Wahlkampf im Internet : Aus Politikern werden Social-Media-Versteher

Im Bundestagswahlkampf tummeln sich neun von zehn Bundespolitikern mindestens in einem Sozialen Netzwerk. Doch den Internetdialog mit dem Bürger scheuen viele Volksvertreter weiterhin.

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Neulich hat es Bärbel Bas wohl übertrieben. Auf Twitter leitete die SPD-Bundestagsabgeordnete aus Duisburg einen Tweet weiter, in dem die Wörter „sexistische Kackscheiße“ vorkamen. Weil ihr der Ausdruck im Nachhinein zu drastisch schien, klickte sie auf Löschen.

Wenn Politiker, gerade jetzt im Wahlkampf, übers Ziel hinausschießen, können sie ihre Tweets widerrufen.  Gäbe es da nicht den Gratisdienst www.politwoops.de, gegründet von niederländischen Open-Data-Aktivisten, der sämtliche Nachrichten von Bundestagsabgeordneten archiviert, die im Nachhinein gelöscht wurden.  

Viele Tweets bringen viele Stimmen - scheinen einige Politiker zu glauben

Viele Tweets bringen viele Stimmen, diese marktschreierische Logik treibt so manchen Wahlkämpfer um. Sicher ist: Der Wahlkampf im Internet hat für die Parteien einige Vorteile. Ungefiltert von den Redaktionen der Massenmedien können die eigenen Positionen in Bild und Ton, Wort und Video verbreitet werden. Und der Erfolg scheint messbar. Das spornt an. Keine Partei will im Wahlkampf auf die Chancen des Internets verzichten. Die CDU ist etwas geschickter darin, ihre Plakatmotive auf Facebook an die Größe der Chronikspalten anzupassen, als die SPD, deren Sammlung peinlicher Fotos von Merkel, Rösler und Seehofer vielen im Netz als nicht minder peinlich erscheint. Insgesamt aber achten die Wahlkampfmanager darauf, keine relevante Plattform zu vernachlässigen.

Überhaupt sind aus den Volksvertretern wahre Social-Media-Versteher geworden. Wie der IT-Lobbyverband Bitkom mithilfe des „Hamburger Wahlbeobachters“ Martin Fuchs ermittelte, sind neun von zehn Abgeordneten mindestens in einem sozialen Netzwerk präsent. Unter den im Bundestag vertretenen Parteien führend sind die Grünen, die sowohl Facebook als auch Twitter am stärksten nutzen. Die rote Laterne hält die CDU/CSU-Fraktion. Besonders mit Twitter (nur vier von zehn Abgeordneten) fremdeln die Volksvertreter der C-Parteien. Angela Merkels Einschätzung, dass es bei der Wahl noch einmal eng werden könnte, ist also so falsch nicht. Bei der Zahl der Facebook-Fans liegt die Kanzlerin mit weit über 300 000 zwar anscheinend uneinholbar vorn, doch auf diesen Lorbeeren kann sie sich nicht ausruhen.

Die vermeintliche Messbarkeit des Erfolgs führt dazu, dass nicht nur die Parteien auf die vermutete Objektivität der Zahlen setzen. Die Vielfalt an Monitoringplattformen, die die Zahl von Fans, Tweets und Posts als zusätzliches Element der Wahlprognostik nutzen wollen, ist beeindruckend. Die Seite „Fanpage Karma“ wertet beispielsweise die Fanseiten von acht Parteien auf Facebook aus. Ergebnis: Die Alternative für Deutschland liegt bei der Zahl der Fans, dem Zuwachs an Fans und deren Interaktionsintensität vorn. Das Twitter-Barometer, an dem auch Blogger Sascha Lobo beteiligt ist, analysiert Tweets in Echtzeit. Es unterscheidet zusätzlich, ob die Aussagen positiv oder negativ ausfallen. In eine ähnliche Richtung geht das Analysetool der „Wirtschaftswoche“ mit ihrer Seite „So wählt das Netz“. Es basiert ebenfalls auf dem Prinzip von Zustimmung und Ablehnung und überträgt das auf die Aussichten der Kandidaten. Zurzeit liegt Peer Steinbrück mit fast 60 Prozent in Führung.

Wer Bundestagsabgeordneten auf Twitter folgt, merkt schnell: Das Politikerleben in Wahlkampfzeiten ist hart. Ständig wird von Dorffesten, Grillfeiern und Seniorentreffs in den jeweiligen Wahlkreisen getwittert, gern dabei eine „Spitzenstimmung“ attestiert. Manche Politiker fallen durch Konzept-Tweets auf:  Ralf Stegner, SPD-Fraktionschef in Kiel, beschenkt seine Follower jeden Tag mit einem „Musiktipp“, zum Beispiel: „Knockin’ on Heaven’s Door“, „I Don’t Want Talk About It“ oder auch „Don’t Worry, Be Happy“. Als Zustandsbeschreibung seiner Partei sollte man die Titel nicht deuten.

Auch Fehden werden ausgetragen. Allen voran die CDU-Abgeordnete Erika Steinbach, die am liebsten gegen die Grünen polemisiert: Omid Nouripour etwa wirft sie vor, nie bei „Vereins- oder Straßenfesten“ anwesend zu sein: „Zu fein für das Volk!“.

