Ende mit Schrecken : "Spiegel"-Chefredakteure sollen gehen

Seit 2008 bilden Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo die Doppelspitze des Nachrichtenmagazins. Doch die beiden Männer sollen sich im Dauerstreit befinden, dazu befindet sich die Auflage des "Spiegel" im Sinkflug. Jetzt wird angeblich ein Nachfolger gesucht.

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Vor dem Abgang? Noch will der "Spiegel" nicht bestätigen, dass Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo als Chefredakteure abgelöst werden. Ein Dementi gab es allerdings auch nicht.
Vor dem Abgang? Noch will der "Spiegel" nicht bestätigen, dass Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo als Chefredakteure...Foto: dpa

Mitten in die Produktion des neuen „Spiegel“ hinein platzte am Freitagabend die Bombe: Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo sollen als Chefredakteure des Hamburger Magazins abgelöst werden, meldete das „Hamburger Abendblatt“. Eine Nachricht, die viele Mitarbeiter überraschte – offenbar auch das Führungsduo selbst, das seit Februar 2008 an der „Spiegel“-Spitze steht.

Betrieben wird die Ablösung auf Druck des Gesellschafterkreises, zu dem neben der Mitarbeiter KG als Hauptgesellschafterin auch der Verlag Gruner + Jahr und die Erben des „Spiegel“-Gründers Rudolf Augstein gehören. Bereits vor Wochen soll im Hintergrund die Suche nach einem Nachfolger begonnen haben – und eines steht wohl jetzt schon fest: eine weitere Doppelspitze soll es nicht geben.

Denn gerade der Dauerstreit zwischen Mascolo und Blumencron soll einer ausschlaggebenden Gründe für die Trennung sein. Er habe es unmöglich gemacht, die dringend notwendige Verzahnung von Print und Online umzusetzen. Waren beide 2008 als gleichberechtigte Chefredakteure angetreten, erfolgte 2011 die Teilung: Mascolo war fortan fürs Blatt verantwortlich, Blumencron für Online, auch wenn er weiterhin als „Spiegel“-Chefredakteur im Impressum stand. So kämpfte jeder alleine für sich in seinem Graben. Das Dauerthema: Wie viel „Spiegel“ soll drinstecken, wo Spiegel Online draufsteht?

Während Mascolo sich dafür ausgesprochen haben soll, möglichst wenig Texte aus dem Heft kostenfrei online zu stellen, habe sich Blumencron für eine engere Zusammenarbeit eingesetzt – zum Leid manch langjährigen „Spiegel“-Redakteurs, der fürchtete, dann „drei Artikel pro Woche schreiben“ zu müssen. Dabei hat das Nachrichtenportal quasi die Führung übernommen: Wer heute gefragt wird, ob er den „Spiegel“ liest, sagt Ja – und meint damit oft die Website.

Noch im November hatten beide verkündet, dass es fortan ein großes Einerlei geben soll. Doch die Aufbruchstimmung verebbte schnell. Auch „Spiegel“-Geschäftsführer Ove Saffe soll jetzt verärgert darüber sein, dass sich Blumencron offenbar „standhaft weigert“, eine neue Online-Strategie umzusetzen, heißt es im „Abendblatt“. Sie sehe vor, alles, was bei über die aktuelle Nachrichtenberichterstattung hinausgeht, kostenpflichtig zu machen. Eine Strategie, für die sich offenbar auch die Mitarbeiter KG ausspricht.

Doch auch Mascolo soll in der Redaktion immer weniger Rückhalt gefunden haben, berichten Mitarbeiter. Die Entscheidungen, welche Geschichte Titelthema wird, habe er „einsam“ getroffen – und oft daneben gelegen. Titel wie zuletzt „Hitler Uhr“ und „Die Mutigen“ über Menschen, die Leben gerettet haben, waren intern umstritten. Unter seiner Führung ist die verkaufte Auflage des „Spiegel“ von rund 1, 05 Millionen Exemplaren auf rund 890 000 Stück gesunken. Das macht sich in der Kasse des „Spiegel“ bemerkbar – und damit in den Portemonnaies der Mitarbeiter, die über die KG an dem Magazin beteiligt sind. Deshalb setzen die Gesellschafter nun offenbar auf ein Ende mit Schrecken.

Zwar wollen sich weder die Gesellschafter noch die Chefredakteure zu der Ablösung äußern, auch der „Spiegel“ teilt lediglich mit, die „Gerüchte und Spekulationen“ „nicht kommentieren“ zu wollen – ein Dementi klingt anders. Gesucht wird nun ein Chefredakteur – oder eine Chefredakteurin – der oder die eine Vision dafür hat, wie ein Wochenmagazin im Jahr 2013 aussehen muss. Wie eine sich ergänzende Zusammenarbeit zwischen Print und Online funktioniert. Und eine Antwort auf den teils strukturell, teils aber auch inhaltlich bedingten Auflagenrückgang hat. Dass der „Spiegel“ ein Relevanzproblem hat, habe sich erst in der vergangenen Woche gezeigt, als die Daten mit Informationen über dubiose Finanzgeschäfte in Steueroasen an andere Medien gingen, monieren Mitarbeiter.

Als möglicher Nachfolger wird dpa-Chefredakteur Wolfgang Büchner gehandelt, der zuvor Spiegel-Online-Chefredakteur war. Genannt wird ebenfalls Nikolaus Blome, stellvertretender „Bild“-Chefredakteur und gut mit „Spiegel“-Gesellschafter Jakob Augstein bekannt, mit dem er eine gemeinsame TV-Sendung macht. Eine Rückkehr von Gabor Steingart, früher Leiter des „Spiegel“-Hauptstadtbüros, gilt als nicht ausgeschlossen, auch wenn er seit 1. Januar den Vorsitz der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Handelsblatt übernommen hat. Vermieden werden soll in jedem Fall ein ewiges Hickhack wie nach der Trennung von Blumencron-Mascolo-Vorgänger Stefan Aust. Auch damals hatte die Mitarbeiter KG die Ablösung betrieben, ohne einen Nachfolger parat zu haben. Der „Spiegel“ machte wochenlang Schlagzeilen – jedoch weniger mit eigenen Geschichten.



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