Datenschutz : Big-Data-Experten fordern ein "Update der Gesellschaft"

Fitness-Armbänder, Schlaf-Tracker, soziale Netzwerke, Smart Home: Wissen wir eigentlich, worauf wir uns beim digitalen Datensammeln einlassen und wohin das führen wird? Schon fordern Experten ein „Update der Gesellschaft“.

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Vom Sammeln und Jagen.
Sammeln, sammeln, sammeln?Foto: Fotolia

Wenn die TV-Krankenhausserie „In aller Freundschaft“ auf Höhe der Zeit sein will, sollte sie mal über ein Update ihrer Ärzte nachdenken. Noch läuft ja nicht jeder Mensch mit einer „Google-Glass“-Brille auf der Nase herum. In dieser Woche wurde bekannt, dass eine App auf den Markt kommt, die Gesichtserkennung einsetzt. Sie richtet sich an medizinisches Personal und soll dafür sorgen, dass dieses die Patienten immer mit ihrem Namen ansprechen kann. Dazu werden Informationen aus der Krankenakte und ein Referenzfoto eingeblendet, das Ganze funktioniert auch mit Vorlesen des Patientennamens. Die Gesichtserkennung wird dabei online über den Dienst Betaface abgewickelt.

Was passiert da eigentlich mit uns? Noch mehr Daten. Noch mehr Sammeln. Noch mehr Stoff zum Nachdenken, auch für Yvonne Hofstetter, Expertin für künstliche Intelligenz, die in der Datenschutz-Diskussion nicht nur deswegen einen wichtigen Platz einnimmt, weil sie der verstorbene Frank Schirrmacher „eine Schlüsselfigur bei der Debatte um unsere gesellschaftliche Zukunft“ nannte, sondern weil Hofstetter als einer der wenigen Big-Data-Kritiker sozusagen aus dem Inneren des Wals kommt. Eine „Zeugin der Anklage“, schrieb die „Süddeutsche“. Hofstetter entwickelt mit ihrem Unternehmen Teramark seit zehn Jahren intelligente Software-Systeme für Rüstungsindustrien und zivile Unternehmen. In ihrem Buch „Sie wissen alles“, was derzeit auch auf der Frankfurter Buchmesse heftig diskutiert wird, beschreibt die Autorin anhand von Beispielen die Macht intelligenter IT-Systeme, ihre bedrohlichen Schwächen.

Der Optimierungswahn ist ausgebrochen

Zeitgleich bringen Stefan Aust und Thomas Ammann das Buch „Digitale Diktatur“ auf den Markt. Mit Blick auf die „Digital Natives“, die jungen Leute, die mit dem Internet aufgewachsen sind, schreiben sie: „Wer nichts anderes kennt, macht sich vielleicht auch keine Sorgen um seine persönlichen Daten. Aber wissen wir auch, worauf wir uns da eingelassen haben und wohin das möglicherweise führen wird?“ Big Data 2014, Big Data reloaded. Fast schien es ja, trotz Google Brille, in der großen Öffentlichkeit ein bisschen still geworden zu sein um das Thema, nach Edward Snowdens Enthüllungen über das Ausmaß der weltweiten Überwachungs- und Spionagepraktiken von Geheimdiensten. Verbraucher nehmen das Netz zwar irgendwie auch als Bedrohung wahr, sammeln aber weiter fleißig Daten und geben sie weiter unbedenklich oder gar unwissend raus. Nicht nur über soziale Netzwerke wie Facebook, sondern auch, weil der Optimierungswahn ausgebrochen ist. Laut Marktforschung sollen 2017 weltweit 45 Millionen Fitnessarmbänder verkauft sein. Motto: Ich messe, also bin ich. Mittlerweile gibt es schick-designte Lampenwecker samt unter die Matratze gelegtem Sensor namens „Aura“, der das Schlafen vermisst und die Daten in eine App aufs iPhone schickt.

