Bloggerkolumne : Nie wieder Treppenlift-Werbung

Wenn du nicht dafür bezahlst, bist du nicht der Kunde, sondern das Produkt, raunen die Datenschützer in mahnendem Tonfall. Der Blogger Mario Sixtus sieht das anders.

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Mario Sixtus ist Filmer, twittert und bloggt.
Mario Sixtus ist Filmer, twittert und bloggt.Foto: Nadia Zaboura

Und meinen damit: Alle meine Suchanfragen bei Google, all meine Gmail-Korrespondenz, alle meine Facebook-Freunde, all meine mit Google-Maps geplanten Ausflüge und überhaupt ungefähr alles, was ich im Web so treibe: alle diese Informationen dienen Google und Facebook lediglich dazu, mir auf hinterhältigste Art und Weise Werbung zu zeigen, die meinen Interessen entspricht. Man stelle sich vor: Statt Werbung für Damenbinden, Abführmittel oder Treppenlifte, für Bustouren zu öden Orten oder für Comeback-CDs von Musikern, die schon vor 20 Jahren unerträglich waren, kurz: Statt der alltäglichen Reklame-Kakophonie der Offline-Welt würde mir im Web zum ersten Mal in meinem Leben Werbung angezeigt, die mich INTERESSIERT!

Anders als die Datenschutz-Taliban, die bei dieser Vorstellung stets Schnappatmung bekommt, finde ich das Szenario „Werbung, die mich interessiert“ eigentlich sogar recht reizvoll, allein: Es bleibt ein theoretisches. Die Praxis ist weit unspektakulärer. Seit Jahr und Tag zeigt Google mir in Gmail Textwerbung à la: „GmbH gründen in 24 Stunden“ an. Warum? Vermutlich, weil sich am Fuß meiner E-Mails der verräterische Begriff „GmbH“ findet. Der von den weltbesten Entwicklern programmierte Algorithmus schließt aus diesem Umstand offenbar, dass ich ein Faible für GmbHs habe und immer wieder mal welche gründe. „Der Sixtus“, denkt sich dieser Algorithmus dann, „der steht bestimmt manchmal sogar nachts auf und gründet eine GmbH.“ Das kommt also dabei heraus, wenn Google die besten Experten für künstliche Intelligenz anheuert? Tolle Wurst!

Noch hochwertiger ist nur noch Googles Analyse meines Surf-Verhaltens: Wenn ich über ein Preisvergleichsportal ein Hotel in New York buche, zeigen mir ab diesem Zeitpunkt alle von Google befüllten Werbeplätze im Web – und das sind sehr, sehr viele – Werbung für Hotels in New York. Obwohl ich doch gerade eines gebucht habe. Und Facebook? Facebook weiß, wen ich kenne, für was ich auf den „Gefällt mir“-Knopf drücke, was ich als lesenswert teile, wo ich bin. Daran erinnern mich die Datenschützer dieses Planeten 27-mal am Tag. Und was macht Facebook daraus: Das Intelligenteste, was die hochgezüchteten Fratzenfibel-Algorithmen, die täglich meinen „Social Graph“ analysieren, schaffen, ist, mir aufgrund meines Beziehungsstatus („Single“) Anzeigen für fragwürdige Partnervermittlungsdienste einzublenden. Wow! Das ist also diese personifizierte Werbung, vor der alle so sehr warnen? So was kann RTL2 schon länger, ganz ohne Algorithmen. Es mag ja sein, dass ich nicht der Kunde bin in diesem Spiel, aber das Produkt bin ich bestimmt auch nicht. Was auch immer das Produkt ist: Es ist kaputt.

Der Autor ist Filmer, twittert und bloggt.

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