Erwiderung auf Appelbaum : "Henri Nannen war kein Nazi"

Jacob Appelbaum distanziert sich von seinem Nannen-Preis und will die Preisskulptur einschmelzen lassen. