Erst gedreht, dann gestoppt : Prost, Atomprotz

Erst „Sonnensucher“, dann "Schlacht um Algier", dann „Bambule“: Arte zeigt drei ehemals verbotene Filme.

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Liebe in Zeiten vor Tschernobyl und Fukushima: Treffen sich zwei nach langer Zeit wieder, waren einmal verliebt, sind's vielleicht noch. Trinken versuchsweise einen Sekt zusammen, alles weitere wird sich, soll sich finden. Sagt er, prahlend: „Bin radioaktiv von vorn bis hinten. Prost.“ Erwidert sie, bewundernd: „Prost, Atomprotz.“

Dieses erstaunliche Balzgespräch stammt aus Konrad Wolfs „Sonnensucher“, zu sehen heute Abend in der Themenreihe „Verbotene Filme“ auf Arte. Es folgen Gillo Pontecorvos „Schlacht um Algier“, der in Frankreich nicht gezeigt werden durfte, und Eberhard Itzenplitzs „Bambule“, zu dem Ulrike Meinhof das Drehbuch schrieb und der 24 Jahre im Giftschrank der öffentlich-rechtlichen Sender lag. Schaut man die Filme heute, fällt das, was damals anrüchig wirkte, gar nicht so sehr auf. Dafür entlarven die Filme ganz andere Geheimnisse ihrer Entstehungszeit.

„Die Sonnensucher“ zum Beispiel wurde aus Gründen der Geheimhaltung auf den Index gesetzt. In dem 1958 gedrehten Film geht es um den Uranabbau im Erzgebirge, mit dem die Sowjetunion nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki begonnen hatte. In dieses Abbaugebiet werden zwei Frauen aus Berlin zwangsverschickt, weil die eine, Emmi, ihr Geld als Prostituierte verdient, und die andere, Lutz, keine Papiere hat. Emmi trifft hier ihre alte Liebe, den „Atomprotz“, wieder, Lutz findet gleich mehrere neue. Diese amourösen Irrungen und Wirrungen ereignen sich vor der Kulisse des Bergbaubetriebs Wismut, wo sich Russen und Deutsche, Abenteurer und Zwangsverpflichtete, Kommunisten und Ex-Nazis sammeln. Kaum war der Film abgedreht, verboten die Russen ihn, damit nicht bekannt würde, woher sie das Uran bekamen. Ihnen gefiel auch nicht, dass Wolf mit einiger Offenheit Konflikte zwischen Sowjetbürgern und (Ost-)Deutschen schilderte. Heute sind nicht diese Auseinandersetzungen entlarvend, es irritiert eher die Begeisterung für Atomkraft. „Was meinst du, wie wir leuchten werden“, sagt Emmi zu ihrer Freundin. „Sonnensucher“ kam 1972 in die Kinos.

„Schlacht um Algier“ von 1965 schildert einen ganz anderen Schauplatz der Nachkriegsgeschichte. In der italienisch-algerischen Koproduktion wird der Kampf der Nationalen Befreiungsfront gegen die französische Kolonialherrschaft in Algerien gezeigt. 1966 bekam der Film den Goldenen Löwen in Venedig, in Frankreich durfte er bis 1971 nicht gezeigt werden. Bei einer der ersten öffentlichen Aufführungen in Paris legten Rechtsradikale eine Bombe, und der Film verschwand bald wieder aus den Kinos.

Der letzte Film des Themenabends landete erst kurz vor seiner geplanten Ausstrahlung im Giftschrank. Zehn Tage, bevor „Bambule“ am 24. Mai 1970 in der ARD gezeigt werden sollte, beteiligte sich Meinhof an der gewaltsamen Befreiung Andreas Baaders, der Film wurde daraufhin aus dem Programm genommen. Die Autorin, hieß es zur Begründung, sei „einer Tat beschuldigt, die sich mit erpresserischen Mitteln gegen unsere Verfassung richtet, Normen also, welche Grundlagen einer öffentlich-rechtlichen Anstalt sind.“

Sieht man „Bambule“ heute, ertappt man sich dabei, eher nach ersten Anzeichen für ebenjene Tat zu suchen, als sich mit dem eigentlichen Filmthema zu beschäftigen. Dabei hat es an sich große Brisanz: In den 50ern und 60ern wurden die Jugendlichen in den rund 3000 Erziehungsheimen drangsaliert, gedemütigt und missbraucht. 1969 formierte sich Gegenwehr, und von dieser Heimrevolte wollte Meinhof anhand von den drei Mädchen namens Monika, Irene und Iv erzählen.

Herausgekommen ist etwas, was Regisseur Eberhard Itzenplitz selbst offenherzig als nicht seinen besten Film bezeichnet hat. Tatsächlich ist die Geschichte so hölzern, dass es schwerfällt, ihr zu folgen, stattdessen sucht man in ihr nach Bezügen zu der RAF-Geschichte. In der letzten Szene kommt Irene, die aus dem Heim getürmt war, freiwillig zurück. Eingeschlossen im Karzer sagt sie nachdenklich, man müsse mehr reden, genauer wissen, was man wolle. Bei ihrer Recherche für den Film hatte Meinhof wirklich ein Heimmädchen namens Irene kennengelernt. 1971 kam sie ins Gefängnis. Irene hatte bei Meinhoff als Kindermädchen gearbeitet und Waffen für die Befreiung Baaders besorgt. „Bambule“ wurde 1994 erstmals gezeigt. Verena Friederike Hasel

„Verbotene Filme“ auf Arte: „Sonnensucher, 20 Uhr 15; „Schlacht um Algier“, 22 Uhr 05, „Bambule“, 0 Uhr 05

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