Gerade an diesem sogenannten Quantified-Self-Phänomen wird für Yvonne Hofstetter deutlich, wie intelligente Maschinen unser Leben durchdringen. Auch wenn nicht NSA drauf- oder dahintersteht. „Big Data bezieht sich ja nicht nur auf den Staat. Sondern besteht aus drei Dingen. Erstens Daten sammeln. Zweitens Prognosen, Analysen erstellen und drittens eine Kontrollstrategie draufsetzen.“ Bei Quantified Self wäre Schritt zwei eine Gesundheitsanalyse aus all den Herzschlag- und Pulsmessungen. Und dann? „Viele speichern ihre Daten in der Cloud. Die ist ja praktisch offen, da kann man nichts verschlüsseln“, so Hofstetter. „Es gibt Daten-Broker, die Daten verkaufen, ohne dass wir davon wissen. Die Frage ist: Was passiert mit diesen Daten in der Analyse? Wie sehen die mathematischen Modelle aus, die diese Daten strukturieren?“

Unbezahlbarer Tarif

Man könnte anhand der Daten entdecken, aha, Frau Hofstetter hat eine genetische Veranlagung, die wird innerhalb der nächsten fünf Jahre mit 30-prozentiger Wahrscheinlichkeit an Krebs erkranken. „Stellen Sie sich vor, diese Informationen werden an die Krankenkassen verkauft. Unter Umständen bekomme ich künftig einen Tarif, den ich nicht mehr bezahlen kann und weiß gar nicht, weshalb.“

Yvonne Hofstetter wehrt sich gegen den Eindruck, sie mache ja selber bei dieser Sache, bei dieser Logik mit – als IT-Unternehmen im Bereich Schlüsseltechnologien für Big Data. „Eben nicht. Wir machen Datenanalysen für Industrieunternehmen und auf Anfrage für staatliche Einrichtungen. Dabei unterscheiden wir ganz genau. Habe ich es mit Objekten des Wirtschaftens zu tun, die überwacht, analysiert, prognostiziert, manipuliert werden sollen, oder mit Subjekten, mit Menschen?“ Für die Überwachung und Analyse persönlicher Daten baue ihre Firma keine Big-Data-Anwendungen. Das sei anders bei Optimierungssystemen für Seehäfen, Produktionsstraßen oder Lieferverkehr. Die Technik Big Data sei eben an sich wertneutral, sie werde nur „falsch“ eingesetzt. „Geschäftsmodelle, die den Menschen ausmessen, quantifizieren, die werden dem Menschen nicht gerecht. Der Mensch ist nur noch ein Objekt der Wirtschaft. Das widerspricht unserem Verfassungsverständnis, das widerspricht unserem Menschenbild.

Was lernen wir daraus? Sollen wir jetzt alle unsere Smartphone-Online-Verbindungen und Fitness-Apps deaktivieren, nur weil wir nicht wissen, was mit unseren Daten geschieht? Oder ist uns am Ende egal, wer wo alles weiß? Yvonne Hofstetter möchte sich nicht mit einer dieser hochtheoretischen Big-Data-Analysen begnügen, sondern bringt am Ende ihres Buches einen Aufruf zum „Update der Gesellschaft“, ähnlich der „Digitalen Selbstbestimmung“, die Aust und Ammann anmahnen. Diese appellieren an uns, für die Wiederherstellung der Verfügungsgewalt über die Daten zu kämpfen. Das wäre der erste Schritt zu einem neuen Menschenrecht im digitalen Zeitalter. Ohne diese Selbstbestimmung wird es auf Dauer keine Demokratie geben – weder in der virtuellen noch in der realen Welt. Nur die Illusion davon.

Zehn-Punkte-Plan für mehr Bürgerrechte

In einer Art Zehn-Punkte-Plan weist Hofstetter auf die Aufgaben des Einzelnen hin. Dazu zählt unter anderem: zivilen Widerstand leisten, zum Beispiel in Form von Engagement in Nichtregierungsorganisationen über eine Art Kultivierung von Big Data. Aufgabe des Staates wiederum sollte es sein, der Europäischen Datenschutzrichtlinie nachzukommen, wie sie das EU-Parlament im März 2014 verabschiedet hat. Auch das jüngste Urteil des EuGH zum „Recht auf Vergessen“ sei eine Aufforderung zum Handeln. Ziel sei ein neues Grundrecht für Datensubjekte: Die Würde des Menschen erstreckt sich auf seine persönlichen Daten. Sie haben das Recht, Ihre persönlichen Daten jederzeit einzusehen. Sie haben das Recht, die Löschung persönlicher Daten zu verlangen. Die Veräußerung Ihrer persönlichen Daten an Dritte ist untersagt. In diesem Sinne. Dass es zur einheitlichen Datenschutzrichtlinie noch ein weiter Weg ist, ist angesichts der Uneinigkeit der EU-Länder traurige Gewissheit.

Inzwischen ist „Google Glass“ in den USA übers Internet bestellbar, ein am Kopf getragener Miniaturcomputer, der mit Daten aus dem Internet unmittelbar gespeist wird. Übrigens, Yvonne Hofstetter selbst trägt keine Fitness-Armbänder. Das erzeuge Datenmüll.

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