Dokumentation über Nordkorea : Menschen hinterm Klischee

„Meine Brüder und Schwestern in Nordkorea“: ein sensibler Heimatfilm von Sung-Hyung Cho

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Wie nahe ist fern? Regisseurin Sung-Hyung Cho (rechts) mit nordkoreanischer Soldatin auf dem heiligen Berg Baekdu.
Wie nahe ist fern? Regisseurin Sung-Hyung Cho (rechts) mit nordkoreanischer Soldatin auf dem heiligen Berg Baekdu.Foto: HR/Kundschafter Filmproduktion G

Einige wenige Male, da fällt das Wort „Wiedervereinigung“. Eines Tages, da sei man wieder ein Land. Eines Tages, da könne man sich wieder problemlos besuchen im anderen Teil. Nein, es handelt sich dabei nicht um einen historischen Rückblick auf die deutsch-deutsche Teilung. Diese Stimmen sind aktuell und sie reflektieren die Gegenwart in Nordkorea.

Dorthin, nach Korea, ist die Dokumentarfilmerin Sung-Hyung Cho („Full Metall Village“, 2006) gereist, es ist eine Reise zurück zu den Wurzeln. Cho, 1966 im südkoreanischen Busan geboren und 1990 nach Deutschland gekommen, wo sie die Staatsbürgerschaft angenommen hat, lebt und arbeitet; Cho also bereist ein ihr fremdes Land, das zugleich ihre Heimat ist. So mögen auch für die Autorin selbst Fremdheit und Vertrautheit, Heimatgefühle und Befremdung miteinander einhergehen, als sie diesen abendfüllenden Dokumentarfilm dreht, dessen Kinofassung mit 106 Minuten im Übrigen 16 Minuten länger ist als die der Fernseherstausstrahlung.

Bis Sung-Hyung Cho endlich die Genehmigung für diese schwierige Reise und für die Dreharbeiten vor Ort erhält, muss sie dem nordkoreanischen Regime zuvor mitteilen, mit wem sie wann wo drehen möchte. Cho sucht sich verschiedene Berufsgruppen aus, und so werden ihr vom Regime schließlich ein Ingenieur, eine Soldatin, ein Bauer und dessen Frau aus einem Musterkollektiv sowie Lehrer an der Internationalen Fußballschule von Pjöngjang ausgesucht.

Ausgangspunkt ist die Hauptstadt Pjöngjang

Ausgangspunkt dieser Reise ins Ungewisse ist die Hauptstadt Pjöngjang, wo der 30-jährige Ingenieur der Regisseurin die gigantische Schwimmbad-Anlage zeigt, in der er arbeitet. Es dauert nicht lange, und Ri Ju Hyok, der Ingenieur, fängt an, immer wieder dem General, dem Marschall und dem Führer zu danken, ihn zu preisen, ihn für all das Gute zu loben, das seinem Volk auch durch diese Schwimmanlage zugutekäme.

In all den Besuchen und Gesprächen stellt Autorin Cho den Menschen Fragen und ist ab und an mit im Bild zu sehen. Zwischen den Zeilen versucht sie, den Menschen mehr zu entlocken, als diesen zu antworten erlaubt zu sein scheint. Warum denn, fragt sie den Ingenieur, als sie durch die Hallen der Badeanlage gehen, überall nur Frauen in Badeanzügen zu sehen seien, bei uns, hier im Westen, gäbe es auch Zweiteiler, den Bikini. Nun, erwidert Hyok, dies entspreche nicht den Sitten ihres Landes, und man würde es dem imperialistischen Feind nicht erlauben, diese Sitten zu durchbrechen.

Als sie in der eher kärglich eingerichteten Wohnung Hyoks ist, in der sie drehen darf, unterhält sich die Autorin auch mit der dort wohnenden, strengen Großmutter sowie mit Hyoks junger Verlobter. Scheu und schüchtern sitzt die 26-jährige Verlobte, die zuvor nur in der Küche stand und für den Gast aus dem südlichen Teil Koreas gekocht hat, dann auf dem Sofa und erzählt, dass sie von Beruf Soldatin sei. Dies sei ihre Arbeit. Seit zehn Jahren schon. Seit ihrem 16. Lebensjahr also, fragt Sung-Hyung Cho nahezu ungläubig zurück.

Besuch beim Musterkollektiv

Die Reise geht weiter, auch aufs Land, weit außerhalb von Pjöngjang, zu einer Bauernfamilie, die in einem Musterkollektiv arbeitet. Hier ist die andere Seite Nordkoreas zu sehen: Armut fernab pompöser Staatspaläste und Militärparaden. Aber auch der Traktorfahrer Go Kwang Bok spricht andächtig vom Glück davon, dem Führer und somit dem Volk dienen zu dürfen. Der Führer, Kim Jong Un, er ist omnipräsent: mit Statuen, auf Bildern und in den Gedanken und Worten der Menschen. Einmal, da zeigt die Kamera hoch über dem Fluss von Pjöngjang die Stadt am Abend, wie es dunkel wird, die Lichter ausgehen, und mit einem sonoren Lied, das durch die Metropole hallt, des Regimeführers gedacht wird. Anderntags, als am Morgen die Sonne wieder aufgeht, ertönt dieser Sound erneut. Die Szenerie hat etwas vollkommen Gespenstisches an sich, die Einstellung ähnelt einer Dystopie.

Einen „Heimatfilm“ hat Filmautorin Sung-Hyung Cho ihre sehenswerte Filmreise genannt, in der sie niemals wertet oder analysiert, sondern lediglich beschreibt, sich den Menschen zugeneigt annähert. Am Ende mag Wehmut aufkommen, als sie zurück ist bei der Familie des Ingenieurs in Pjöngjang und die gestrenge Großmutter von Hyok eben von Wiedervereinigung spricht. Davon, dass sie die sterblichen Überreste ihres Ehemannes doch noch vom einen in den anderen Teil des Landes überführen möchte. Und dass sie, Sung-Hyung Cho, sie dann doch wieder besuchen möge im vereinten Korea. Sicher würde sie sie dann wiederfinden.

„Meine Brüder und Schwestern in Nordkorea“, ARD, am Mittwoch um 22 Uhr 45

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