Dokumentation : Folter mit System

Die Vorfälle in US-Militärgefängnissen wie Abu Ghraib haben System, behauptet Alex Gibneys Dokumentation „Taxi zur Hölle“ zum Start der neuen Arte-Reihe „Demokratie für alle?".

Verena Friederike Hasel

Amerika ist ein Apfelbaum, und selbst vom blühendsten seiner Art fällt gelegentlich eine faule Frucht, so will es die Natur. Insofern zeigte sich Donald Rumsfeld recht unbesorgt, als die Folterbilder aus Abu Ghraib um die Welt gingen. Ein paar faule Äpfel gäbe es immer, bemerkte er. Dass die Vorfälle in den US-Militärgefängnissen mehr waren als das, dass sie System hatten, das ist die These von Alex Gibneys Dokumentation „Taxi zur Hölle“, der die Arte-Reihe „Demokratie für alle?“ eröffnet. In ihrem Rahmen werden zeitgleich in mehr als dreißig Ländern insgesamt zehn Dokumentarfilme ausgestrahlt.

Neu ist Gibneys These beileibe nicht, und dennoch hat sich der amerikanische Filmemacher 105 Minuten in ihren Beweis versenkt. Ausgangspunkt ist der afghanische Taxifahrer Dilawar, der – fälschlicherweise als Terrorist festgenommen – 2002 im US-Gefängnis Bagram in Afghanistan starb. Im Zuge des Abu-Ghraib-Skandals wurde der Fall neu aufgeblättert und Anklage gegen mehrere Soldaten erhoben, weil sie Dilawar zu Tode gefoltert hatten. Mit Handschellen hatten sie ihn an die Decke gehängt und seine Beine laut Pathologin zu Brei geschlagen. Alex Gibney spricht mit ihnen, schlägt dann einen Bogen nach Abu Ghraib und Guantanamo, führt Interviews mit Bush-Getreuen wie dem Rechtsberater John Yoo und Abtrünnigen wie dem Republikaner Alberto Mora, der die Beugung der Genfer Konventionen in Guantanamo anprangerte.

In einer Szene mit Archivmaterial kommt auch George W. Bush zu Wort: Mit der Zeit würden alle Terroristen die Bedeutung von amerikanischer Gerechtigkeit begreifen lernen. Diese will auch Gibney dem Zuschauer erklären; für ihn ist sie vor allem eine schreiende Ungerechtigkeit, in der die Oberen die Soldaten zu Grausamkeiten anhielten, dies aber nicht in klaren Vorschriften fixierten, so dass sie selbst nicht belangt werden konnten.

Eindrücklich zeichnet Gibney das Bild einer Nation, die wie ein angeschossenes Tier den Feind selbst in einem harmlosen Taxifahrer wittert. Dabei schafft er, was vielen in seinem Metier nicht gelingt: „Taxi zur Hölle“ ist mehr als eine Ansammlung redender Köpfe. Nur selten erscheint die Kadrage zufällig, und die Sequenzen sind so montiert, dass sie maximalen Kontrast erzeugen. Überhaupt ist sich Gibney filmischer Effekte wohl bewusst: Als von der sensorischen Deprivation der Gefangenen die Rede ist, wird die Tonspur einen Moment lang stumm. Doch leider schweigt sich „Taxi zur Hölle“ auch in einer bedeutenden inhaltlichen Frage aus. Er würde so etwas wie mit Dilawar nicht wieder tun, wenn er sich nicht auf schriftliche Anordnungen berufen könnte, sagt ein Soldat. Der Subtext dabei: Auf Befehl würde er wohl erneut so handeln. Warum das so ist, was den Firnis der Zivilisation ablöst, lässt Gibney aus. Dabei wäre es einen Film wert zu erforschen, was so einen Apfel faulen lässt. Verena Friederike Hasel

„Taxi zur Hölle“, Arte, 20 Uhr 40

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