Medien : Ein Jahrhundert Lebenswille

„Mit 103 in Amerika“: Nach Nazizeit und KZ-Haft wanderte Eva Ostwalt von Köln nach Washington aus

Thomas Gehringer

Eva Ostwalt ist 103 Jahre alt. Die rüstige Dame lebt allein, versorgt den Haushalt selbst, verhandelt hartnäckig mit Handwerkern, malt, liest Zeitung und fährt mit ihrem Buick immer noch und immer wieder denselben Weg durch ihren Washingtoner Vorort zum Einkaufszentrum. Dann sitzt sie sehr konzentriert und ernst hinterm Lenkrad. Sonst ist sie jedoch mit einer ansteckenden Fröhlichkeit gesegnet. „Ich bin noch jung, ich bin dem gewachsen“, sagt sie lachend, als sie sich an einem Computer versucht. Eva Ostwalt ist eine erstaunliche Person, schon etwas gekrümmt von einem langen Leben, aber von einer körperlichen und geistigen Vitalität, die offenkundig auch Filmautor Michael Marton beeindruckt hat.

Das allein hätte wohl kein 45-minütiges Filmporträt begründet. Aber da ist noch Eva Ostwalts Biografie: 1902 in eine jüdische Kaufmannsfamilie in Köln geboren, muss sie zweieinhalb Jahre lang Zwangsarbeit für Siemens in einem Nebenlager des KZ Ravensbrück leisten. Sie verliert ihre Mutter in Auschwitz und ihre Tochter bei dem Bombenangriff auf Dresden, überlebt selbst mit knapper Not Ravensbrück, heiratet 1947 zum zweiten Mal und wandert mit ihrem Mann in die USA aus. Bis heute spricht sie akzentfrei Deutsch. Dass sie sich ihre Muttersprache bewahrt hat, empfindet sie als Triumph über die Nazis. „Die konnte mir der Hitler nicht nehmen“, sagt sie. Mit ihrer jüngeren Schwester, die ebenso wenig 97 Jahre alt wirkt wie Eva Ostwalt 103, trifft sie sich gerne in einem deutschsprachigen Restaurant. Autor Marton bemüht sich immer wieder, ihr Erinnerungen zu entlocken. Doch das tut Eva Ostwalt nur widerwillig. „Dann werde ich wieder zu sehr angespannt“, erklärt sie. Man hat Mitleid mit der alten Dame und wünscht sich beinahe, dass der Autor sie in Ruhe lässt. Am traurigsten ist ihre Bemerkung, dass Unverbesserliche vielleicht der Meinung sein könnten, es sei im KZ wohl nicht so schlimm gewesen, wenn man mit 103 noch so gesund und guter Dinge sei.

Besonders eindrucksvoll sind die Alltagsbeobachtungen, in denen deutlich wird, dass die Schoah bis heute in Eva Ostwalts Leben präsent ist. Als ihr eine Ärztin ein neues Hörgerät von Siemens anpreist, stößt sie bei ihr auf entschiedenen Widerstand. Von Siemens werde sie gewiss nichts kaufen, sagt sie und sitzt dabei ganz aufrecht. Und auch über 60 Jahre nach den Erlebnissen in Deutschland will Eva Ostwald lieber nicht, dass ihre heutigen Nachbarn in Amerika von ihrer jüdischen Herkunft wissen. Das bedrückende Misstrauen ist geblieben, trotz ihres wunderbaren Lebenswillens und ihrer Fröhlichkeit, und es ist gut, dass Michael Marton beides zur Geltung kommen lässt.

„Lust am Leben – Mit 103 in Amerika“, 22 Uhr 45, ARD

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