Dritte Karriere : Frau Doktor Faust

Christine Theiss ist Kardiologin. Am Freitag will sie auf Sat 1 ihren Weltmeistertitel im Kickboxen verteidigen. Und am Sonntag startet ihre Dokusoap "The Biggest Loser".

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Ist Moderieren schwerer als Operieren? Dr. Christine Theiss, 32, verteidigt am Freitag ihren Weltmeistertitel im Kickboxen, ab Sonntag macht sie „The Biggest Loser“ . Foto: Sat 1
Ist Moderieren schwerer als Operieren? Dr. Christine Theiss, 32, verteidigt am Freitag ihren Weltmeistertitel im Kickboxen, ab...

Christine Theiss ist wieder hager. Nicht dass die 1,75 Meter große Frau jemals richtig rund gewesen wäre. Aber bis zu diesem Freitag darf die Waage kein Gramm mehr als 60 Kilo anzeigen. Dann verteidigt sie im Münchner Postpalast zum 19. Mal ihren Weltmeistertitel im Vollkontakt-Kickboxen, Sat 1 überträgt live.

An diesem Februartag sind Bratkartoffeln mit Roastbeef und Remoulade aber noch drin. Die Weltmeisterin mit Doktortitel in Kardiologie hat Hunger. Seit fünf Uhr morgens steht sie auf den Beinen. Joggen im Englischen Garten, Training im Box-Center, Gassigehen mit den (sic!) Boxern Tiffany und Osito, Stylen fürs Fotoshooting. Nicht in Unterwäsche, wie zuletzt fürs Männerheft „FHM“. Theiss soll ein Buch mit Diättipps für Dicke zieren.

Zum Buch gibt es jetzt eine Show im Fernsehen. Sie startet am Sonntag, zwei Tage nach dem Theiss-Fight, heißt „The Biggest Loser“ und geht über zwölf Runden. Zuletzt lief die Show auf Kabel 1. Jetzt tischt der Schwestersender Sat 1 kurz vorm Abendbrot die Ultra-Dicken auf. 3,6 Tonnen bringen die zwölf Teilnehmer zusammen auf die Waage.

Für Theiss ist es die erste eigene Sendung. Zehn Wochen lang lebte sie mit den Abspeckwilligen in einer komfortablen „Dschungelcamp“-Variante im spanischen Andalusien, Zoff inklusive. Eiweißreiche Maden gab es zwar nicht und hungern sollte auch keiner. „Aber“, erzählt die Moderatorin, „wenn die Kalorienzufuhr auf ein vernünftiges Maß reduziert wird, liegen schon mal die Nerven blank.“

Im Trailer der Dokusoap sieht man massige Menschen, die schwitzend Löcher in den Strand buddeln. „Wir gehen nicht an die Grenzen – wir überschreiten sie“, droht ihnen Theiss. Sie selbst hat – soweit das zu beurteilen ist – die Grenze zur lockeren Moderation noch nicht überschritten. Indes schwärmt Sat-1-Leiter Joachim Kosack von der „familienfreundlichen TV-Unterhaltung mit großen Emotionen“ und dem „bekannten Sendergesicht“ – und lässt die sendermögliche PR-Maschine volltourig laufen: Theiss erklärte Harald Schmidt vorige Woche, dass man beim Kickboxen durchaus ins Gesicht treten darf. Ein „Galileo“-Reporter durfte eine Holzlatte an ihrem Sixpack zerschmettern. Und Stefan Raab schützte sich vor ihr – die Box-Erfahrung mit Regina Halmich, die ihm seine Nase brach und bei „The Biggest Loser“ Theiss Vorgängerin ist, hat ihm wohl gereicht.

An Schlagfertigkeit, in beider Wortsinn, mangelt es Christine Theiss nicht. Sie hat sich zu so was wie der „Klitschko unter den Kickboxerinnen“ entwickelt – nur dass mit ihrem Sport noch lange nicht so viel Quote und Kohle zu holen ist. Vitali Klitschko sahen gerade fast 13 Millionen Menschen kämpfen, Theiss zuletzt nur zwei Millionen. Allerdings war da schon nach zwei Runden Schluss. Aus Werbesicht von Sat 1 darf Theiss am Freitag gegen die 22-jährige Bosnierin Olja Zerajic sicher gerne länger draufhauen.

Der Sorgensender in der ProSieben-Familie, der gerade TV-Vorstand Andreas Bartl los wurde und schon lange nicht mehr vom zweistelligen Senderschnitt so weit entfernt war wie jetzt, überträgt seit dem vergangenen Jahr alle Theiss-Fights; bis Ende 2012 läuft der Exklusiv-Vertrag. Ob die Randsportart in der „ran“-Sportsendung darüber hinaus eine Zukunft hat, hängt von vielen, aber vor allem von einem Faktor ab: ob Dr. Christine Theiss weiter siegt.

Als Sportexpertin ist die 32-Jährige gefragt, zum Beispiel am 31. März beim „Promi-Boxen“ auf ProSieben. Doch ihre dritte Karriere soll nichts mit Sport zu tun haben. Christine Theiss will moderieren. Da dürfte es nicht schaden, dass Edmund Stoiber sie in den Beirat der ProSiebenSat1Media AG berief. Ihre Rolle hier hat Theiss klar abgesteckt: Sie will „Werte vermitteln“.

Werte? Im Privatfernsehen? Christine Theiss kaut am letzten Bissen Bratkartoffel, dann erklärt sie: „Wenn ich will, dass Jugendliche einer Oma über die Straße helfen, dann muss ich in einem Format wie ,K11 – Kommissare im Einsatz’ hilfsbereite Jugendliche zeigen und nicht Rüpel, die ,Hey, du alte Schnalle, geh aus dem Weg‘ pöbeln.“ Respekt, Toleranz, Hilfsbereitschaft – so ein Verhalten wünsche sich jeder. So was sollte im Fernsehen abgebildet werden, findet Christine Theiss. Natürlich mache der Wertetransfer auch vor ihrer eigenen Sendung nicht halt. „The Biggest Loser“ zeige „Mut zur Veränderung, Disziplin, Durchhaltevermögen, Toleranz gegenüber Übergewichtigen“.

So hat man die Abspeckshow wirklich noch nicht gesehen.

„ran Boxen“, Freitag, 22 Uhr 45, „The Biggest Loser“, Sonntag, 17 Uhr, jeweils Sat 1

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