Dokumentarfilminitiative NW : Hauptsache interaktiv

Dokumentarfilmer wollen das Fernsehen zurückerobern. Auf einer Tagung in Köln wird über "Bodybits" und "24h Berlin" diskutiert.

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Im Ursinn dokumentarisch: Das komplette Originalmaterial zu „24h Berlin“ wurde online gestellt.
Im Ursinn dokumentarisch: Das komplette Originalmaterial zu „24h Berlin“ wurde online gestellt.Foto: dpa

Kennen Sie Vice-TV? Die Antwort dürfte von ihrem Lebensalter abhängen. Denn das aus dem gleichnamigen Gratisprintmagazin hervorgegangene Medienkonglomerat ist gerade bei Jugendlichen als alternativer Internetnachrichtenkanal auf dem Vormarsch und hat seine mobile Reichweite im letzten Jahr um – selbst behauptete – 500 Prozent erweitert. Die 1994 in Montreal als Punk-Fanzine gegründete und mittlerweile in 25 Ländern tätige und durch Werbung und Marketingdienste finanzierte Firma gibt sich auch heute noch subversiv, ist aber so weit im ökonomischen und journalistischen Mainstream angekommen, dass sich im Sommer Rupert Murdoch mit 70 Millionen Dollar eingekauft hat.

Gerade erst wieder präsentierte Deutschlandchef Tom Littlewood Vice als hippe junge Gegenversion zum konventionellen Fernsehen. Ort war die Herbsttagung der Dokumentarfilminitiative NW in Köln, die sich unter dem Titel „Reclaim Television“ mit der Stoffentwicklung für dokumentarische Formate beim Fernsehen beschäftigte und dabei neben Vice vor allem öffentlich-rechtliche Programmslots in den Blick nahm: Vom aufwendig arbeitsteilig organisierten „Experimentalfernsehen“ (SWR-Redakteur Rolf Schlenker) wie „Der Kommissar im Kühlschrank“ bis zur ZDF/3Sat-Filmredaktion von Katya Mader, die in Reihe „Ab 18!“ dezidiert kurze Dokumentarfilme mit ausgeprägter Autorenhandschrift vorstellt, die auch hausintern eher mit Festivalpreiserfolgen denn Quote punkten.

Dabei waren Mader zufolge die Klicks in der Mediathek oft höher als die mageren Zuschauerzahlen der Direktausstrahlung. Ein Signal für die Zukunft, auch wenn die simple Onlinevermarktung oder ein paar Zusatzinformationen auf der Webseite wohl bald nur noch Nebenschauplätze sein werden im Kampf um mediale Präsenz beim Nachwuchs, der das lineare Fernsehen zunehmend durch aktiv ansteuerbare Webinhalte ergänzt. Beim Bereitstellen dafür geeigneter crossmedialer Angebote sind längst auch die öffentlich-rechtlichen Sender eingestiegen, auch wenn bürokratische Barrieren innerhalb der Anstalten und das deutsche Rundfunkrecht es nicht leicht machen.

So musste Valentin Thurn für „Taste the Waste“ neben der offiziellen ARD-Webseite selbst mit Partnern wie slow food und Brot für die Welt einen eigenen querfinanzierten interaktiven Onlineauftritt aufbauen, um den Film und das Thema Lebensmittelvernichtung erfolgreich im Netz zu platzieren und viral zu vernetzen. Später kam mit der Tauschplattform foodsharing.de noch ein Spinn-off mit praktischem Nutzwert dazu.

Ein Beispiel für den gezielten interaktiven Einstieg schon im Produktionsvorfeld gibt das ZDF-eigene Kleine Fernsehspiel mit dem Dokuformat „Bodybits – analoge Körper in digitalen Zeiten“. Hier werden die online eingestellten Bewerbungsfilme der Regieanwärter im netzöffentlichen Dialog verhandelt und dann in einer Kombination aus Public Voting und Juryauswahl bewertet.

Einen ganz anderen – im Ursinn dokumentarischen – Weg gingen die Produzenten von „24h Berlin“. Das Produktionsunternehmen Zero one film hat das komplette gedrehte Originalmaterial sortiert und verschlagwortet online gestellt und damit – samt erlaubter nicht kommerzieller Nutzung – ein dauerhaft verfügbares ethnografisches Archiv kreiert.

Manche Tagungsteilnehmer irritierte das „Reclaim“ im Veranstaltungstitel, weil es fast nostalgisch den Verlust einer besseren Fernsehwelt impliziert. Aber gab es die wirklich? Oder hat sich das Medium nicht immer schon permanent neu erfunden, wie der Braunschweiger Fernsehwissenschaftler Thomas Waitz einführend vortrug? Mag sein. Doch das macht es nicht weniger wichtig, die Umbrüche wachsam zu begleiten. Denn es wäre naiv, zu glauben, Interaktivität und Vernetzung würden per se demokratischere Verhältnisse zaubern. Erst recht – wie wir spätestens seit den jüngsten Enthüllungen um Google & Co. wissen –, wenn sie wie bei Vice ohne öffentliche Kontrolle daherkommen. Silvia Hallensleben

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