Doku : Die Beute der Oligarchen

Nur ein bisschen politisch: ARD, ZDF und Arte stimmen mit Dokumentationen auf die Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine ein.

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Orangefarbene Revolution. Ukrainer demonstrieren friedlich gegen die Wahl von Wiktor Janukowitsch. Die Doku informiert über die politische Lage in dem EM-Land. Foto: MDR
Orangefarbene Revolution. Ukrainer demonstrieren friedlich gegen die Wahl von Wiktor Janukowitsch. Die Doku informiert über die...Foto: © Films Grain de Sable

Wundersames Polen: Pater Knotz ist Kapuzinermönch und, nun ja, Sexberater. Jedenfalls hat er ein populäres Buch geschrieben („Sex ist göttlich“), und seine Sex-Seminare in Klöstern scheinen auch recht gut besucht zu sein. Denn die ARD hat in Gestalt von Warschau-Korrespondent Ulrich Adrian mal vorbeigeschaut. Wieso Pater Knotz, ein schmächtiger, ernst dreinblickender Mann um die Vierzig, von der Mission erfüllt ist, Katholizismus und Sexualität einigermaßen zu versöhnen, erfahren wir nicht. Aber sein Erfolg ist offenkundig beträchtlich. Eine der Teilnehmerinnen sagt im Klosterkreuzgang nach dem Seminar, übrigens in Anwesenheit des Gatten: „Im Gebet laden wir Gott in unser Bett ein. Ich bitte ihn dann, der Regisseur unseres Treffens zu sein.“ Ihr Orgasmus, sagt sie noch, sei „eine Gabe des Himmels“.

Diese fröhlich-fromme Episode ist Teil der Land-und-Leute-Reportage „Im Osten was Neues“, die die ARD am Pfingstsonntag zur „Sportschau“-Zeit (18 Uhr 30) ausstrahlt. Denn wenn die Korrespondenten der öffentlich-rechtlichen Sender zu ausgedehnten Reisen ausschwärmen, ist entweder Weihnachten oder ein sportliches Großereignis steht bevor – in diesem Fall die Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. Während Adrian also neben Pater Knotz noch die Hochzeit eines jungen Paares in einem stillgelegten Salzbergwerk nahe Krakau, den komplizierten Stapellauf einer Luxusyacht in der Danziger Werft und eine grenzüberschreitende Fußballbegegnung zweier Nachbarschaftsdörfer schildert, reist Ina Ruck, seine Kollegin aus dem Moskauer ARD-Studio, durch die Ukraine. „Quer durch ein Land, das zu Unrecht kaum jemand kennt“, schwärmt sie.

Um aktuelle Politik kümmert sich Ruck zwar nicht, aber ganz und gar unpolitisch ist ihr hübscher Bilderbogen durchaus nicht. So lernen die Zuschauer die „Femen“-Frauen, die barbusig für Frauenrechte und gegen Prostitution kämpfen, auch mal angezogen kennen, und begleiten die Autorin an den Frühstückstisch des Oligarchen Alexander Jaroslawskij, der in seiner Heimatstadt Charkow 300 Millionen Euro in den Fußballklub Metalist, ein neues Stadion und einen neuen Flughafen gepumpt hat. Das werde sich erst in 20 Jahren rentieren, sagt Jaroslawskij und lächelt unverdrossen. Der Mann hat’s ja. Neben ihm sitzt seine dritte Ehefrau, die er bei einem Schönheitswettbewerb kennenlernte. Einem Wettbewerb, den er selbst gesponsert habe, sagt Ina Ruck und ergänzt ironisch: „Überhaupt, er sponsert gerne.“

Solche Reisereportagen der Korrespondenten – am Pfingstmontag ziehen für das ZDF Armin Coerper und Anne Gelinek mit „Rendezvous im wilden Osten“ nach – liefern kurzweilige Stimmungsbilder, wirklich in die Tiefe dringen sie nicht.

Dafür muss man mal wieder zum Nischensender Arte wechseln, der am Dienstag mit „Ukraine: Demokratie mit Hindernissen“ – der MDR ist Koproduzent – ausführlich über Geschichte und politische Hintergründe in dem EM-Gastgeberland informiert.

Bemerkenswert sind der Reichtum des Bildmaterials aus dem Archiv ebenso wie die Tatsache, dass nahezu alle relevanten Akteure der vergangenen Jahrzehnte vor die Kamera treten: die Ex-Präsidenten Leonid Krawtschuk, Leonid Kutschma und Wiktor Juschtschenko ebenso wie die aktuellen Gegenspieler, Präsident Wiktor Janukowitsch und Oppositionsführerin Julia Timoschenko, die vor ihrer Inhaftierung interviewt wurde.

Die insgesamt 105 Filmminuten bieten einen gehaltvollen, packenden Politkrimi und schildern ein Land, das seinen Platz zwischen der EU und Russland sucht, aber unter Janukowitsch vollends zur Beute der Oligarchen zu werden droht – während die Fußballwelt sich nun im Glanz der von ihnen finanzierten bombastischen Stadien sonnt.

„Im Osten was Neues“, Pfingstsonntag, 18 Uhr 30, ARD; „Rendezvous im wilden Osten“, Pfingstmontag, 19 Uhr 15, ZDF; „Ukraine: Demokratie mit Hindernissen“, Dienstag, 21 Uhr 30, Arte

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