Digitaler Wandel : Das Internet ist nicht kaputt, aber die Tradition des Privaten

Sascha Lobo erklärt das Internet für kaputt: Da hat er unrecht, schreibt die Berliner Wissenschaftlerin Jeanette Hofmann, denn die Kraft zur Innovation durch das Netz ist ungebrochen. Gebraucht wird aber eine Neuerfindung des Privaten in der digitalen Gesellschaft.

Jeanette Hofmann
Nach den Zerstörungen durch das große Feuer von London 1666 bot sich zeitgenössischen Architekten die Chance, stärker mit Blick auf das neue bürgerliche Konzept Privatsphäre zu bauen. Eine Privatsphäre, die nach den Verwerfungen durch den NSA-Skandal in der digitalen Gesellschaft nun neu gedacht werden muss.
Nach den Zerstörungen durch das große Feuer von London 1666 bot sich zeitgenössischen Architekten die Chance, stärker mit Blick...Abbildung: Unbekannter niederländischer Künstler (Thomas Willson) [Public domain], via Wikimedia Commons

In einigen Jahren werden wir rückblickend feststellen, dass die Enthüllungen von Edward Snowden einen tiefen Einschnitt in unserer Wahrnehmung des Internets bewirkt haben. Vermutlich werden wir die Entwicklung des Internets in die Zeit vor und die Zeit nach Snowden einteilen und den Beginn eines langen und tief greifenden Wandels auf das Jahr 2013 datieren. Dieser Wandel wird sich nicht nur auf gesetzliche Regelungen beziehen, sondern viel umfassender auf die Art und Weise, wie wir das Internet nutzen, was wir mit anderen teilen, wem wir trauen und wie wir das Private schützen. Die allgemeine Interneteuphorie ist vorerst zu einem abrupten Ende gekommen; jetzt beginnt eine Phase der vielleicht überfälligen Internetkritik.

Sascha Lobo, einer der wortgewaltigeren und unterhaltsameren Interneterklärer hierzulande, hat auf die Dramatik der Umbruchsituation mit einem herzzerreißenden Lamento reagiert. Stellvertretend für alle, die Wirtschaft, die Kanzlerin, die Netzgemeinde und sogar den Schallplattenverkäufer, erklärt er sich als gekränkt! Die Kränkung wiegt schwer und hat etwas angerichtet in ihm, etwas „Tiefes, Emotionales, nichts Gutes“, das gar Teile seines Gedankengebäudes zum Einsturz bringt.

Als Ursache der Kränkung identifiziert Sascha Lobo einen in Naivität gründenden Irrtum. Lange, zu lange, haben wir an das Gute des Internets geglaubt und die Mahner ignoriert. Warnungen vor der staatlichen Überwachungsmaschinerie haben wir als Verschwörungstheorien belächelt und lieber in den Utopien über den „digitalen Freigarten“, den Träumen von gesellschaftlicher Emanzipation, politischer Autonomie etc. geschwelgt. Man denke nur an den Arabischen Frühling.

Und dann das! Eindringlich schildert Sascha Lobo den Herzschmerz der Ernüchterung, den er im Namen von uns allen erleidet. Leider kommt Lobos Lamento über den beklagten intellektuellen Trümmerhaufen nicht hinaus. „Die digitale Kränkung des Menschen“ liest sich so, als würde man nach der Ouvertüre schon wieder nach Hause geschickt. Und nun, fragt man sich? Worauf soll sich die positive Digitalerzählung stützen, die er geradezu kontrafaktisch am Ende seines Klageliedes als Erlösung beschwört? Eine Antwort darauf bleibt er schuldig.

Eine Antwort auf die Überwachung des Internets – und der mögliche Beginn einer neuen Digitalerzählung –, besteht in dem Gedanken, dass wir die Privatsphäre der digitalen Gesellschaft neu erfinden und im wörtlichen Sinne neu bauen müssen. Auf den Prüfstand gehören unter anderem unsere traditionellen Grenzziehungen zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten.

Die Privatsphäre hat eine lange Geschichte

Die Privatsphäre hat eine lange Geschichte in der westlichen Welt. Der Historiker Christoph Heyl verortet ihren Ursprung im bürgerlich-großstädtischen Milieu Londons des ausgehenden 17. Jahrhunderts. Man wollte sich gegen die Sünden, Krankheiten und andere Gefahren des Urbanen besser schützen, sagt Heyl. Zu Hilfe kam der Bourgeoisie dabei ausgerechnet das große Feuer von 1666, das weite Teile Londons zerstörte und damit die Möglichkeit für neue architektonische Grundrisse und distanziertere Formen des Zusammenlebens eröffnete.

Die soziale Dichte der vormodernen Stadt mit der Straße als Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens macht fortan einer klareren Trennung zwischen drinnen und draußen, zwischen öffentlichem und privatem Raum Platz. Die bürgerliche Mittelklasse baut Türschwellen, sie montiert Klingeln und erfindet, zwecks Zugangskontrolle, die Visitenkarte; sie errichtet Besuchszimmer, Bibliotheken und trennt diese strikt vom privaten Schlafzimmer.

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