Doku und Experiment bei ZDFneo : Wie sexistisch sind wir?

Dunja Hayali und Jaafar Abdul Karim recherchieren in einer ZDFneo-Dokumentation zum Sexismus in Deutschland. Und danach gibt es ein Experiment

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Ich weiß, was du bist! Dunja Hayali und Jaafar Abdul Karim arbeiten sich erst allmählich vom Klischee weg.
Ich weiß, was du bist! Dunja Hayali und Jaafar Abdul Karim arbeiten sich erst allmählich vom Klischee weg.Foto: ZDF und Jochen Blum

Mit Sexismus ist es wie mit der Pornografie. Eine unzweideutige Definition ist schwierig, erst das Beispiel fordert die Reaktion heraus, das sei aber so was von sexistisch/pornografisch. Fragt Dunja Hayali ihren Moderationskollegen Jaafar Abdul Karim: „Kannst du eigentlich denken und reden, Multitasking?“ Fragt er sie: „Kannst du überhaupt parken, und wie gut kannst du kochen?“ Klingt wie schon oft gehört. Aber: „Ist das Sexismus?“, fragt Karim. Und dann ziehen beide in verschiedene Richtungen los, um Antworten auf die Frage „Wie sexistisch ist Deutschland?“ einzuholen. Die Frage ist zugleich der Titel einer Dokumentation bei ZDFneo am Mittwoch.

Der Beitrag ist keine auf 45 Minuten gezogene Straßenumfrage, die Moderatoren suchen gezielt Profis im Thema auf. Jaafar Abdul Karim trifft Marko Mitrovic, der sich Marko Polo nennt. Er ist ein Pick-up-Artist, also jemand, der Männer coacht, die nicht wissen, wie sie Kontakt zu Frauen aufnehmen sollen. „Scannerblick einschalten: Wo könnte eine attraktive Frau für dich sein?“, empfiehlt er Jaafar Abdul Karim beim gemeinsamen Kirmesbesuch. Er gibt Männern über einen „Knopf im Ohr“ Tipps zur Anmache. Die Sprache, die Pick-up-Artists benutzen, ist unverhohlen, „hot babe“ ist das Kürzel für attraktive Frauen. Marko Polo sagt, das habe „einen sexistischen Beigeschmack“. Er untertreibt. Jaafar Abdul Karim spricht aber auch mit Männern, die erzählen, wie sie von (ihren) Frauen misshandelt wurden. Sexismus mag hier nicht Kern des Verhaltens sein und spielt doch eine Rolle. Klar wird hier wie bei anderen Beispielen: Die Formen von Sexismus mögen genderbezogen sein, Sexismus aber ist nicht geschlechtsbeschränkt.

Während Jaafar Abdul Karim seine Erfahrungen in der Männerwelt macht, trifft Dunja Hayali die Kunsthistorikerin Maike Brockhaus, die Pornos speziell für Frauen dreht. Aber solche, die mit Geschlechterstereotypen spielen, und mit Darstellern, die nicht den Klischees der Pornoindustrie entsprechen, wie die Filmemacherin betont. Ihr Freund ist auch dabei. Vielleicht sind die Ausschnitte schlecht gewählt, doch der Eindruck, die Brockhaus-Pornos seien sehr verschieden vom Rein-raus-Männer-Mainstream, dieser Eindruck will sich nicht einstellen.

Ärger und Streit über sexistische Werbung

Mit der Genderforscherin Stevie Schmiedel ärgert sich Dunja Hayali sie über sexistische Werbung – mit der Bäckerin, die lasziv am Brötchen lutscht, oder der Gerüstbaufirma, die auf Frauenbrüste als Hingucker setzt – und streitet sich mit ihr, ob der Mann, der am Brötchen lutscht oder sich auf einer Lkw-Plane räkelt, nicht genauso sexistisch ist. In keiner anderen Begegnung des Filmes wird offenbar, dass Sexismus wie Pornografie im Auge und/oder des Betrachters/der Betrachterin liegt.

Auf die Dokumentation folgt ein Experiment, dessen 18 Teilnehmer glauben, es gehe tatsächlich um eine Marktforschungsstudie. Sie sollen entscheiden, wen sie mit auf eine Insel nehmen würden, auf der sie gemeinsam überleben sollen. Dabei sitzen immer Schauspieler mit am Tisch. Einer von ihnen provoziert durch sexistische Ansichten, lehnt demonstrativ weibliche Metallbauer ab. Und wie reagieren die Probanden? Viele verdrehen die Augen und lassen seine Sprüche nicht unkommentiert, aber niemand weist ihn klar zurecht. Die Männer setzen ihm dabei mindestens so deutlich Grenzen wie die Frauen.

Wie sexistisch Deutschland ist? Die Beiträge geben keine eindeutige Antwort im Sinne eines Skalenwerts. Zugleich zeigen Recherchereise und Experiment, dass sich das Fluide des Begriffs an einer Tatsache nicht vordrücken kann: am Sexismus in Deutschland.

„Wie sexistisch sind wir?“, ZDFneo, Mittwoch, 21 Uhr 45

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