Vom Netz genommen (10) : Boston und Bagdad - was uns näher liegt

Warum berichten wir ausführlicher und prominenter über einen Bombenanschlag in Boston als über einen Bombenanschlag in Bagdad, fragen sich Leserinnen und Leser. Ein wichtiges Thema für unsere Debattenkolumne.

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Anteilnahme: Der Bombenanschlag von Boston erschüttert nicht nur die direkt von dem Schrecken Betroffenen.
Anteilnahme: Der Bombenanschlag von Boston erschüttert nicht nur die direkt von dem Schrecken Betroffenen.Foto: Reuters

Nach dem Bombenanschlag auf den Boston-Marathon äußerten viele Leserinnen und Leser ihre Anteilnahme in unseren Foren. Aber es gab auch Kritik an unserer ausführlichen und prominent platzierten Berichterstattung sowie der hohen Aufmerksamkeit, die den Geschehnissen von Boston in den Medien insgesamt zuteil wurde. "Ich bitte um einen Brennpunkt, Presseclub, diverse Talkshows", schreibt unser Leser "fsutit" in seinem sicherlich bewusst sarkastischen, weil aufrüttelnd gemeinten Kommentar. "Zwei Tote. Ich würde sagen, dass wir die nächsten zwei Wochen darüber berichten. Dann sind nämlich endlich mal die -zig Toten aus den Selbstmordanschlägen aus Irak, Afghanistan, Pakistan und so weiter aus den Medien raus." Leser "FeverPitch" sekundiert: "Gestern sind übrigens im Irak mehr als 20 Menschen bei Anschlägen gestorben." Warum werde das eine zur "Topmeldung" und das andere nicht? Ähnliche Kritik äußerten auch andere Leserinnen und Leser.

Mich hat diese Diskussion, die ich für grundsätzlich wichtig halte, zu folgendem Tweet veranlasst: "Kritik daran, dass größer über Boston berichtet wird als über Bagdad. Aber den nächsten Bericht aus Bagdad liest dann wieder kaum jemand." Das ist unsere tägliche Erfahrung, durch unsere Zugriffstatistiken belegt. Katastrophen und Anschläge in der westlichen Welt interessieren unsere Leserinnen und Leser bei weitem mehr als Katastrophen und Anschläge in anderen Regionen. Das können wir beklagen, doch es ist erst einmal so. Einen ersten Anhaltspunkt dafür, warum das so ist, lieferte Dorin Popa in einer Antwort auf meinen Tweet: "Nüchtern betrachtet sind Bomben in Bagdad leider Alltag, in Boston News."

Auch auf meiner Facebook-Seite entwickelte sich eine spannende Diskussion zum Thema. Steffen Greschner etwa meint, das geringere Interesse am Irak liege auch an der Berichterstattung selbst. Es werde über "Anschläge in westlichen Ländern sehr viel emotionaler geschrieben und berichtet". Anschläge im Irak dagegen würden "in Artikeln meist behandelt wie ein technisches Status-Update".

Das ist sicher nicht ganz falsch und liegt zum Teil daran, dass wir in Krisengebieten stärker auf Nachrichtenagenturen angewiesen sind, deren Stil traditionell eher emotionslos ist. Grundsätzlich aber würde ich doch für den Tagesspiegel geltend machen, dass unser Nahost-Korrespondent Martin Gehlen nicht weniger emotional schreibt als unser USA-Korrespondent Christoph von Marschall.

Zu einem sich menschlich annähernden Stil gehört aber in jedem Fall der direkte Eindruck vor Ort. Den zu gewinnen ist für einen USA-Korrespondenten sicher weniger schwierig als für dessen Kollegen in Nahost, für den jede Reise mit komplexer Logistik und persönlicher Gefahr verbunden ist - was unseren Nahost-Korrespondenten aber keineswegs vom Reisen ins Krisengebiet abhält.

Wissenschaftlich nachgewiesen, im journalistischen Alltag aber oft intuitiv, orientiert sich Berichterstattung an so genannten Nachrichtenwerten. Einer davon ist "Nähe", ein Begriff, der nicht unbedingt geographisch zu verstehen ist. "News ist immer lokal zu erst", schreibt Drew Portnoy in unserer Facebook-Debatte. "In Deutschland sind Leute im Allgemeinem mehr an Amerika gebunden als an Irak. Man fühlt sich mehr betroffen, weil Boston mit Berlin mehr gemeinsam hat als Bagdad."

Sonja Vogt geht noch einen Schritt weiter: "Die USA SIND näher. Es könnte sein, dass ich selber da bin. So ein Anschlag könnte konkrete Auswirkungen auf mein Leben haben. Das heißt nicht, dass ich über einen Anschlag irgendwo sonst auf der Welt nicht auch traurig bin, nur dass es gute Gründe gibt, sich mehr dafür zu interessieren."

"Erst wenn sich die Lesenden selbst oder die ihnen Gleichen in Gefahr wähnen, dann entwickelt sich das Interesse", schreibt Jürgen Schröder und hält das für durchaus rassistisch, oder zumindest für ethnozentrisch. Robin Pohle widerspricht und wählt ein drastisches Beispiel: "Es ist auch nicht rassistisch, wenn es mir näher ginge, fiele das Kind meiner Nachbarn aus dem Fenster, als wenn ich per News erfahren würde, dass irgendwo anders auf der Welt ein Kind aus dem Fenster gefallen wäre."

Sandor Ragaly jedenfalls ruft uns ermunternd zu, uns immer wieder bewusst über Nachrichtenwerte hinwegzusetzen: "Nur Mut, als Journalisten, zu aufklärerisch-engagierten 'Ausfallschritten', die ja auch zu einer ökonomischen Nische werden können!" Ein wichtiger Anstoß, sicherlich, ... aber: Aufklärung ja, Erziehung nein! Für uns besteht die täglich neu zu diskutierende Aufgabe aus meiner Sicht darin, das eine zu leisten und sich vor dem anderen zu hüten. Wir gehen beim Tagesspiegel davon aus, dass unsere Leserinnen und Leser nicht von uns belehrt werden wollen. Und deshalb wollen wir Ihnen auch nicht mit erhobenem Zeigefinger sagen: Das hier hat Sie aber jetzt gefälligst zu interessieren!

Was uns aber nicht davon abhalten darf, Ihnen neben der Berlin- und Deutschland-Berichterstattung auch ein möglichst breitgefächertes außenpolitisches Angebot zu machen. Dabei müssen wir täglich aufs Neue auswählen, wie wir unsere Ressourcen am besten einsetzen. Beim Thema Irak zum Beispiel dürften einzelne, großangelegte, hintergründige, analytische Beiträge wohl mehr Wirkung erzielen als tägliche, womöglich auch noch abstumpfende Terrormeldungen.

Und jetzt sind Sie wieder dran, liebe Leserinnen, liebe Leser. Was meinen Sie? Berichten der Tagesspiegel und andere Medien zu ausführlich und prominent über die Ereignisse von Boston? Kommt die Krisenberichterstattung aus anderen Teilen der Welt, etwa aus dem Irak, dabei zu kurz? Und wie kommt es aus Ihrer Sicht, dass sich weniger Menschen zum Beispiel für den Irak interessieren? Ist dabei gar Rassismus im Spiel? Kommentieren und diskutieren Sie mit! Nutzen Sie dazu bitte die einfach zu bedienende Kommentarfunktion etwas weiter unten auf dieser Seite.

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