Ein TV-Format verschwindet : Der deutsche Patient

Das Ende der „Harald Schmidt Show“ bedeutet auch das Ende der Late-Night im Fernsehen. Weil es außer Schmidt auch keiner kann.

Tim Klimeš
Letzte Lacher. Am Donnerstag verabschiedet sich Harald Schmidt mit seiner Late-Night beim Pay-TV-Sender Sky. Foto: pa/dpa Foto: picture alliance / dpa
Letzte Lacher. Am Donnerstag verabschiedet sich Harald Schmidt mit seiner Late-Night beim Pay-TV-Sender Sky. Foto: pa/dpaFoto: picture alliance / dpa

Es war vor gut drei Wochen, an seinem ersten Tag als neuer Moderator der „Tonight Show“, als Jimmy Fallon hinter seinem Schreibtisch saß und verschmitzt sagte: „Und du, der du nicht geglaubt hast, dass ich je die ,Tonight Show’ moderieren werde – du schuldest mir 100 Dollar!“ Dann ging der Vorhang auf, Robert De Niro kam heraus und warf einen Dollarschein auf die Bühne. Das allein wäre schon lustig gewesen, aber dann kamen noch Mariah Carey, Lady Gaga, Tina Fey, Joan Rivers, Kim Kardashian, Seth Rogen, Lindsay Lohan, Sarah Jessica Parker, Mike Tyson und taten es De Niro gleich, warfen einen Dollarschein hin, wortlos, und traten ab.

Es war nicht einfach nur ein Show-off der Stars an diesem Debüt-Abend für Fallon. Es war mehr. Eine Ehrerbietung vor einer der wichtigsten Aufgaben im amerikanischen Fernsehen, der Moderation der beliebtesten Late-Night-Show, der „Tonight Show“. Amerika begrüßte den neuen, frischen Mann, der die TV-Institution in ein neues Zeitalter aus Social Networks und Popkultur manövriert.

Der kürzliche Wachwechsel in den USA ist interessant, vor allem angesichts der Situation in Deutschland. Am kommenden Donnerstag wird auf dem Bezahlsender Sky die letzte „Harald Schmidt Show“ ausgestrahlt. Nach Sat 1 (2003), der ARD (2011) und noch mal Sat 1 (2012) zieht nun auch der Pay-TV-Sender, der die Show im vergangenen Jahr beherbergte, den Stecker. Als Sky das Ende im Dezember bekannt gab, zitierten dessen Pressetextschreiber Harald Schmidt mit einem nüchternen „Okay“. Man kann das als Gelassenheit eines routinierten Fernsehmanns bezeichnen. Oder aber: als Resignation. Denn mit dem Ende der „Harald Schmidt Show“ stirbt am kommenden Mittwoch auch das Format der deutschen Late-Night. So viel zur deutschen Fernsehkultur.

Nun ist es immer einfach, TV-Amerika hoch- und TV-Deutschland niederzuschreiben. Aber mit Blick auf den amerikanischen Markt, in dem Jimmy Fallon die „Tonight Show“ von Alt-Meister Jay Leno übernommen hat, mit Blick auf diesen Markt gilt es zu prognostizieren: Wenn Alt-Meister Schmidt am Mittwoch abtritt, wartet keiner hinter der Bühne, dann befördert keiner das Format in eine neue Zeit. Weil wir es in unserer Fernsehlandschaft nicht kultiviert haben. Und das ist alles. Nur nicht „okay“.

Die klassische Late-Night hat eine Mission: Sie verhandelt in ihrem Dreiklang aus Stand-up, Promi-Talk und lustigen Sketchen immer auch den Zustand der Gesellschaft, aus der heraus und für die sie sendet. Late-Night, das ist immer auch ein allabendlicher Kommentar zur Lage der Nation.

Harald Schmidt hat das für Deutschland jahrelang gemacht. Als mal wieder die GEZ-Diskussion durch die Feuilletons fegte, zelebrierte Schmidt öffentlich-rechtlichen Überfluss in der ARD, als sich Deutschland über eine Tagesschau-Moderatorin und ihre mutmaßlichen NS-Äußerungen hysterisierte, installierte er ein dauerpiependes Nazi-Alarmsystem in seiner Show, einmal schipperte er – in einer um 20 Uhr 15 (!) gesendeten Sonderausgabe – vier volle Stunden mit einem Schiff und allerlei prominenten Matrosen über den Rhein. Und die damalige Sendung, so sehr sie im wahrsten Wortsinne dahinplätscherte, so sehr war sie in ihrer vermessenen Gigantomanie (vier Stunden!) so furchtbar spießbürgerlich-deutsch, so spiegelvorhaltend wie wenig, was sich im deutschen Fernsehen bis dato satirisch genannt hatte. Mission erfüllt.

