Drama : „Ich sehe sie ja noch“

"Der letzte schöne Tag": Ein starker Film darüber, was Hinterbliebene nach der Selbsttötung eines Angehörigen durchmachen.

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Gute Darsteller: Matilda Merkel, Nick Julius Schuck, Wotan Wilke Möhring.Foto: WDR
Gute Darsteller: Matilda Merkel, Nick Julius Schuck, Wotan Wilke Möhring.Foto: WDRFoto: WDR/Willi Weber

Ehemann Lars ist gerade auf einer Baustelle und im Stress. Die 14-jährige Tochter Maike ist mit ihrer Freundin auf dem Weg ins Kino und genervt. Der siebenjährige Sohn Piet kickt mit seinen Schulkameraden und hat's eilig. Sybille Langhoffs Anrufe kommen ungelegen. Ihre Angehörigen sind kurz angebunden, aber es weiß ja niemand, dass dies der letzte Kontakt mit der Ehefrau, mit der Mutter gewesen sein wird. Für immer. Sybille Langhoff bringt sich kurz darauf um. „Du und die Kinder, ihr könnt hoffentlich glücklicher leben ohne mich“, schreibt sie ihrem Mann im Abschiedsbrief.

Im Fernsehen wird ja viel gestorben, aber wen berühren all die Toten in den zahllosen Krimis? Der ARD-Fernsehfilm „Der letzte schöne Tag“ dagegen trifft mit den ersten Szenen ins Mark. Weil er die Perspektive der Angehörigen einnimmt. Weil er einen Horror beschreibt, vor dem wir uns fürchten, den wir aber zu unserem eigenen Schutz meist verdrängen. Aber vor allem: Weil alles so unspektakulär, so genau und klar erzählt wird. Das fiktionale Fernsehen, dem man oft genug seine Neigung zu heiler Welt vorwerfen muss, traut sich hier eine einfache, traurige, aber durchaus nicht hoffnungslose Geschichte zu. Es gibt keine falschen Tränen, keinen billigen Trost, auch keine melodramatischen Wendungen. „Der letzte schöne Tag“ verführt, wenn man so will, nur zu ehrlicher Anteilnahme. Und zum tieferen Verständnis für das, was Selbsttötungen für die Hinterbliebenen bedeuten. Jährlich sind davon 10 000 Familien betroffen, wie es im Nachspann heißt.

Der Film folgt seinen Protagonisten über die Zeitspanne von wenigen Tagen. Angefangen mit der Beunruhigung des Mannes, der seine Frau zu Hause nicht antrifft. Dann der Schock über das Ungeheure. Der älteren Tochter sagt der Vater die Wahrheit, dem jüngeren Sohn nur teilweise. Das Leben geht weiter, die Beerdigung muss organisiert und die Kinder versorgt werden. Die Arbeit ist Ablenkung und Überforderung zugleich. Wotan Wilke Möhring spielt den verletzten, verzweifelten, aber auch starken und fürsorglichen Vater grandios.

Beeindruckend außerdem die Kinder-Darsteller Matilda Merkel, 15, und Nick Julius Schuck, 10. Gerade in den Szenen mit dem kleinen Piet, in dessen Vorstellungswelt die Mutter immer noch anwesend ist, zeigt sich die behutsame Regie von Johannes Fabrick. „Hättest du sie auch gerne sehen wollen?“, fragt der Vater Piet, nachdem seine Schwester noch einmal die tote Mutter im Bestattungsunternehmen besucht hatte. „Ich sehe sie ja noch“, antwortet er einfach. Das Tabuthema Tod wird hier in einer geraden, schnörkellosen und auch kindgerechten Sprache behandelt.

Der Film findet auch Bilder für den Aufbruch in eine neue Zeit: Den fehlenden Teller zum Beispiel, auf den Piet beim Tischdecken irgendwann verzichtet. Autorin Dorothee Schön hat eine schmerzhafte, aufwühlende, aber keine deprimierende Geschichte geschrieben, die noch lange nachhallt. Thomas Gehringer

„Der letzte schöne Tag“,

ARD, 20 Uhr 15

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