In der Wortwahl wird es schnell undiplomatisch, wenn Politiker Tweets weiterleiten. So geschehen beim niedersächsischen CDU-Bundestagsabgeordneten Michael Grosse-Brömer: Er leitete eine Nachricht weiter, in der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück als „Problempeer“ und dessen Wahlkampfhelfer Günter Grass als „Nazi“ bezeichnet wurden. Nach 24 Minuten wurde der Beitrag gelöscht. Ein Sprecher Grosse-Brömers sagt, der Tweet sei vom ursprünglichen Verfasser der Nachricht zurückgezogen worden.

Peter Altmaier wiederum fällt durch erstaunliche Rechtschreibprobleme auf. Der Bundesumweltminister hadert mit Groß- und Kleinschreibung, seine Kommasetzung könnte man wohlwollend als „chaotisch“  bezeichnen, gleiches gilt für den Gebrauch des Apostrophs. Die Unmittelbarkeit ist einer der größten Reize von Twitter: Bei Festschriften helfen Referenten, aber hier tippt Peter Altmaier tatsächlich selbst ins Handy.

"Der Account von @peersteinbrück wird schon wieder von Fake-Followers geflutet"

Andere lassen ihre Mitarbeiter twittern. Unter Peer Steinbrücks Namen wurde im März etwa folgendes unvorteilhafte Statement verbreitet: „Wann hat sich ein Kanzlerkandidat irgendeiner Partei schon mal für Netzpolitik interessiert! Wann?“ Der Spruch wurde, man ahnt es, bald wieder gelöscht.  Politiker anderer Parteien berichten zudem über sprunghafte Anstiege von Steinbrücks Follower-Zahlen – was den Verdacht nahelegt, die seien dazugekauft. Peter Altmaier twitterte fehlerfrei: „Scheint, der Account von @peersteinbrueck wird schon wieder mit Fake-Followers geflutet!“ Das muss allerdings nicht heißen, dass die zusätzlichen Steinbrück-Fans vom SPD-Lager eingekauft wurden. Genauso gut könnte ein politischer Gegner dahinterstecken, um Steinbrück anschließend zu diffamieren.

Was die Zahlen und Analysen wert sind, wird sich am 22. September erweisen. So sehr die Parteien die Wähler im Internet umwerben, an einem echten Dialog sind sie überwiegend nicht interessiert. Das Otto-Brenner-Institut spricht in der Studie „Der Partizipationsmythos“ von Verlautbarungen und Einweg-Kommunikation. Viele Politiker sind mit den schier endlosen Möglichkeiten des Internets überfordert.

Nicht Dialog, aber streckenweise nützliche Informationen und bestenfalls gute Unterhaltung finden Politikinteressierte auf den Youtube-Seiten der Parteien. Die NDR-Sendung „Extra 3“ sollte darüber nachdenken, Lizenzgebühren zu erheben. Der Grünen-Spot „Neues aus dem schwarz-gelben Tierreich“ über die Schneckenplage rückgratloser Koalitionspolitiker hat sich von der Satiresendung inspirieren lassen. Aber auch bei der „Sendung mit der Maus“ hat sich das Wahlkampfteam der Grünen einiges abgeschaut. Das „Grüne Freiwilligenvideo: Tipps zum Straßenwahlkampf“ setzt auf Aha- und andere Lerneffekte bei der eigenen Basis: „Nur nicht auf endlose Diskussionen mit dem Wähler einlassen. Aktivieren und überzeugen“, lautet die Handlungsanweisung.

Der schönste Spot aber stammt von Rebecca Hummel, die für die SPD aus Reutlingen in den Bundestag einziehen möchte. Schon vorher will sie ihren Wählern etwas Gutes tun und hat ein kleines Video aufgenommen, in der sie mit Schürze und rotem Trichter bewaffnet demonstriert, wie man einen Erdbeer-Brotaufstrich herstellt. Ob man mit solchen süßen Verlockungen mehr als Fliegen fängt, wird sich zeigen.

Glossar

WAHLKAMPF-HASHTAGS

Zur besseren Auffindbarkeit und Verbreitung ihrer Tweets verwenden Politiker derzeit oft den Hashtag #btw13, eine Abkürzung für „Bundestagswahl 2013“. Ein schlichtes #btw ist dagegen nicht ganz so zielführend, weil es auch für „by the way“, also „übrigens“, verwendet wird. Seit dieser Woche enorm populär: der Hashtag #R2G, der für das Planspiel einer Rot-Rot-Grünen Regierung steht.

SCHLAMMSCHLACHTEN

Negative Campaigning wird auch als Mud Slinging oder übersetzt Schlammschlacht bezeichnet. In den USA sind Schmähungen des politischen Gegners erlaubt, gelten sogar als unterhaltsame Bereicherung. In Deutschland sind sie verpönt.

SCHNELLE ANTWORTEN

Eine erlaubte und fest etablierte Form des Internetwahlkampfes ist das Rapid Response, also die schnelle Antwort. Jede Äußerung des politischen Gegners in TV-Interviews, Townhall-Meetings oder im Kanzlerduell wird auf den Wahrheitsgehalt abgeklopft und auf speziellen Seiten wie dem Schwarz-Gelb-Blog der SPD beantwortet.

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