Phubbing-Trend : Warum wir ständig auf das Smartphone starren

Wer lieber mit seinem Smartphone interagiert als mit dem Menschen gegenüber, leidet unter „Phubbing“. Forscher haben jetzt untersucht, wie Handys unser soziales Verhalten verändern – und das Gehirn.

Adrian Lobe
150 Mal schauen Smartphone-Besitzer pro Tag auf das Handy-Display, häufig öfter als in das Gesicht ihrers Partners.
150 Mal schauen Smartphone-Besitzer pro Tag statistisch gesehen auf das Handy-Display, häufig öfter als in das Gesicht ihrers...Foto: dpa

Eine Situation, wie sie täglich tausend Mal in Deutschland passiert: Man sitzt beim Essen und starrt auf sein Handy. Die letzten Statusmeldungen auf Facebook, Whatsapp-Nachrichten und Eilmeldungen aus aller Welt sind wichtiger als der Mensch gegenüber. Phubbing nennt man dieses Phänomen, ein Kunstwort aus den Worten „phone“ und „stubbing“ (vor den Kopf stoßen). Der australische Student Alex Heigh hat die Kampagne „Stop Phubbing“ gestartet, mit der er gegen den gesellschaftlichen Sittenverfall aufmerksam machen will. Die Seite hat bereits 27 000 Facebook-Fans. Was verrät das Phänomen über die gesellschaftlichen Verhältnisse?

Im vergangenen Jahr führten Sozialwissenschaftler der University of Sussex eine Studie durch, die untersuchte, wie Smartphones auf Interaktionen einwirken. Die Forscher teilten die Probanden in Gesprächspaare auf und ermunterten sie, über interessante Begebenheiten zu sprechen, die sie in den letzten Tagen erlebt hatten. Einmal mit einem Handy in der Hand, einmal mit einem Notizblock augestattet. Nach zehn Gesprächsminuten sollten die Teilnehmer Auskunft über das wechselseitige Verhältnis geben. „Können mein Partner und ich Freunde werden?“. Diejenigen, die ein Handy vor sich hatten, beantworteten die Frage durchgehend negativer. Bei den Gesprächspaaren mit Block fiel die Antwort positiver aus. Die Probanden kamen sich in dem Gespräch näher. Die Forscher schlossen daraus, dass das Handy „die Ausbildung von Freundschaften hindert, indem es den Einsatz und die Aufmerksamkeit des Einzelnen für den Partner reduziert“.

Anlass zu Kulturpessimismus besteht deshalb noch nicht. Schließlich gibt es ja auch Paare, die sich beim Essen – ganz analog – anschweigen. Auch das ist unkommunikativ. Durch Smartphones verläuft die Kommunikation aber über andere Kanäle. Gut 150 Mal am Tag schauen wir auf unser Smartphone. Manche Leute schauen öfter auf das Display als in die Augen ihres Ehepartners. Sind wir also Smartphone-Junkies? Phil Reed, Professor für Psychologie an der Swansea University in Wales, der viel zu dem Phänomen geforscht hat, sagt dem Tagesspiegel: „Es ist nicht eindeutig, ob die Leute Smartphone-süchtig sind, obwohl die Existenz der Phantomvibration, wenn wir also irrtümlich denken, dass das Handy vibriert, eine Form der Abhängigkeit nahelegt. Klarer ist hingegen, dass die Leute danach süchtig sind, was das Smartphone kann – Internet, soziale Netzwerke und so weiter.“

Ohne Smartphone sinkt die Stimmung

Nach Reeds Definition gibt es drei Kriterien, mit denen man Suchtverhalten feststellen kann: Erstens ein gesteigertes Bedürfnis, das Menschen zeigen, wenn sie bis zu 60 Prozent ihres Tagesablaufs im Netz verbringen. Zweitens negative Effekte, wenn der Internetkonsum beendet wird. Und drittens das, was der Psychologe „Durchbrechungen des Alltags“ nennt, wie zum Beispiel Phubbing. „Unsere Arbeiten haben gezeigt, dass starke Internetnutzer negative Stimmungsschwankungen erleben, wenn sie mit dem Surfen aufhören“, konstatiert Psychologieprofessor Reed.

Was aber macht den Reiz aus, ständig aufs Handy zu starren? Geschäftliche Anrufe und E-Mails erscheinen uns im Privatleben als nervig. Wir wollen ja schließlich auch nicht, dass der Chef oder Freunde einen permanent stören. Warum phubben wir dann? Können wir nicht abschalten?