Doch alle, die spätestens bei der Rheinfahrt 2003 dachten, da habe einer nun Geburtshilfe für einen neuen Ansatz von Fernsehen geleistet, sollten bitter enttäuscht werden. Keiner, der Schmidt in den kommenden Jahren nachfolgen wollte, sollte Erfolg mit Late-Night haben. Alle Versuche (gestartet von Anke Engelke, Niels Ruf, Oliver Pocher oder auch Benjamin von Stuckrad Barre) sollten scheitern – weil die leichtfüßige Art relevanter Unterhaltung unsere Art nicht zu sein scheint.

Im deutschen Fernsehen gab es deshalb neben Schmidt immer öfter nur Schwarz oder Weiß: Blödeln, bis der Arzt kommt, oder: Sich selbst für so voll nehmen, dass es nicht mehr lustig ist. Wenn Niels Ruf oder Oliver Pocher (beide Sat 1) in ihr Studio baten, flogen zwar die billigen Zoten durch den Raum wie Kamelle an Karneval, wesentlich Erhellendes konnte man als Zuschauer aber nie mitnehmen. Wer auf der anderen Seite Benjamin von Stuckrad-Barre in seiner „Late-Night“ (ZDFneo) beim Pingpong mit dem Publizisten Hajo Schumacher zusah, merkte schnell, dass der Reporter des Springer-Verlags gar keine Lust auf Quatsch hatte, sondern viel lieber die hauptstadtrelevante Talkshow moderiert hätte, die er nie bekommen hat.

Und als sich Stefan Raab mit „TV Total“ am deutschen Fernsehen abgearbeitet hatte und nun endlich Zeit gewesen wäre, sich den übrigen Themen dieser Gesellschaft zu widmen, da entschied der Entertainer, sich fortan an sich selbst und den Spin-offs der eigenen Show abzuarbeiten („Wok-WM“, „Turmspringen“). Als er dann doch irgendwann plante, Unterhaltung mit Relevanz zu verknüpfen, produzierte er mit „Absolute Mehrheit“ einen Polit-Talk, der am Ende doch wieder nicht unterhaltsam wurde. Weil er sich selbst zu ernst nahm. Schwarz oder Weiß. Unser Schicksal.

Wer Late-Night sendet, braucht aber Mut, weder Schwarz noch Weiß zu produzieren, sich nicht in eine Format-Schublade pressen zu lassen. Wenn Jimmy Fallon am Anfang einer Episode mit der First Lady Michelle Obama über ihre Ernährungs-Agenda spricht, haut er sich nach der nächsten Werbeunterbrechung vielleicht gemeinsam mit Tom Cruise abwechselnd rohe und gekochte Eier auf den Kopf („Egg Russian Roulette“), um im nächsten Einspieler in voller Kostümierung eine dreizehnminütige Persiflage auf den US-Serienhit „Breaking Bad“ zu geben, nicht ohne dabei mit serienhistorischen Referenzen nur so um sich zu werfen („Joking Bad“). Wer da nicht aufpasst, kommt nicht mit, wird überrollt von der Fülle an Themen, Stilmitteln, Geschwindigkeiten. Die stete Angst deutscher TV-Redakteure, ihre Zuschauer mit dem eigenen Programm zu überfordern, zu erschrecken und nicht „abzuholen“ – mit konsequenter Late-Night steigt sie ins Unermessliche.

Anlässlich der vierstündigen Schifffahrt von Schmidt im Jahr 2003 schrieb der Publizist Henryk M. Broder, der eigentlich so gerne unangepasst wäre: „Es gibt im Leben Momente, da fragt man sich: Habe ich noch einen Albtraum oder sehe ich schon fern?“ Keine Sorge, der Albtraum ist nun vorbei. Fahren wir fort im Programm. Notgedrungen.

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