Ernst Weisenfeld : Der Deutsch-Franzose

Zum Tod des Korrespondenten Ernst Weisenfeld - ein Nachruf.

Hermann Rudolph
Ernst Weisenfeld
Ernst Weisenfeld, ARD-Korrespondent und Frankreichkenner. -Foto: WDR

Wie sich beim Abschluss des Elysée-Vertrags anno 1963 in Paris gegen alle Skepsis und Verstimmung die Atmosphäre einer historischen Stunde ausbreitete, das offiziöse Papier für den Staatsvertrag allerdings in Bonn geblieben war, weshalb das Dokument auf französischen Bögen weiß mit rotem Rand ausgefertigt wurde – Ernst Weisenfeld wusste es, denn er war dabei. Als er es für die Leser dieser Zeitung niederschrieb, zum vierzigjährigen Jubiläum des Vertrags 2003, war er neunzig Jahre alt, und über fünfzig Jahre Zeuge des deutsch-französischen Verhältnisses. Keiner kannte dessen Entwicklung so wie er, von ihren schwierigen Anfängen an – er war bereits 1951 als Korrespondent nach Paris gekommen, damals noch für die Hamburg-Köllner Nachkriegsgründung NWDR. Und er konnte es sich zugutehalten, dieses Verhältnis mitgeformt zu haben, als Hörfunk- und Fernsehjournalist, mit Berichten und Kommentaren, vor allem in der „Zeit“, als Autor wichtiger Bücher.

Bei ihm konnte man lernen, was es mit dem Nachbarland und seiner zeitweise so sperrig wirkenden Politik auf sich hat. Wie er überhaupt der Idealfall eines außenpolitischen Publizisten war: stets vorzüglich informiert, ruhig und genau in der Intonation seiner Berichte, ohne Gesinnungs-Penetranz. Ihm gelang das Schwierigste in diesem Metier – die Verbindung von Überblick und Detailkenntnis. Dabei kam ihm sein Naturell zugute: Dass er, nehmt alles nur in allem, ein Herr war, unprätentiös, unangestrengt und von heiterer Liebenswürdigkeit. Die notorische Eitelkeit des Fernsehgeschäfts, die Forciertheit des Meinungsjournalismus – keine Spur davon. Aber in seinem Urteil fühlte man sich aufgehoben.

Auch der Tagesspiegel hat Ernst Weisenfeld zu danken

Dabei gehörte Weisenfeld zu denen, die den ernsthaften Fernsehjournalismus für die Bundesrepublik erfanden und ihn auf die Höhe seines frühen Niveaus brachten. Er baute 1963 das Studio Bonn auf und moderierte den „Bericht aus Bonn“, 1969 begründete er das ARD-Studio in Paris. Seine Wurzeln lagen anderswo. Geboren in Westfalen, wurde er nach einer Promotion über die Siebenbürger Sachsen Korrespondent in Bukarest. Die Anhänglichkeit für diese Anfänge und die Erinnerung an seine siebenbürgische Frau schlugen sich nieder in einer Stiftung für die Erhaltung der deutschen Kultur in Rumänien – 2004 erhielt der Frankreichkenner dafür den Kulturpreis der evangelischen Kirche Siebenbürgens.

Auch der Tagesspiegel hat Ernst Weisenfeld zu danken. Mit den Kolumnen, die er nach 1990 für uns schrieb, hat er uns teilhaben lassen an der Fülle seiner Erfahrungen und der staunenswerten intellektuellen Lebendigkeit, die er sich bis ins hohe Alter bewahrte. 95-jährig ist er jetzt in Hamburg gestorben. Ein Grandseigneur des Journalismus, eine liebenswerte Gestalt. 

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