Digitales Leben : Herr Doktor, ich hatte einen Absturz

Viren, Abstürze, Organversagen. Auch Computer werden mal krank. Unser Reporter rückt mit einem PC-Doktor zu den Notfällen der digitalen Gesellschaft aus.

Philipp Wurm
Lebensretter sind heute auch PC-Doktoren. Sie verarzten die Notfälle der digitalen Gesellschaft.
Lebensretter sind heute auch PC-Doktoren. Sie verarzten die Notfälle der digitalen Gesellschaft.Foto: dpa

Baranskis Handy nimmt keine Rücksicht auf den Verkehr. Nicht auf dem Stadtring, nicht auf irgendeiner der anderen verstopften Straßen in Berlin. Es läutet unerbittlich wie ein Wecker, mit dem lärmenden Stakkato der Titelmelodie des Actionfilms „Mission Impossible“. Der Smart vibriert. Wenn er abgenommen hat, entspannt sich die Lage wieder, dafür sorgt schon Baranskis beschwichtigende Stimme, die meistens drei Wörter sagt: „Gar kein Problem.“

Maciej Baranski ist Inhaber, Fahrer und Fachkraft des Ein-Mann-Unternehmens „PC Notdienst 24h“, und wenn er angerufen wird, sitzen am anderen Ende der Leitung Menschen, deren Hilfsbedürftigkeit auch jede Krankenschwester der Welt rühren würde. Sie klagen über die Malaisen ihres Rechners, über Viren und Infizierungen, über Abstürze und Zusammenbrüche, im Tonfall solcher Beunruhigung, als seien die Beschwerden ihre eigenen. Dann macht sich Baranski, gelernter Fachinformatiker, auf den Weg zu ihnen und entledigt sie ihrer Sorgen, schnell und ohne Umwege.

24 Stunden am Stück im Einsatz für den Patienten Computer: Der Informatiker und PC-Doktor Maciej Baranski, 33, stellt sein Handy nie aus.
24 Stunden am Stück im Einsatz für den Patienten Computer: Der Informatiker und PC-Doktor Maciej Baranski, 33, stellt sein Handy...Foto: Thilo Rückeis

Dass mobile IT-Experten wie er sich dabei Namen geben wie Lebensretter, „PC-Feuerwehr“, „PC-Notarzt“ ist nachvollziehbar. Sie operieren an einem lebenswichtigen Organ. Wer einen siechen Rechner hat, ist im digitalen Zeitalter selbst out of order. Und wer in dieser Situation das Smartphone zur Prothese machen will, merkt schnell, dass diese Idee unerquicklich ist – zu klein und zu langsam ist das Gerät.

Es ist halb zehn morgens, als Baranski heute seine erste Wiederbelebung in Angriff nimmt, im Anzug, mit Seitenscheitel und glänzenden Schuhen. Er betritt ein quaderförmiges Einfamilienhaus im noblen Zehlendorf, in der Hand seinen Werkzeugkoffer. Darin befinden sich Ersatzteile: ein Netzwerkkabel, ein Arbeitsspeicher, eine Grafikkarte, eine Festplatte und ein CD-ROM-Laufwerk, außerdem eine Taschenlampe, Schraubenzieher und diverse Software-CDs.

Die Haushälterin führt Baranski in ein Jungenzimmer im ersten Stock. Deodorants, Fantasy-Bücher und Rap-CDs füllen die Regale. Auf dem Schreibtisch ist ein Netbook aufgeklappt. Der Patient. Der Rechner ihres Sohnes stürze regelmäßig ab, hat ihm die Mutter, eine Ärztin, gesagt, und ihn hergebeten.

Baranski vermutet einen Virus. Er will ihn mit einem Säuberungsprogramm killen und das Betriebssystem neu installieren. Vorher möchte er die Daten, Schulmaterial und Musikdateien etwa, auf einer externen Festplatte aussichern. Nachdem beim Kopieren die Statusleiste stehen geblieben ist, legt er sein Ohr ans Gehäuse des Rechners, wie an den Brustkorb eines Kranken und korrigiert seinen Anfangsverdacht. „Die Festplatte ist kaputt, sagt er und ahmt das verräterische Geräusch nach: „Derrrittt, derrrittt, derrrittt…“, zirpt er. Er wird eine neue Festplatte kaufen und einbauen.

Das Büro einer Immobilienfirma in einem Charlottenburger Altbau, ungefähr zwei Stunden später. Schneeweiße Wände, Ölgemälde, Parkettboden. Baranski sitzt wieder vor einem Netbook, diesmal etwas angespannt. Der Rechner gehört Thomas Petz, 52, einem Kaufmann, dessen Internetverbindung gestört ist. Er ist auf das Netbook angewiesen, um unterwegs Anhänge von Mails öffnen zu können, Rechenschaftsberichte oder Renovierungsfotos.

