal die ARD. Böhmermann wunderte sich über den ARD-Reporter Richard Gutjahr, der bei den Anschlägen von Nizza und München in unmittelbarer Nähe war: „Nizza, München und jetzt die USA - das kann doch kein Zufall sein?“

Die umfangreiche Berichterstattung hat die ARD am Mittwoch ausgebaut. "Die US-Wahlnacht im Ersten" (WDR) wurde gleich mal bis 9 Uhr verlängert. Direkt im Anschluss startete eine Extra-Ausgabe der "Tagesschau", bis 12 Uhr. Eine weitere 75-minütige Sonderausgabe der Nachrichtensendung ist um 16 Uhr eingeplant.

Um 20 Uhr 15 moderiert Ellen Ehni einen dreiviertelstündigen "Brennpunkt" (WDR) zur US-Wahl und auch Sandra Maischberger wird in ihrem Talk "Maischberger", der auf 21 Uhr vorgezogen wird, mit ihren Gästen Thomas Roth, Oskar Lafontaine, Alice Schwarzer, Nadja Atwal und Julian Reichelt darüber diskutieren, welche globalen Folgen der Sieg Donald Trumps nach sich ziehen kann.

Dafür entfällt der "FilmMittwoch im Ersten: Sag mir nichts". Ein neuer Sendetermin ist noch nicht bekannt.

Fehlen nur noch die (überschaubaren) Zuschauerzahlen. Die ZDF-„Die Nacht der Entscheidung“ sahen im Schnitt bei 0,67 Millionen, der Marktanteil liegt bei 11,5 Prozent. Die ARD-„Wahlnacht im Ersten“ verfolgten im Durchschnitt 1,27 Millionen Zuschauer (14,0 Prozent). RTL stieg gegen Mitternacht nach der Krimiserie „CIS Miami“ in die Wahlberichterstattung ein: Peter Kloeppel übernahm das einstündige „RTL Nachtjournal Spezial“. Dazu schalteten 0,94 Millionen Zuschauer ein, der Marktanteil lag RTL zufolge bei 10,3 Prozent.

Jetzt würde man vielleicht noch gerne wissen, was eine Runde mit Deutschlands populärstem Polit-Talk zu dem Polit-Ereignis dieser Woche und den Auswirkungen sagt: Doch "Anne Will" läuft nicht am Sonntag. Die ARD bringt nach dem "Tatort" eine Doku zu 1000 mal "Tatort". (mit dpa)


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