Doku mit Claus Kleber : „Der Kontrast ist zum Kotzen“

Claus Kleber hinterfragt in Krisenregionen Hungersnöte und Wassermissbrauch. Eine sehenswerte Dokumentation, mit manchmal zu viel Empörung und zu wenig Erklärung.

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Zu Besuch bei Reisbauern in Nordindien.
Zu Besuch bei Reisbauern in Nordindien.Foto: Arte

Seit 2008 wächst die Weltbevölkerung drei Mal schneller als die Agrarproduktion. Hunger und Durst nehmen zu. Tatsachen, die bedrücken und Claus Kleber nicht ruhen lassen. Der Anchor des „heute-journals“ hatte sich zusammen mit Angela Andersen schon um die „Bombe“ und den „Machtfaktor Erde“ gekümmert; das waren jedoch Dokumentationen, die strategische, sprich kühle Fragen im dokumentarischen Analyse-Stil behandelten.

Damit ist bei „Hunger!“ und „Durst!“ Schluss. Beide Filme zeigen nicht den coolen News-Mann, dafür einen aufgewühlten, mitfühlenden Reporter. In seinem Off-Kommentar formuliert Kleber Sätze wie „Mit den Eindrücken muss ich erst mal fertig werden“ oder „Der Kontrast ist zum Kotzen“. Seine Filmreise führt ihn zu Brennpunkten des Hungers und der Wasserknappheit, zu Orten in Afrika, China, Australien, Indien, in den USA, auch Spanien ist darunter. Plastisch, ad personam, quasi durch den Reporter hindurch sollen die Probleme, im selben Duktus auch etwaige Lösungen vorgeführt werden.

Afrika bietet beide Seiten der Knappheitsmedaille. In Sierra Leone kaufen internationale Investoren riesige Landflächen auf, um riesige Palmöl-Plantagen anzulegen. Die Bauern sind jetzt Angestellte des Konzerns, der neben allem Profit um eine deutlich bessere Infrastruktur, sprich bessere Lebensbedingungen besorgt ist, zugleich sind die früheren Landbesitzer die Betrogenen. Sie haben keinen fairen Deal bekommen. Kleber verschweigt nicht, dass in der umgedrehten Verteilungspyramide von oben nach unten die eigenen Leute die eigenen Leute benachteiligen. Es geht anders, wie ein zweites Beispiel aus Afrika nachweist. Die Welthungerhilfe hat in einem Dorf effiziente Starthilfe geleistet. Mit einer entsprechenden Mühle kann das Dorf so gutes Maniokmehl produzieren, dass es sich auf dem Weltmarkt gewinnbringend verkaufen lässt. Jedes Land ist auf seine Weise arm und reich. In Indien verhungern Menschen, während Spekulanten der Gewinne wegen Tonnen von Getreide verrotten lassen.

Kleber will den Chinesen nicht die Steaks verbieten

Die Dokumentationen verfolgen den Zwei-Wege-Kanon weiter. In China wächst der Fleischverbrauch enorm, damit hängt zusammen, dass auf drei Viertel der weltweiten Ackerfläche Tierfutter angebaut wird. Nahrung für Fleischlieferanten, gut und schön, aber stimmt da die Relation, wenn sich die Ernährungsfrage hier wie dort stetig verschärft? Kleber will den Chinesen nicht die Steaks verbieten, er habe allerdings nach der Reise seinen Fleischkonsum eingeschränkt.

Die Filme von Andersen und Kleber entziehen sich nicht immer der Gefahr, komplexe Situationen zu vereinfachen. Es ist, manchmal, zu viel Empörung drin und zu wenig Erklärung. Ob es das heiße Bemühen um die richtige Wirkung beim Publikum, die Lust, die eigene Empfindung zu empfinden, oder schlicht der angemessene Duktus beim Thema ist – Claus Kleber scheut insbesondere das Pathos im Thema nicht: „Die Welt ist noch nicht bereit, sich dieses Problems wirklich anzunehmen. Wäre sie es, ließe sich eine Lösung finden.“ Zehn Milliarden Menschen werden 2050 Hunger und Durst haben.

Bimediale Projekte

Die Schauwerte in den beiden Filmen sind beträchtlich, der Nährwert beachtlich, der Mehrwert weniger: Vorgefundene Mängel und Möglichkeiten werden nicht nach hinten, nicht nach vorne, nicht in die Höhe, nicht in die Tiefe verlängert. Kaum Grafiken, es regiert das berührende Bild, die Kameraarbeit von Thorsten Thielow beeindruckt. Der liquide Stil umfängt den Zuschauer, er will sehen, was Kleber sieht, er will hören, was der Autor und die Betroffenen zu sagen haben. Die Macher setzen auf die Bimedialität des Projektes. Während der Fernsehpart der Emotion huldigt, gibt das Webmodul eindeutig der Information den Vorzug. Was im Netz angeboten wird, ist aufwendig, hier gibt es fundierte Antworten, wo Claus Kleber berechtigte Fragen stellt.

An einer Stelle im „Hunger!“-Film, in Indien, kann Claus Kleber nicht anders. Der Reporter und sein Team treten aus ihrer Journalisten-Rolle heraus und suchen ein verhungerndes Kind zu retten. Es gelingt. Das Glück wird spürbar, für den Zuschauer erfahrbar. Ein Moment, da alle Fernsehkritik schweigen will.

„Hunger! Durst!“, Arte, Dienstag, ab 20 Uhr 15

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