„Encyclopaedia Britannica“ : Wissen bleibt, Buch geht

Ende einer Ära: Die „Encyclopaedia Britannica“ wird nach 244 Jahren nicht mehr gedruckt. Trotzdem will sie weiter mit Wikipedia & Co konkurrieren.

von
Schlaumacher. Der Griff zur „Britannica“ hat sich stets gelohnt. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Schlaumacher. Der Griff zur „Britannica“ hat sich stets gelohnt. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die erste Ausgabe von 1768 hatte drei Bände, die jüngste Ausgabe von 2010 ist auf 32 Bände angewachsen. So sehr das Wissen explodiert ist, so sehr ist die „Encyclopaedia Britannica“ mitgegangen. Dieser Konkurrenz hat das Lexikon standgehalten, einen anderen Wettlauf hat sie jetzt verloren – den Wettlauf mit Online. Nach 244 Jahren wird das älteste englischsprachige Lexkon nicht mehr gedruckt. Das Ende der Printausgabe sei ein von langer Hand geplanter letzter Schritt, um sich vollkommen auf den digitalen Markt einzustellen, teilte Jorge Cauz, Präsident der „Encyclopaedia Britannica“, mit. Manche mache das zwar traurig und nostalgisch, aber heute habe das Unternehmen ein besseres Werkzeug, da die Internetausgabe kontinuierlich aktualisiert werde, sagte Cauz der „New York Times“.

Der Startpunkt der „Britannica“, deren Kern und Aufgabe stolz mit „The Sum of Human Knowledge“ umschrieben wurde und wird, hängt eng mit der Aufklärung in Schottland zusammen; herausgegeben von 1768 an, wurde sie von 1820 von Adam Black und Charles Black in Edinburgh verlegt. Später mit der Zeitung „The Times“ verbunden und in London publiziert, wechselten die Marken- und Veröffentlichungsrechte 1920 in die USA, zu Sears Roebuck; neuer Firmensitz wurde Chicago. Mit dem ökonomischen Ziel einer gewinnträchtigen Publikation war stets die Absicht der frühen „Enzyklopädisten“ wie Diderot oder Voltaire verbunden, dass Wissen mitteilbar und damit teilbar sein sollte.

Das englischsprachige Nachschlagewerk, das mit seinem Umfang, der autoritären Wucht seiner jetzt rund 75 000 Artikel und seinen goldbetressten Rücken seinem Besitzer durchaus die Bewunderung seiner Freunde und Bekannten einbringen konnte, hatte stets seinen hohen Preis, die aktuelle Ausgabe kostet rund 1400 Dollar (1100 Euro). Primär verkauft an der Haustür, wurde die Summe vielfach über Monatsbeiträge abgestottert. Die Käufer kamen zumeist aus der bildungshungrigen und aufstiegswilligen Mittelschicht.

Der Absatz erreichte 1990 seinen Höhepunkt mit 120 000 Exemplaren in den USA. Mit dem Aufstieg des Internets in den folgenden Jahren verband sich der rasante Abstieg des Printlexikons. Die letzte Ausgabe aus dem Jahr 2010 wurde lediglich 8000 Mal verkauft, indes 12 000 Kollektionen gedruckt worden waren. Der Preis könnte jetzt sinken.

Seit Beginn der 80er Jahre versuchte sich die „Encyclopaedia Britannica“ auf dem digitalen Markt zu etablieren. 1989 kam die erste Multimedia-CD auf den Markt, 1994 gab es die erste Version im Internet. Heute schlagen rund hundert Millionen Menschen auf den auch kostenpflichtigen Internetseiten der „Encyclopaedia Britannica“ nach. Den Löwenanteil des jährlichen Umsatzes, etwa 85 Prozent, verdient der Verlag mit Schulbüchern. Print-„Britannica“ steht noch für ein Prozent ein.

In scharfer Abgrenzung zum Onlinelexikon Wikipedia beharren die Herausgeber der „Britannica“ darauf, dass ihre Artikel – namentlich gekennzeichnet und zumeist von namhaften Wissenschaftlern und bekannten Publizisten geschrieben – nur jenes Wissen erfassen, das wirklich wichtig, das relevant ist. Einträge zu irgendwelchen Promis sind nicht zu finden. Was zu finden ist, und das ist ganz entscheidend, muss korrekt in den Fakten sein. Darüber kam es 2005 mit der Zeitschrift „Nature“ zum Streit, die nachgewiesen haben wollte, dass in den 42 verglichenen Einträgen sich in den Artikeln der „Britannica“ durchschnittlich drei Fehler fanden, bei Wikipedia vier Fehler. „Britannica“ bestritt den Wert der Studie, berief sich auf die Noblesse seiner Autoren, die Akkuratesse der Recherche und Redigatur, betonte, dass die Autorität der Experten der Schwarmintelligenz der Wikipedia-Autoren überlegen sei, im Print und online. Der gedruckten, teuren „Britannica“ half das nichts. Das frei zugängliche, überall abrufbare und zudem stets aktualisierte Wissen im Internetuniversum, egal ob bei Wikipedia oder anderswo arrondiert, machte der Regalware den Garaus.

Die deutschsprachige „Brockhaus Enzyklopädie“, zuletzt 2005 mit 30 Bänden publiziert, wird auch eine 22. Auflage erleben, sagte eine Sprecherin der Bertelsmann AG, wahrscheinlich 2014/2015. Mit dem Kauf des „Brockhauses“ wird die Zugangsberechtigung zu einem Online-Portal mit aktualisierten Beiträgen erworben.

Autor

3 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben