Drama, Drama : Die Sky-Saga

Gut fürs Image, aber nicht ohne Risiko: Der Münchner Pay-TV-Sender will eigene Edelserien produzieren lassen, in der Richtung hochkarätiger Crime oder komödiantische, frauenaffine Programme à la „Sex and the City“.

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Ausgezeichnet: die US-Serie „Boardwalk Empire“ des Pay-TV–Kanals HBO, zu sehen bei TNT Serie. Der Bezahlsender Sky Deutschland hat nun auch lokale Serien im Visier.Foto:dapd
Ausgezeichnet: die US-Serie „Boardwalk Empire“ des Pay-TV–Kanals HBO, zu sehen bei TNT Serie. Der Bezahlsender Sky Deutschland hat...Foto: dapd

And the winner ist: Martin Scorcese! Nicht für einen neuen Kinofilm, nicht für einen Blockbuster mit Leonardo DiCaprio oder Robert De Niro, sondern für eine brillante Fernsehserie, die für einen brillanten Fernsehsender steht. Als der renommierte US-Regisseur im September 2011 für den Pilotfilm der HBO-Serie „Boardwalk Empire“ den Emmy Award erhielt, dürfte Brian Sullivan, Chef des hiesigen Pay-TV-Senders Sky Deutschland, auch im Publikum gesessen und sich gefragt haben: Warum so etwas Hochklassiges nicht auch fürs deutsche Bezahlfernsehen produzieren lassen, wie es die Kollegen des US-Pay-TV-Senders HBO seit Jahren erfolgreich machen? Premium-Fiction, die auch mal ein Argument sein könnte, Sky zu abonnieren, wo sonst beim Namen Sky zuerst „nur“ an exklusive Übertragungen der Fußball-Bundesliga oder Champions League gedacht wird. Neben Bayern München und Real Madrid deutsche oder zumindest europäische, maßstabsetzende Mehrteiler à la „Sopranos“ oder „The Wire“ – Serien, die großen Romanen und Filmen den Rang abgelaufen haben, was die Deutung der Gegenwart betrifft.

Ein Imageprojekt. Kein unbedingt billiges, wenn man es gut machen will, und das bei einem Sender, der gerade fast zwei Milliarden Euro für die Fußball-Bundesliga-Rechte ausgegeben hat. Den unerschütterlichen Optimisten Sullivan, einen versierten Kenner der Bezahlfernseh-Branche mit 20-jähriger Berufserfahrung in den USA und Europa, ficht das nicht an. Anfang 2010 übernahm Sullivan das Ruder bei Sky Deutschland. Genauso lange geistern Überlegungen, in die Produktion eigener Serien einzusteigen, durch die Flure der Konzernzentrale in Unterföhring. Gary Davey, Programmchef bei Sky, sagte neulich in Berlin am Rande der Launchparty für den am 23. Mai startenden Seriensender Sky Atlantic HD: Mehr als lose Planungen gebe es noch nicht. „Wir sprechen mit hiesigen Serienproduzenten, fragen sie: Was ist eure Vision? Welche Möglichkeiten gibt es, zusammenzuarbeiten?“ Man sei noch nicht so weit, Produktionen in Auftrag geben zu können. „Ich denke, wir werden dieses Jahr noch mit Planungen verbringen, 2013 dann in die Entwicklung gehen und wahrscheinlich 2014 mit der Produktion beginnen. Wir gehen von einer evolutionären Entwicklung aus, die mit TV-Movies beginnt und dann über Miniserien auch zu Serien führen wird.“

Hört man sich unter Produzenten um, wird es schon etwas deutlicher. „Wir sind im Moment ganz konkret in Gesprächen mit TNT und Disney für ein serielles Produkt zu einem Preis, der sich rechnet. Auch mit Sky führen wir seit Monaten Gespräche, um Premium-Produkte auf der Pay-TV Plattform anzubieten“, sagt Nico Hofmann, Chef der Produktionsfirma TeamWorx („Mogadischu“, „München 72“). „Wir sind der Meinung, dass für Sky neben Fußball noch eine weitere Premium-Bastion zu erobern ist, das kann nur hochklassige Fiction sein, und da heißt das Vorbild HBO.“ Das Angebot werde etwas Besonderes sein müssen: hochkarätiger Crime oder komödiantische, frauenaffine Programme à la „Doctor’s Diary“ oder „Sex and the City“. Teamworx wolle in den nächsten Monaten einen großen Aufschlag in München machen mit Programmangeboten. Ähnliche Hoffnungen hat Christian Popp von Producers at Work: „Die Nachfrage nach innovativen Serien besteht. Allerdings erwartet der Kunde beim Bezahlservice besonders hochwertige, exklusive und ausgefallene Inhalte. Wie im Kino sind Stars, Marken, Macher oder teure Effekte kaufentscheidend. Serielle Eigenproduktionen müssen zu aufwendigen Premium-Produkten entwickelt werden.“

Nur, gibt es nicht schon genug Fiction im Free TV oder auf DVD? Wer soll Pay-TV-Serien bezahlen? Zum einen: die Zuschauer, die es sich leisten können. Sky Atlantic HD beispielsweise ist Bestandteil des Sky-Filmpakets. Monatlicher Abo-Preis: 33,90 Euro. Für HBO wird in den USA 15 Dollar gezahlt. Weltweit hat HBO 85 Millionen Abonnenten. Zum anderen: Produzenten ohne Grenzen. Popp sieht in Kooperationsmodellen mit nationalen und internationalen Partnern beste Chancen, den hohen Ansprüchen beim Pay-TV gerecht zu werden. Die Frage nach dem Investment hat auch für Nico Hofmann zunehmend damit zu tun, ob sich Programme europäisch finanzieren lassen. Die historische Serie „Borgia“ sei bei Sky Italia herausragend gut gelaufen und ebenso im ZDF. „Teamworx bereitet zurzeit eine große deutsch-französische Koproduktion mit TF1 und den Partnern von Atlantique über die Befreiung von Paris zum Ende des Naziregimes vor. Eine solche Eventproduktion wäre auch zur Vorausstrahlung bei Sky geeignet.“

Man denkt hier natürlich in ganz anderen Qualitäts- und Quoten-Dimensionen als bei Free-TV-Serien. Im Schnitt werden Top-Serien wie das Fantasy-Spektakel „Game of Thrones“ (demnächst bei Sky Atlantic HD) oder die Prohibitions-Saga „Boardwalk Empire“ bei TNT Serie von 100 000 Zuschauern gesehen. Bei aller Lust auf exklusive Nische und Emmy Award – die Quote ist ausbaufähig. Ein Champions-League-Spiel bei Sky hat an die zwei Millionen zahlende Besucher.

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