Ein Sender für Dieter Hildebrandt : „Wohin mit meiner Wut?“

Nur auf der Bühne zu stehen, reicht Kabarettist Dieter Hildebrandt nicht. Deshalb will er jetzt Fernsehen im Internet machen. Per Schwarmfinanzierung sucht er nun Geldgeber, die seine Idee unterstützen.

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Online zieht die neue Zeit. Dieter Hildebrandt geht mit der Technik und ins Netz. Foto: dpa
Online zieht die neue Zeit. Dieter Hildebrandt geht mit der Technik und ins Netz. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

160 Abende im Jahr ist Dieter Hildebrandt unterwegs mit Programmen und Lesungen. Doch der einstige „Scheibenwischer“-Kabarettist, mittlerweile 85 Jahre alt, fragt sich: „Wohin mit meiner Wut in der restlichen Zeit?“ Wie gut, dass ganz in der Nachbarschaft von Hildebrandts Münchner Wohnung auch der Karikaturist Dieter Hanitzsch lebt, der unter anderem für die „Süddeutsche Zeitung“ zeichnet. Und dass dessen umtriebiger Sohn Stefan Hanitzsch das Internet-Programm stoersender.tv entwickelt.

Nun ist Hildebrandt das Zugpferd des Projektes, das in einer Matinee in der proppenvollen Münchner „Lach- und Schießgesellschaft“ vorgestellt wurde. „Wir sind das menschliche Verdummungspotenzial und werden uns immer wieder ganz spontan aufregen“, erklärt Hildebrandt in einer halbstündigen Einlage. „Auf diesem Fernsehkanal können Verrückte Dampf ablassen.“ Und zwar ohne große Redaktionen, Produktionsteams und Vorgesetzte, wie das bei den großen Sendern so üblich ist. Gedreht werde mit einer kleinen Kamera – im Arbeitszimmer des 79-jährigen Zeichners Hanitzsch, wie Hildebrandt schon zuvor verraten hatte. Ein zorniger Alter trifft da den anderen.

Stoersender-Macher Stefan Hanitzsch tritt im T-Shirt mit rotem Stern auf der Brust auf und meint, das Projekt solle eine „Plattform sein für Störereien“. Ein Angebot an „alle Menschen, die das Denken noch nicht eingestellt haben“. Und ein Sender sogar mit einem eigenen hauseigenen Zeichner, eben seinem Vater. Der zeigt dann gleich eine neue bitterböse Karikatur über den aktuellen Fall des Psychiatrie-Insassen Gustl Mollath. Mollath liegt da auf der Streckbank der bayerischen Inquisition, umgeben von Gestalten mit schwarzen Kutten über dem Kopf: „Wenn Sie zugeben, dass Sie verrückt sind, dann hören wir damit auf.“ Und auch den von Hanitzsch junior in einem kurzen Clip eingeführten neuen CDU-Generalsekretär würde wohl kein öffentlich-rechtlicher Sender zeigen: Ein nordkoreanischer Militär gibt mit schrill-übersteuerter Stimme Kommandos ab, unterlegt mit deutschen Untertiteln. „Es gruselt uns vor nichts“, sagt Hanitzsch, „wir haben keine Hemmungen.“

Unterstützung wurde dem Störsender schon aus der ersten Liga der politischen Kabarettisten und Texter zugesichert, die nicht unter der Berufsbezeichnung „Comedian“ laufen: Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig macht mit, Gerhard Polt, Konstantin Wecker und Roger Willemsen. In die Präsentation wird Urban Priol per Handy zugeschaltet, der sagt: „Wenn ich irgendwas machen kann, dann bin ich dabei.“

Bis der Störsender aber im kommenden März voll auf Sendung geht, müssen noch als Finanzierung 125 000 Euro auf einem gemeinnützigen Treuhandkonto eingehen. Beteiligen kann sich jeder, das Geld soll mittels „crowdfunding“ eingesammelt werden – also mit „Schwarmfinanzierung“, wenigstens fünf Euro sollte jeder Unterstützer aufbringen. Geplant sind erst einmal 20 möglichst aktuelle Sendungen von je 30 Minuten Länge.

Dieter Hildebrandt schwärmt unterdessen: „Freu dich, deutsches Muttiland“ und zitiert: „Wie rasch altern doch die Leute in der SPD.“ Aus der „Weltbühne“, 1932. Er selbst ist froh, nicht mehr nur allein auf der Bühne zu stehen. „Ein Ensemble hat mir die ganze Zeit gefehlt.“

www.startnext.de/stoersender

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