Entschleunigung : Hannah Arendt im Booklet

Das "Philosophie Magazin" und "Hohe Luft" - zwei Publikationen, ein Jubiläum: Was sich für acht Euro über Sinnsuche sagen lässt.

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Repro: Tsp
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Das gute Leben. Hin und wieder gibt es dazu Anregungen am Zeitungskiosk, die über Fitnesstipps und Benimmregeln hinausgehen. Stichwort Entschleunigung. Zehnmal am Tag E-Mails checken, das kann’s nicht sein. Es würde bereits ausreichen, ein menschliches Organ zu nutzen, dessen Funktion nach dem britischen Metaphysiker Whitehead darin besteht, „die Kunst zu leben zu befördern“. Whitehead nennt dieses Organ „Vernunft“. Zu philosophieren bedeute nichts anderes, als dieses Organ zu pflegen. Und da für die Lektüre und das Verständnis des ganzen Kants auch in entschleunigten Zeiten viel zu wenig Zeit bleibt, gibt es das „Philosophie Magazin“, welches am Donnerstag in einer Jubiläumsausgabe erscheint.

Die Zeitschrift mit Sitz in Berlin (im Internet: Philomag.com) geht ins zweite Jahr. Den Hinweis auf Whitehead bringt Chefredakteur Wolfram Eilenberger im aktuellen Editorial. Das Titel-Thema ist ein jahreszeitliches: Der Vorsatz, Dinge langsamer anzugehen, hat sich nicht eingelöst. „Es geht um unser Ausmaß an Beschleunigung, die knapper werdende Zeit.“ Einen Schwerpunkt bildet der neue Film von Margarethe von Trotta – das Thema Hannah Arendt im 16-seitigen Booklet. 6 Euro 90 kostet der 100-seitige Gedankenspaß. Eine ausgewiesene Zielgruppe gebe es nicht, sagt Eilenberger. Zu den Lesern der zuletzt 25 000 verkauften Exemplare dürften Studenten der Geisteswissenschaften genauso gehören wie „Leistungsträger mit akademischem Hintergrund“. Der Start war mit 100 000 Ausgaben deutlich höher angelegt. Kann man davon leben? Man läge mit 5000 Abonnenten sehr gut im Plan, sagt Eilenberger.

Alternativ drängt sich dem Sinnsucher seit ebenfalls einem Jahr die Philosophie-Zeitschrift „Hohe Luft“ auf. Das Hamburger Magazin sieht von Weitem aus wie das Wirtschaftsmagazin „brand eins“, titelt in der aktuellen Ausgabe knallig „Schluss mit dem Bullshit! Warum so viel Blödsinn geredet wird“, kommt insgesamt etwas textlastiger daher. „Unsere Leser melden uns zurück, dass sie es genießen, tief und ernsthaft in ein Thema einzutauchen“, sagt Chefredakteur Thomas Vasek. „Hohe Luft“ bilde einen Kontrapunkt zu den teils oberflächlichen Informationen, die den Alltag dominieren. Die Auflage: 20 000. Als Gegenwert für acht Euro gibt es ein „Lehrstück über die Ethik der Suchmaschine“ oder ein Interview mit Julian Nida-Rümelin, „einem der wenigen deutschen Philosophen von öffentlicher Prominenz“. Immerhin nicht Richard David Precht.

Ewig gültige Seins- und Wahrheitsbestimmungen? Gibt’s ja eh’ nicht mehr. Das gute Leben würde schon reichen. Wenn es Ziel der Magazine ist, philosophisches Denken jenseits von universitären Fachkreisen zu vermitteln, geht Eilenberger jedenfalls mit gutem Beispiel voran. Mit einer überraschenden Reportage über die „Leistungsdroge Crystal Meth“ im „Philosophischem Magazin“ – und als Mitglied der deutschen Autorennationalmannschaft.Markus Ehrenberg

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