Dokudrama : Götz George spielt seinen Vater

„George“, der Erweckungsversuch des Schauspielergenies Heinrich George durch Sohn Götz George muss scheitern. Er tut das grandios.

Nikolaus von Festenberg
Heinrich George (gespielt von Sohn Götz George) in der Rolle als Götz von Berlichingen.
Heinrich George (gespielt von Sohn Götz George) in der Rolle als Götz von Berlichingen.Foto: SWR

Schiller, nicht Goethe hat es gewusst: „Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze.“ 1798 schrieb der „Räuber“-Dichter als Prolog zum dramatischen Gedicht „Wallenstein“ bei der Wiedereröffnung der Schaubühne in Weimar Sätze auf, die eine tragische Wahrheit beschreiben: „Denn schnell und spurlos geht des Mimen Kunst, die wunderbare, an dem Sinn vorüber. Wenn das Gebild des Meißels, der Gesang des Dichters nach Jahrtausenden noch leben.“ Jahrtausende sind nicht vergangen, aber über dem Projekt, Vater Heinrich George (1893–1946) von Sohn Götz (geboren 1938) ein Fernseh-Denkmal errichten zu lassen, liegt die Melancholie der Vergänglichkeit. Der Alte ist uns fern. Bildungslücken (und das Regietheater?) haben das Theater und dessen Faszination an den Rand gedrückt. Heinrich-George-Filme wirken fremd und museal, Heinrichs kolossaler Körper widerspricht gängigem Schönheitsideal. Und ein Anti-Nazi-Held war er auch nicht.

Er muss wohl großartig gespielt haben, aber die meisten Heutigen sind nicht dabei gewesen. Seltsam berührt steht man vor Sätzen, die Regisseur Jürgen Fehling Heinrich George 1946 nachgerufen hat: „Zehn Jahre lang stand er wie eine prangende Eiche im Zenit seines Mannestums, 1923 bis 1933 herrschte er, ein König der Fantasie, im Berliner Theaterreich. Keiner konnte sich mit ihm messen. Seine Stimme konnte aussprechen, wie Steine schreien. Er war der wildeste Totentänzer.“ Man kann verstehen, dass einer wie Heinrichs zweiter Sohn Götz 74 werden musste, um sich dem Leben des Vaters zu stellen: mit dem Dokudrama „George“.

Zu schier göttlicher Verehrung wie der Vater, zum öffentlichkeitsseligen Bonvivant konnte es Götz nicht bringen, dazu ist das Fernsehen ein zu kaltes Medium. Und seine Empfindlichkeit gegen Kritik und Publikum zu tief. Dafür blieben dem Sohn Erpresser wie Goebbels erspart und die Leben-oder-Tod-Fragen nach der politischen Moral. Und der Krieg und die Rache der Sieger und ein früher Tod.

Es ehrt Götz George, dass er selbstbewusst seinem Erzeuger gegenübertritt. Selbstbewusst heißt: Auf dem heutigen Stand der Fernsehkunst. SWR-Autor Joachim A. Lang, der mit Kai Hafemeister das Drehbuch schrieb und den Film inszenierte, folgt der teamworx-Linie – die Nico-Hofmann-Firma ist auch bei „George“ Produzent – der reflektierten Geschichtserzählung, die nicht im Theatralischen ertrinkt, Fragen nach der Moral stellt, aber Schauspieler als Schauspieler liebt. Die besten Darsteller sind bei „George“ dabei, so gehört es sich. Martin Wuttke legt einen Goebbels hin, dem man ansieht, wie gerne er als großer Künstler unter anderen Künstlern anerkannt wäre, aber der zugleich weiß, dass er Achtung nur als brutaler Machtmensch findet. Bevor beim Zuschauer Mitleid aufkommt, verrät der rheinische Tonfall, den Wuttke dosiert einsetzt, dass Goebbels ein provinzielles Würstchen ist, das nicht mal Talent zur konsequenten teuflischen Schauspielerei besitzt.

Die zweite positive Überraschung ist Samuel Finzi in der Rolle des russischen George-Verhörers, Leutnant Bibler. In dem verschachtelten Dokudrama aus verschiedenen Elementen – Making-Of-Szenen, Archivaufnahmen, fiktionalen Passagen – übernehmen die Verhörszenen die Rolle eines Chors, der, über den Film verteilt, das Hauptthema illustriert: die Rolle des Künstlers in der Diktatur.

Finzi als NKWD-Offiziers vermeidet alle Fiesling-Klischees. Er ist nur ein misstrauischer Zuschauer, wenn George sein Rechtfertigungstheater aufzieht und Dichtung, Wahrheit, Zerknirschung, Stolz und Flehen um Vergebung über ihm ausgießt. Man muss in Finzis stummen Blicken lesen, wenn man wissen will, was er denkt, wenn ein erbärmlicher Nachbar George denunziert, wenn Zeugen für George eintreten, weil er sie vor der Verfolgung gerettet hat. Und auch die eigene Ohnmacht macht Finzi sichtbar. Es geht dem NKWD, diesem Staat im Staate des Sowjetregimes, nur um den eigenen Machterhalt. George soll das Opfer sein, für diesen Mimen gibt es da höchstens Todeskränze.