In der Wissenschaft gibt es grob gesagt zwei Denkschulen, die erklären, warum das Internet suchtgefährdenden Charakter hat. Zum einen ist die Internetnutzung unmittelbar und wirkungsmächtig. Man findet Dinge sofort, bekommt Belohnungen, kann Ereignisse in Echtzeit verfolgen. Smartphones machen das Internet noch zugänglicher – und reizvoller. „Manchen Leuten ermöglicht es, aus der Realität zu fliehen“, sagt Reed. Zum anderen ließen sich damit „leere Momente“ füllen – etwa, nachdem der Kellner im Restaurant die Bestellung aufgenommen hat. „All diese Elemente sehen wir auch bei anderen Suchterkrankungen. Die Internetsucht ist, zumindest psychologisch betrachtet, nicht viel anders als gewöhnliche Abhängigkeitsmuster.“ Das Surfen auf dem Smartphone ist, könnte man überspitzen, so etwas wie Koffein für die Nerven.

Die Frage ist: Was passiert eigentlich in unserem Gehirn? „Der Einfluss von Smartphones auf das Gehirn wird immer noch heftig debattiert“, sagt Reed. „Es gibt zwei Themenkomplexe, die man unterscheiden muss. Zum einen der Einfluss des Smartphones selbst – manche Menschen fürchten, dass es gefährlich sei, etwa wegen der Strahlung. Zum anderen die Funktionen des Smartphones. Das scheint einen Einfluss auf das Gehirn zu haben, vor allem im Schrumpfen des präfrontalen Kortex, also der Struktur, die für die Planung und Impulskontrolle zuständig ist. Was den Einfluss von starker Internetnutzung angeht, gibt es klare Effekte auf die Kognition und Stimmung des Einzelnen. Wenn eine Person zum Beispiel impulsiv ist oder verhaltensauffällig ist, werden diese Probleme verschärft.“

Verändern wir uns zum Guten - oder zum Schlechten?

Überall prasseln Reize auf uns nieder. Anzeigen poppen auf, das Handy klingelt. Dass sich dabei die neuronalen Verschaltungen ändern, daran haben Wissenschaftler keinen Zweifel. Nur: Verändert es sich zum Guten? Oder zum Schlechten? In seinem Bestseller „Digitale Demenz“ behauptet der Hirnforscher Manfred Spitzer, Computer und Smartphones machten Kinder dumm. Die griffige These – „Wir klicken uns das Gehirn weg“ – ist jedoch empirisch schlecht belegt und populistisch montiert. Mehrere Medien haben das Buch verrissen.

Jenseits dieses Alarmismus gibt es eine seriösere, unaufgeregtere Debatte. Der Psychologe Simon Hampton von der University of East Anglia vertritt die These, dass das Smartphone zu einer Art Schweizer Taschenmesser der digitalen Welt wird – ein banales Werkzeug mit verschiedenen Funktionen. Diese Funktionalität betont auch Jordan Grafman, Neurologieprofessor an der Northwestern University in Illinois. „Smartphones sind nur ein anderes Objekt, das wir benutzen“, sagt er. „Unser Gehirn passt sich an diese Technologien an, so wie es auch schon beim Telefon war.“ Hinsichtlich der Implikationen fällt Grafman ein differenziertes Urteil. „Der Smartphone-Gebrauch verändert uns insofern positiv, als es uns bei der Orientierung hilft und erlaubt, Informationen schneller zu übermitteln. Es verändert uns aber insofern negativ, als wir das Smartphone als Ersatz für soziale Kommunikation nehmen. Zentrale Aspekte sozialer Kommunikation wie Anwesenheit, Gestik und Mimik werden dabei eliminiert.“

Zum Beispiel beim Phubben. Wir können nicht Facebook-Nachrichten checken und uns gleichzeitig mit dem Gegenüber unterhalten. Multitasking sei ein Mythos, so Grafman. „Multitasking scheint in mancher Hinsicht effizienter zu sein, aber es macht uns nicht intelligenter.“ Die Konversation der vielen wird oberflächlicher. Und wer phubbt, ist auch dem Dritten gegenüber unhöflich.

Phubber können nicht nur für schlechte Manieren kritisiert werden – sie hinterlassen auch einen gewaltigen ökologischen Fußabdruck. Wie die Digital Power Group herausfand, verbraucht eine Wireless-Verbindung mit einem Datenvolumen von 2,8 Gigabyte mehr Energie als ein handelsüblicher Kühlschrank. Damit bekommt Phubbing neben der sozialen auch eine ökologische Dimension. Phubber sind genau besehen Umweltsünder. Doch wie bei allem kommt es auf das richtige Maß an. In einer digital vernetzten Welt ist Abschalten keine Option – Ruhepausen dagegen schon. Wo und wann man Nachrichten beantwortet, bleibt jedem selbst überlassen. Man sollte sich nicht in den Chor der Kritiker einreihen, die das Internet pauschal als „Teufelszeug“ abtun. Es gibt, wenn man so will, eine digitale Dialektik – zwischen Reaktion und Reflexion. Auch in der Digitalökonomie müssen wir Aufgaben priorisieren – und uns entscheiden, was wichtiger ist: Der Partner oder das Smartphone.

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