Sascha Lobo irrt : Wir brauchen keinen neuen Internet-Optimismus

Ist das Internet wirklich kaputt? Sascha Lobo, Deutschlands bekanntester Blogger, sieht es so. Und fordert trotzdem neuen Internet-Optimismus. Markus Hesselmann schreibt hier, warum wir gerade daran keinen Bedarf haben.

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Internet kaputt? Sascha Lobo schrieb einen Abgesang auf das Netz und dessen emanzipatorische Attribute.
Internet kaputt? Sascha Lobo schrieb einen Abgesang auf das Netz und dessen emanzipatorische Attribute.Foto: dpa

Der Witz bietet sich an: Sascha Lobo erklärt das Internet für beendet. Nachdem sich der damalige Kanzleramtsminister Ronald Pofalla mit seinem Schlusswort zum NSA-Skandal blamierte und im Internet entsprechend verspottet wurde, folgt nun Deutschlands bekanntester Blogger mit einem Abgesang, der ebenfalls von der NSA inspiriert ist. „Das Internet ist kaputt“, schreibt Lobo im FAZ-Feuilleton in einem Beitrag, der mit „Die digitale Kränkung des Menschen“ überschrieben ist. Bislang habe er geglaubt, das Internet sei das Medium der Demokratie, der Freiheit und der Emanzipation. Das sehe er nun anders: Als Medium der totalen Kontrolle untergrabe es die Grundlagen der freiheitlichen Gesellschaft, als Vehikel der Wirtschaftsspionage wirke es auch ökonomisch zerstörerisch.

„Das Internet ist nicht das, wofür ich es gehalten habe“, schreibt Lobo. Im Grunde sagt der Internet-Experte damit jetzt das, was Angela Merkel mit Blick auf den NSA-Skandal so vermeintlich unglücklich formulierte: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“ Dafür wird sie von weiten Teilen dessen, was Sascha Lobo „die Netzgemeinde“ nennt, also seinesgleichen, Digital Natives, „die Hobby-Lobby für das freie und offene Internet, vielleicht dreißigtausend Leute in Deutschland“, bis heute ausgelacht. In Wirklichkeit, da hatte die Kanzlerin dann wohl doch Recht, sind wir alle noch Digital Naives und jetzt ist es Sascha Lobo auch noch allen voran.

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Für beendet erklärt Lobo das Internet, wie er es zu kennen glaubte, auf den ersten gefühlten 500 Zeilen seines Beitrags. Dann kommt sie doch noch, die Wende zur Hoffnung – in zwei kurzen Absätzen zum Schluss. „Nach dieser Kränkung muss ein neuer Internetoptimismus entwickelt werden“, fordert nun Lobo. Der Blogger selbst sieht diesen späten Satz in seinem Beitrag offenbar als zentral an, denn er stellt ihn heraus, um per Twitter auf seinen gedruckten Beitrag aufmerksam zu machen.

Aber brauchen wir das wirklich? Es ist doch eher heilsam, dass die Überhöhung der digitalen Technik zu Ende geht. Und vielleicht hat Sascha Lobo in diesem Sinne tatsächlich einen Schlusspunkt gesetzt, zumindest für seine Gemeinde. So viel Hoffnung tragen konnte ja noch nicht einmal das fest gewobene, weltumspannende Netz. Zumal es selbst hinter einer derart gigantischen Struktur kräftig menschelt. „Eine Infrastruktur wird benutzt. Von Menschen. Wenn überhaupt, dann sind die kaputt und nicht die Technologie“, schreibt Patrick Breitenbach von der Karlshochschule in Karlsruhe als Reaktion auf Lobo. Was anstelle eines neuen „Internet-Optimismus“ erst einmal hilfreich wäre, fasst der Web-Unternehmer und Berater Martin Lindner so zusammen: „Wir brauchen viel mehr Empirie und Selbstversuche, viel weniger pauschale Weltrettungs- und Weltuntergangshypothesen.“

Was Lindner da verstärkt fordert, geschieht teils schon. In unserer Branche zum Beispiel arbeiten Blogger und Journalisten im Selbstversuch an hyperlokalen Angeboten wie den Prenzlauer Berg Nachrichten, der Tegernseer Stimme, dem Heddesheimblog oder dem Weiterstadtnetz, in deren postindustrieller Kleinteiligkeit womöglich mehr Zukunftstauglichkeit und Erneuerungskraft steckt als in den großen Entwürfen. Der Blog „Lousy Pennies“ macht sich derweil um die Empirie verdient mit „Gedanken übers Geldverdienen mit (gutem) Journalismus im Netz“. Nach all den philosophie- und ideologiegeprägten Jahren klingt das doch erfrischend pragmatisch.

Einen neuen "Internet-Optimismus" brauchen wir nicht, aber auch keinen digitalen Pessimismus. Der NSA-Skandal wurde nicht nur durch das Netz ermöglicht, er wird nun auch mit Hilfe des Netzes aufgeklärt. Das Web erleichtert nicht nur die Überwachung, das Netz erleichtert auch das Whistleblowing, die Veröffentlichung unliebsamer Informationen zum Beispiel zu Überwachungsmethoden. Das Internet, die digitale Technik, ist also weder gut noch schlecht (noch kaputt). Sie ist einfach da, sie geht nicht weg, und wir sollten klug, kühl und kleinteilig damit umgehen. Dann kann womöglich hier und da Gutes dabei heraus kommen. Und das darf sich dann gerne weit unterhalb der Weltenrettung abspielen.

P.S.: Ganz ähnlich wie Sascha Lobo argumentierte mit Blick auf digitale Illusionen und Überwachung kürzlich unser Leitender Redakteur Malte Lehming in seinem Beitrag „Euro, NSA, Arabische Welt: Was wir 2014 besser machen müssen“. Sascha Lobo versichert uns, dass er den Text nicht kannte. Wir glauben ihm das.

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