Dokumentation : Keine Macht ohne Kampf

Ein ARD-Film von Stephan Lamby beleuchtet das „Schlachtfeld Politik - Die finstere Seite der Macht“.

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Mobbing, Intrigen, Burn-out – all die Facetten des Machtkampfs sind längst keine Tabuthemen mehr. Und doch sprechen gerade Politiker höchst ungern darüber, wie es ihnen mit eigenen Niederlagen ergeht. Filmautor Stephan Lamby, der Biografien über Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble, Joschka Fischer und Angela Merkel drehte, hat über Jahre die Muster innerparteilicher Kämpfe beobachtet. In seinem neuen Film „Schlachtfeld Politik – Die finstere Seite der Macht“ gelingt es ihm nun, sechs Politiker gewissermaßen auf die Couch zu legen, auf dass sie ihre Traumata öffentlich bearbeiten.

So berichtet etwa der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck von seinem plötzlichen Rücktritt als SPD-Parteichef. Die frühere Gesundheitsministerin Andrea Fischer (Die Grünen) gibt Auskunft darüber, wie sie von den „Jungs“ während der BSE-Krise aus dem Amt gedrängt wurde. Und Wolfgang Kubicki, der mit seiner FDP um den Einzug ins schleswig-holsteinische Parlament am 6. Mai kämpft, spricht über den Suizid von Jürgen Möllemann und eigene Selbstmordgedanken. Kubicki liefert auch ein besonders schönes Beispiel für parteiinternes Mobbing. So sagte er zu der Option, dass Birgit Homburger, stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP, als Staatssekretärin ins Außenministerium wechseln könnte: „Nicht das Auswärtige Amt ist für die Müllentsorgung zuständig, sondern das Umweltministerium.“ Zu sehen ist die Sequenz in der Langfassung der Dokumentation, die der NDR am 11. Juni zeigt. Die 45-minütige Kurzfassung – ohne das Zitat – läuft am Montag im Ersten.

Bei der Podiumsdiskussion nach der Filmpremiere im Hamburger Passage-Kino meinte Kubicki: „Das ist eine Form von Beleidigung, die mir so nicht hätte passieren dürfen.“ Regisseur Stephan Lamby jedoch widersprach: „Sie haben sich das genau überlegt“, sagte er. „Es hat Ihnen Spaß gemacht.“ Da wurde deutlich, dass Lamby, der für seine behutsame und beharrliche Art bekannt ist, auch bissig sein kann. Im Film, der ganz ohne Kommentar auskommt, sind seine Nachfragen stets freundlich und sachlich mit einem gewissen Therapeutenton, der sich jedoch nie anbiedert. Und nicht nur die starken Nahaufnahmen der Politikerköpfe machen klar: Hier geht jemand sehr nahe heran. „Normalerweise hat man Mechanismen, die dafür sorgen, dass man über bestimmte Dinge nicht redet“, sagte Andrea Fischer im Anschluss an den Film. „Die haben hier offenbar nicht gegriffen.“ So gesteht die heute 52-Jährige im Gespräch mit Lamby, bei ihrer Ernennung zur Gesundheitsministerin keinen Schimmer von dem Metier gehabt zu haben. Massive Selbstzweifel und Depressionen habe sie allerdings erst nach ihrem Rücktritt bekommen. Wie krankmachend Politik sein kann, schildert auch Katina Schubert von den Linken, die nach Auseinandersetzungen mit Oskar Lafontaine einen halbseitigen Schlaganfall erlitt.

Manchmal schrammt „Schlachtfeld Politik“ knapp am Voyeurismus vorbei. Auch die Bebilderung des ansonsten so souveränen Films scheut das Plakative nicht: Kurt Beck im albernen Faschingskostüm, tanzende Politiker beim Bundespresseball oder die Einblendung von Schlachtengemälden aus dem 19. Jahrhundert. Darunter tönen bedeutungsvoll Klavierakkorde. Wie dramatisch die psychischen Belastungen im Arbeitsfeld Politik sind, wäre auch ohne diese Effekte deutlich geworden. Simone Schellhammer

„Schlachtfeld Politik – Die finstere Seite der Macht“, 22 Uhr 45, ARD

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