Vernetzung : Wer hat meine Daten?

In Dateien überall im Land wie im Netz schlummern unsere Daten. Viele kennen wir gar nicht. Die meisten bereiten uns keine Sorgen. Nur: Zusammengesetzt kommen sie Personenprofilen sehr nahe. Eine Reise durch die Welt der modernen Sammler.

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Kontrollverlust im Datendschungel? Barbara Junge hat nachgeforscht, was man über sie weiß.
Kontrollverlust im Datendschungel? Barbara Junge hat nachgeforscht, was man über sie weiß.Foto: dpa

Mein Name ist Barbara Junge. Wenn Sie denken, dass das uninteressant ist, irren Sie sehr. Es ist interessant. Zumindest für Firmen wie Acxiom.

Schon mein Vorname und der Wohnort im Osten Deutschlands sagen den Fachleuten, dass jemand wie ich „mit überdurchschnittlicher Wahrscheinlichkeit“ zwischen 45 und 50 Jahren alt ist. Das zeigt die Alterskurve zu meinem Namen, die mir Acxiom auf einem Din-A4-Blatt ausgedruckt und überlassen hat. Solch eine Kurve haben die Datenprofis von praktisch jedem Namen in ihrem Rechner.

Speist man die Straße, in der ich wohne, mitsamt Hausnummer ins System ein, berechnet mich die Software als sehr wahrscheinlich „urban nonkonform“. So ist das Gebäude, in dem ich lebe, charakterisiert. Für das Gewerbe mit direkt adressierter Werbung ist das schon eine gute Ausbeute. Mit Bauernmöbeln ist bei mir wahrscheinlich kein Geschäft zu machen.

Profis der Direktwerbung kennen mich besser als meine Nachbarn, auch Online- Händler vergessen keinen meiner eingetippten Kaufwünsche. Adresshändler verdienen Geld mit meinem Namen, und Auskunfteien haben das Recht, ohne mein Wissen interessierte Firmen darüber zu unterrichten, wie es um mein Zahlungsvermögen bestellt ist. Während der Bundesrat im September das umstrittene Meldegesetz des Bundestags – und damit die Weitergabe von Meldedaten an Firmen ohne vorherige Einwilligung der Bürger – wieder ins Reich der Wünsche geschickt hat, ist ein Großteil der 82 Millionen Bundesbürger längst erfasst. Nach vermeintlichen Präferenzen und tatsächlichem Konsumverhalten sind wir millionenfach gelistet und kategorisiert, zudem nach Wohnort, Alter oder Geschlecht. Das „Recht auf informationelle Selbstbestimmung“, durch das Bundesverfassungsgericht zum Datenschutz-Grundrecht erhoben, ist in dieser schönen Datenwelt kaum mehr als eine Illusion.

Die Kontrolle werden wir wohl nicht mehr zurückbekommen. Doch der deutsche Datenschutz hat ein Tor geschaffen, durch das wir uns unseren Daten wieder nähern können: das Recht auf Auskunft über die persönlichen Daten. Ein Selbstauskunfts-Pfad durch die Welt der Adresshändler, Auskunfteien, Gewinnspielanbieter, Versandhändler und Datenmanager im Land enthüllt Puzzlestücke eines virtuellen Personenprofils. In den Dateien finden sich Informationen, nach denen zu fragen man selbst nie auf die Idee gekommen wäre. Oder kennen Sie Ihren Scorewert, also ihre Kreditwürdigkeit, bei, sagen wir, Arvato Infoscore?

Alles einzusammeln, was allein schon auf dem legalen Datenmarkt über den Einzelnen vorhanden ist und gehandelt wird, ist eigentlich unmöglich. Das komplette Bild zu sehen – für Dritte sollte es auch nie möglich werden. Kein Problem, meinen Sie? Natürlich darf der Versandhändler Amazon wissen, was ich bei ihm bestelle. Dass Direktwerber mich mit einem Etikett bedenken können, weckt zuallererst meine Neugier. Und selbst Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat ein, wenn auch klar begrenztes Recht zu archivieren, was ich in seinem sozialen Netzwerk treibe. Aber wollen Sie wirklich, dass jemand die einzelnen Puzzlestücke irgendwann zusammensetzt? Dann wäre Ihr Personenprofil erschreckend konkret.