"Eine befremdliche Idee" : "Tatort"-Kommissarin wird nach Nazi-Opfer benannt

Die neue Frankfurter „Tatort“-Kommissarin trägt den Namen des Nazi-Opfers Selma Jacobi. Die Initiative Stolpersteine und die Jüdische Gemeinde zu Berlin sind irritiert.

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Der Stolperstein von Selma Jacobi hat Margarita Broich zum Namen für ihre "Tatort"-Kommissarin inspiriert. Zusammen mit Wolfram Koch bildet sie das neue Team in Frankfurt.
Der Stolperstein von Selma Jacobi hat Margarita Broich zum Namen für ihre "Tatort"-Kommissarin inspiriert. Zusammen mit Wolfram...Foto: dpa

Wenn Margarita Broich aus ihrer Haustür in der Berliner Güntzelstraße tritt, liest sie den Namen von Selma Jacobi. Er steht auf einem Stolperstein, einer kleinen Gedenktafel im Straßenpflaster, wie es sie inzwischen in vielen Städten gibt, um an die Opfer der Nazis zu erinnern. Auch die Jüdin Selma Jacobi, 1854 geboren, überlebte das Regime nicht. Sie wohnte in Charlottenburg, bis sie im März 1943 ins Ghetto nach Theresienstadt deportiert wurde, wo sie fünf Monate später starb. Nun ist Broich auf eine besondere Idee gekommen, auf welche Weise noch an Jacobi erinnert werden könnte: Sie hat ihre neue Kommissarin im Frankfurter „Tatort“ nach ihr benannt. Der Hessische Rundfunk (HR) ist begeistert – die Initiative Stolpersteine und die Jüdische Gemeinde zu Berlin sind irritiert.

"Die Idee ist befremdlich"

„Ich finde die Idee reichlich befremdlich“, sagt Silvija Kavcic, die die Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin leitet. „Es ist davon auszugehen, dass der ,Tatort‘ und seine Schauspielerin so wirkungsmächtig sind, dass die Person Selma Jacobi unweigerlich dahinter zurücktritt.“ Statt an sie „zu erinnern und zu gedenken, wird der Name immer primär mit der ,Tatort‘-Kommissarin assoziiert werden.“

Demnach würde Broich, die mit Wolfram Koch auf das Duo Joachim Król alias Frank Steier und Nina Kunzendorf alias Conny Mey folgt, mit ihrer sicher gut gemeinten Idee das Gegenteil bewirken. Auch aus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin heißt es, dass eine solche Form der Erinnerung „völlig unpassend“ sei.

In der Berliner Güntzelstraße liegt der Stolperstein des Nazi-Opfers Selma Jacobi, die im Ghetto Theresienstadt ermordet worden ist.
In der Berliner Güntzelstraße liegt der Stolperstein des Nazi-Opfers Selma Jacobi, die im Ghetto Theresienstadt ermordet worden...Foto: Promo

Vielfach ist der Schrecken der Nazizeit bereits im deutschen Fernsehen verfilmt worden. Wohl aber noch nie hat es ein Sender gewagt, sich bewusst des Namens eines Holocaust-Opfers zu bedienen, um diesen in einem völlig anderen Zusammenhang zu nutzen. Erzählt wird im „Tatort“ schließlich nicht die Geschichte von Selma Jacobi, die weder Schauspielerin noch Kommissarin gewesen ist. Sondern es geht um eine fiktive Ermittlerin auf Verbrecherjagd. Als einzige Parallele zu Jacobi soll Broichs Kommissarin jüdische Wurzeln haben.

Mit einer fiktiven "Tatort"-Kommissarin wird an ein reales Nazi-Opfer erinnert

Der HR hat sich weder bei der Initiative Stolpersteine noch bei einem jüdischen Verband rückversichert, ob die Idee tatsächlich so brillant ist, mit einer fiktiven „Tatort“-Kommissarin an ein reales Nazi-Opfer zu erinnern. Auch wurde nicht versucht, mögliche überlebende Angehörige von Jacobi ausfindig zu machen, um deren Einverständnis einzuholen oder Nutzungsrechte des Namens abzuklären.

"Die Idee hätte ihr sicher gefallen"

Das alles hält die verantwortliche Leiterin des HR-Fernsehspiels, Liane Jessen, nicht für notwendig: „Ich wäre glücklich in meinem Grab, wenn auf diese Art und Weise an mich erinnert werden würde“, sagte sie dem Tagesspiegel – und setzt damit offenbar voraus, dass auch Selma Jacobi darüber glücklich sein sollte. „Wir tun hier etwas Gutes. ,Tatort‘-Kommissare sind schließlich die modernen Helden unserer Zeit, und wir lassen Selma Jacobi als Heldin wiederauferstehen. Das hätte ihr sicher gefallen“, ist sich Jessen sicher. Bisher habe kaum jemand Selma Jacobi gekannt. „Und nun trägt eine fiktive Figur ihren Namen. Das kann doch nur im Sinne des Opfers sein, das sicher nicht vergessen werden will.“

Wenn im Sinne von Broich und Jessen an Selma Jacobi erinnert werden sollte, müsste dies auch für die Zuschauer erkennbar sein. Dass permanent eine Banderole eingeblendet wird, ist jedoch unwahrscheinlich.

Es dürfte für den HR schwierig sein, die Namensgebung noch einmal zu überdenken und die Ermittlerin neu zu taufen. Die Dreharbeiten laufen bereits, die Ausstrahlung der ersten Folge ist für Anfang 2015 geplant. Neben Broich wird Wolfram Koch als Kommissar Paul Brix zu sehen sein. Der Vorname Paul erinnere ihn an seine Kindheit in Frankreich, sagte Koch. Eine unproblematische Erinnerung. Sonja Álvarez

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