Baranski setzt das Betriebssystem neu auf. Während die Zeit verstreicht, erzählt er das Naheliegende: dass Geduld die wichtigste Eigenschaft in seinem Job sei. Dann blickt er wieder auf den Bildschirm. Der Zugang ins Internet misslingt immer noch. Er macht, was er auch sofort hätte tun können: Er tauscht die SIM-Karte aus, um zu prüfen, ob sie beschädigt ist. Tatsächlich, der Verbindungsaufbau glückt, nachdem er die SIM-Karte aus seinem eigenen Handy eingeschoben hat. Er rät Thomas Petz, beim Netzbetreiber eine neue Karte zu ordern. Dessen Laune bleibt ungetrübt. Während der Fehlersuche hat Petz ohnehin lieber über Herthas Chancen im Abstiegskampf räsoniert, als über die Unzuverlässigkeit seines Rechners zu jammern.

Eine knappe Stunde danach, um halb drei, findet sich Baranski im plüschigen Wohnzimmer einer 71-jährigen Rentnerin wieder. Während er an ihrem Computer werkelt, hört sich Baranski höflich die Lebensgeschichte der Frau mit den rosa getönten Haaren an, in der ein Job als Haushälterin in einer Grunewalder Villa und eine Liebe zu einem zechenden Bauarbeiter größere Rollen spielen. Die Probleme ihres Computers scheint die Dame dabei beinahe zu vergessen. Dessen Internetverbindung ist defekt. Baranski entdeckt einen Schaden im Betriebssystem und behebt den Fehler mit einer Neuinstallation. Was im Büro der Immobilienfirma nichts genützt hat, erweist sich hier als richtig. Die Rentnerin kann nun wieder mit ihren Geschwistern chatten und auf Facebook alte Bekannte suchen. Sie giggelt.

Es ist sechs Uhr, als Baranski in den Aufzug eines Plattenbaus im Köpenicker Salvador-Allende-Viertel steigt. Im achten Stock wohnt der 70-jährige Peter Doernbrack mit seiner Frau, sie sind ebenfalls Rentner. Ihr Laptop ist von einem „Lösegeld“-Trojaner befallen. Dabei wird der Rechner gesperrt, unter dem Vorwand, der User habe Kinderpornos hochgeladen oder das Urheberrecht verletzt. Oberhalb der Meldung prangen die einschüchternden Embleme von Ermittlungsbehörden wie dem BKA oder von Verwertungsgesellschaften wie der GEMA. In Wirklichkeit stecken Cyberkriminelle dahinter. Sie verlangen eine Geldüberweisung, um den Computer zu entsperren.

Nachdem er eine Windows-Boot-CD eingeworfen und mit der Taste F10 das System in den Auslieferungszustand zurückversetzt hat, macht er das, worauf letztlich die meisten Aufträge hinauslaufen. Er richtet das Betriebssystem sowie wichtige Programme und Treiber neu ein. Doernbrack ist dankbar, dass Baranski diese Kärrnerarbeit verrichtet. „Dit wäre mir zu viel jewesen“, stöhnt er. Auf dem bereinigten Laptop zeigt Doernbrack noch schnell ein paar Bilder, die er auf seinem Balkon aufgenommen hat. Dort nisten Grünfinken. Das Wachstum der Küken zu dokumentieren, ist sein liebster Zeitvertreib am Rechner.

Der letzte Auftrag führt Baranski in den äußersten Westen Berlins, nach Spandau. Die Abendsonne hüllt die Stadtautobahn in orangefarbenes Licht. „Heute ist ein guter Tag“, bilanziert er. Am Ende wird er etwa 300 Euro verdient haben. 40 Euro kassiert er pro Stunde. Nachts fährt er nie aus. Man könne ihn zwar aus dem Schlaf klingeln, aber kaum ein Problem ist so akut, dass seine Lösung nicht bis zum anderen Tag warten könnte.

In Spandau trifft Baranski auf den Landschaftsgärtner Moritz Patzek, 26, und den Industriemechaniker Julian Bethge, 22. In einer Altbauwohnung fläzen sie sich auf der Couch. Sie sind Nachbarn und teilen sich einen Wireless-LAN-Anschluss. Vor ihnen breitet sich ein Glastisch aus wie ein Ufo, darauf steht ein Netbook. Patzek sagt, er könne sich nicht einwählen, und es mache ihn extrem nervös, offline zu sein. Es fühle sich an wie eine Nabelschnur, die gerissen ist. Baranski bugsiert ihn innerhalb von einer Viertelstunde zurück ins Netz. Die Verschlüsselungstechnik WPA2 war nicht kompatibel mit dem Asus-Netbook.

Baranski verlässt die Wohnung, im Treppenhaus nuckelt er an einer Cola-Flasche, dann tritt er hinaus ins Freie. Es ist halb neun, die Sonne hat sich mittlerweile gesenkt. Er hievt seine Werkzeugtasche in den Kofferraum seines Smarts. Sein Handy wird an diesem Tag nicht mehr lärmen. Seine Patienten sind wieder gesund, seine Kunden wieder angeschlossen an die digitale Welt. Mission accomplished.

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