"Ein offener Käfig" auf ARD : Zweite Chance für Sexualstraftäter?

„Ein offener Käfig“: Ein ARD-Film plädiert dafür, entlassenen Sexualstraftätern eine zweite Chance zu geben. Einige wichtige Aspekte bleiben aber ausgeklammert.

Thomas Gehringer
Das „Monster“ im eigenen Haus. Robert (Oliver Mommsen, links) wünscht sich seinen Halbbruder Georg (Martin Feifel) weit weg.
Das „Monster“ im eigenen Haus. Robert (Oliver Mommsen, links) wünscht sich seinen Halbbruder Georg (Martin Feifel) weit weg.Foto: SWR/Peter A. Schmidt

Der ungebetene Besucher, der in Robert Dührings Gartenschuppen steht, hat drei Frauen vergewaltigt und saß dafür 15 Jahre im Gefängnis. Robert soll seinen Halbbruder Georg nach dem Ende der Sicherheitsverwahrung unterbringen, bis ein Platz in einer therapeutischen Einrichtung frei wird. „Wenn das rauskommt, dann ist hier die Hölle los“, sagt der in der badischen Kleinstadt angesehene Geschäftsmann Dühring zu seinem Freund und Anwalt. Natürlich kommt es raus, dank des Anwalts selbst, der Angst um seine Teenager-Tochter hat. Es folgen Bürger-Proteste, Prügel und Schmierereien – und am Ende ein neuer Verdacht gegen Georg, die „Sex-Bestie“.

„Hölle“ erscheint dennoch etwas übertrieben für die insgesamt eher zurückhaltende Inszenierung von „Ein offener Käfig“. Autor Holger Joos und Regisseur Johannes Grieser erzählen eine ausgewogene Geschichte, muten dem Publikum aber eine klare Haltung zu: Auch Sexualstraftätern kann man das Recht auf eine zweite Chance nicht verwehren. Das ist die Stärke des Films – aber auch seine Schwäche, weil die Botschaft gelegentlich in sperrige Dialoge mündet.

Dem entlassenen Straftäter ist, trotz günstiger Prognose der Gutachter und trotz der verschriebenen Tabletten, alles zuzutrauen. Eine Paraderolle für den unter seinen dichten Augenbrauen so finster dreinblickenden Martin Feifel. Hier allerdings muss er auch einiges erklären, damit der Zuschauer die Sache nicht falsch auffasst. Georg wurde von seinem Vater regelmäßig verdroschen. Ein Sexualtäter also, der mal wieder nicht selbst schuld sein soll, wegen „schwerer Kindheit“ und so? Seine Taten damit zu entschuldigen, sei „Quatsch“, dementiert die Filmfigur vorsichtshalber selbst. Das Motiv der Gewalt-Erfahrung Georgs braucht das Drehbuch allerdings, weil der jüngere Robert deswegen von einem schlechten Gewissen geplagt wird – und Georg nicht im Stich lassen kann. Oliver Mommsen spielt diesen Robert Dühring, der an der Seite des Ausgestoßenen selbst an den Rand gedrängt wird und dabei an Statur gewinnt.

Von einem Sexualstraftäter zu erzählen, ohne die Opfer-Perspektive zu bedenken, wäre natürlich ungehörig. Die filmische Lösung wirkt jedoch nicht sehr glaubwürdig: Angesichts der Anwesenheit Georgs in der Stadt bricht die Frau des Anwalts ihr jahrelanges Schweigen über eine selbst erlebte Vergewaltigung – und das gleich vor dem versammelten Gemeinderat. Roberts Verlobte Lisa (Anna Schudt) wiederum ist schwanger und will dies just in dem Moment erzählen, als Georg auftaucht. Da werden die zurechtgelegten roten Rosen flugs wieder eingesammelt. Lisas Schwanken zwischen Sorge und Solidarität mit ihrem Lebensgefährten ist dank Schudt dennoch sehenswert.

Dem Drama lag ein ähnlicher Fall im rheinischen Heinsberg-Randerath zugrunde, wo der mehrfache Vergewaltiger Karl D. vor vier Jahren bei seinem Bruder und dessen Familie unterkam. Eine wochenlange „Mahnwache“ Randerather Bürger vor dem Haus sorgte für bundesweite Aufmerksamkeit. In der Dokumentation „Wieder draußen ...“ von Wolfgang Luck, die sich dem Film anschließt, wird unter anderem dieser Fall noch einmal aufgegriffen. Beide sind längst weggezogen. Karl D., heißt es, sei mehrfach von „Bild“-Reportern an anderen Orten aufgespürt worden und habe sich zeitweise als „Gast“ von einem Gefängnis aufnehmen lassen. Der Bruder sei daran „mehr oder weniger zerbrochen“, sagt dessen Anwalt und spricht von „aggressivem Pöbel“ und einer „Hatz des Boulevards“.

Was sind das für Journalisten, die Identität und Wohnort entlassener Sexualstraftäter veröffentlichen? Die sich an deren Spuren heften, damit diese nirgendwo unerkannt leben können? Aufklärer im Dienste der öffentlichen Sicherheit? Oder doch nur unverantwortliche Stimmungsmacher im Dienste der eigenen Auflage? Auch die zwiespältige Rolle der Medien – von den sozialen Netzwerken und dem Internet ganz zu schweigen – bleibt in der braven Fernsehinszenierung von „Ein offener Käfig“ weitgehend ausgeklammert. Als sich eine Schar Bürger vor Dührings Haus versammelt und gegen Georgs Anwesenheit protestiert, wuselt nur ein einzelner Fotograf herum. Ein Bild aus längst vergangenen Zeiten.

„Ein offener Käfig“; ARD, Mittwoch, um 20 Uhr 15; „Wieder draußen ...“; ARD, um 21 Uhr 45

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