George kniet nieder

Der Zuschauer hat bis zu Heinrich Georges Inhaftierung durch die Russen den bizarren Lebensweg des Großschauspielers in der Nazizeit miterlebt. Hat gesehen, wie sich George für bestimmte, vom Regime bedrängte Mitarbeiter einsetzt, einen vom Tragen des Judensterns befreit und ihn demonstrativ einen Stuhl vor der ersten Reihe bei einer Theateraufführung hinstellen lässt. Wie er andererseits gegen Schmeicheleien von oben nicht unempfindlich ist, wie er in schlimmen Filmen wie „Hitlerjunge Quex“ (ein kommunistischer Vater muss hinnehmen, wie sein Sohn in die Hitlerjugend wechselt), im Hetzfilm „Jud Süß“ mitmacht und in dem Durchhaltefilm „Kollberg“. Da kniet er vor dem Preußengeneral Gneisenau nieder, um ihn zum militärischen Durchhalten um jeden Preis zu bewegen. Das passt auf das Schrecklichste zu Goebbels Propagandadroge, die über den Trümmern Deutschlands flattert: „Unsere Mauern brechen, aber unsere Herzen nicht.“

Die Making-of-Kamera begleitet Götz und seinen älteren Bruder Jan zu Orten, an denen der Vater Heinrich wirkte. Die Villa am Wannsee kommt den Söhnen heute merkwürdig klein vor. Die Bühne des Berliner Schiller-Theaters fasziniert den großen TV-Spieler Götz, die Orte des Leidens von Heinrich setzten den beiden zu. Es wird offenbar, wie sehr die Mutter Berta Drews (1901–1987), ebenfalls eine Schauspielerin (hier dargestellt von Muriel Baumeister), das kindliche Erinnern geprägt hat. Der LangenMüller-Verlag hat deren Memoiren wieder auf den Markt gebracht: „Mein Mann Heinrich George.“ Darin weht der Geist einer treuen Ehefrau, die Begeisterung über einen außergewöhnlichen Ehemann und zugleich die Blindheit gegen die Verbrechen der Zeit.

Vor allem der Glanz des Prominentseins scheint auf, wenn sich die Spektabilitäten des Berliner Kulturlebens die Klinke in die Hand geben, unter anderem die Maler Otto Dix und Max Beckmann, die Heinrich porträtiert haben. Diese Heinrich-Abbilder der von den Nazis verfemten Künstler sind alles andere als freundschaftliche Gefälligkeiten. Sie zeigen einen gefährdeten Schauspieler, den die Zeit zermahlen wird.

Vater und Sohn George verschmelzen

Der Kehraus dieses filmischen Lebensdenkmals ist lang und nimmt ein Viertel des gesamten TV-Werks ein: Es schildert das Leiden, Kämpfen und Sterben Heinrichs im russischen Lager. In der Gefangenschaft, wenn Schuld und Verantwortung abgebüßt werden, kommt die maßlose Leidenschaft der Schauspielerkunst zu sich selbst. Vater Heinrich und der skeptisch-sehnsuchtsvolle Sohn Götz verschmelzen. Nimmt der Alte den Jungen auf seine Schultern oder ist es umgekehrt?

Der Tote tanzt mit dem Lebenden. Holt den Knaben in das Ende seines Lebens und zeigt ihm, was er ihm im wirklichen Leben nicht zeigen konnte: dass es in den elenden Baracken theatralisch wild zuging. Goethes „Faust“ hat Heinrich auf die Lagerbretter gestellt, Puschkins „Postmeister“. Auf Russisch, die Bewacher forderten es so. Anders als in der Rüstung des „Götz von Berlichingen“ fremdelt der Sohn Heinrichs hier im grandiosen Finale nicht mehr in den Bühnenrollen. Aus einer inhaftierten BDM-Führerin holt Heinrich ein ergreifendes Gretchen heraus – Götz George zeigt das so glaubhaft, als wäre er dabei gewesen.

Heinrich George starb herz- und lungenkrank, um viele Pfunde abgemagert, im Lazarettbett. Der Film gönnt ihm einen Theatertod vor dem wirklichen Tod. Puschkins „Postmeister“ feiert, weil er sich über die Tugendhaftigkeit seiner Tochter freut, die in Wahrheit eine reine Lüge ist. In den wilden Tanz sind filmische Originalaufnahmen eingeschnitten, die den „mozärtlichen Elefanten“ Heinrich George zeigen, voller Anmut, voller Leichtigkeit, voller Koketterie. Sein Sohn tut es ihm nach. Dann bricht Heinrich zusammen. Ergreifend ist das schon, und so gar nicht aus einem fernen Gestern.

Anders als Arte am Montag traut sich das Erste nicht, „George“ am Mittwoch zur Primetime zu senden, sondern um 21 Uhr 45 (hier der Trailer). Um nicht noch mal Schillers Kränze zu bemühen, seien die Darsteller dieses Fernsehereignisses mit Schiller getröstet: „So nimmt er (der Mime) sich seines Namens Ewigkeit voraus. Denn wer den Besten seiner Zeit genug getan, der hat gelebt für alle Zeiten. “

„George“, Montag, 20 Uhr 15, Arte, Mittwoch, 21 Uhr 45, ARD

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