Ein Plädoyer : Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss sich erneuern

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk verkriecht sich immer tiefer im Elfenbeinturm. Dabei müsste er sich vielmehr neu aufstellen und sich neu ausweisen. Ein Plädoyer für neue Agilität in digitalen Medienzeiten.

Jens Wendland
Ehe es Peng macht. Auch Elfenbeimtürme müssen beizeiten geräumt werden. Foto: dpa
Ehe es Peng macht. Auch Elfenbeimtürme müssen beizeiten geräumt werden. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

2001 unterzeichneten 17 Teilnehmer einer Art digitalen Tafelrunde ein „Manifest für agile Softwareentwicklung“. Darin proklamierten sie Flexibilität und enge Kundenbindung als Grundwerte digitaler Kommunikation. Diese seien wichtiger als die Auswahl der „Werkzeuge“ – sprich: von Produktionsweisen und Technik. „Reagieren auf Veränderung“ stehe über dem „Befolgen eines Plans“, lautet die abschließende Maxime des Manifests.

Der Appell zu individueller Kreativität zugunsten des Kunden, gegen eine Dominanz von Konventionen und Apparaten verzeichnet immer noch wachsenden Zulauf, und er war Ausgangspunkt einer Ringvorlesung an der Berliner Humboldt-Universität, die Theorien und Praktiken der gegenwärtigen Medienentwicklung auf den Prüfstand von „Agilität“ stellte und auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk einbezog.

Ist es überhaupt angemessen, den Zustand des „alten“ Rundfunks an dieser Elle zu messen? Zwar reimt sich Softwareentwicklung noch gerade auf Programmgestaltung. Aber scheitert ein Vergleich nicht schon daran, dass hier „Äpfel“ des traditionell analogen Rundfunks mit den „Birnen“ der digitalen Kommunikation verglichen werden, öffentlicher Rundfunkauftrag und wirtschaftliche Wertschöpfung scheinbar unauflösbar kollidieren. Sinn macht die Gegenüberstellung, wenn man sie als eine Art Benchmark versteht und fragt, ob und wie „agil“ Rundfunk heute sein könnte in einem umfassend digitalen Medienmarkt.

Seichte Formate und Inflation an Talkshows

In der hochgeregelten Rundfunkordnung spielten von Beginn an Konventionen und Auftrag eine dominante Rolle: Der Kulturauftrag und die Bestimmung als Instrument der Vermittlung des gesellschaftlichen Geschehens waren seine „Markenzeichen“ und bildeten gleichzeitig eine medienökonomische Kennzeichnung als „meritorisches Gut“, das sich eben nicht am Markt rechnet und deshalb von allseitig erhobener Gebühr lebt.

Wesentliche Teile einer programmlichen Souveränität und Innovationsfähigkeit hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk allerdings eingebüßt, als er in die Falle des dualen Rundfunksystems tappte und sich im Zielkonflikt zwischen der Marktfähigkeit eines Massenmediums und der Modernisierung eines öffentlichen Rundfunkauftrags zur Konvergenz verleiten ließ, sich in dieser Doppelbindung nicht etwa gegen einen Kommerzrundfunk profilierte, der zwar ebenfalls nicht die erhofften Innovationen durch den Markt gebracht hat, allerdings mit der Zeit den öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer älter aussehen ließ.

Merkmale dieser Konvergenz sind oft genug aufgezählt worden: statt höherer Investitionen in einen investigativen Journalismus oder der Profilierung etwa im Bereich qualitativer Eigenproduktionen – die Verlagerung des Investments in Sport- und Filmrechte, die Überschwemmung des Programms mit seichten Formaten wie etwa der Inflation an Talkshows.

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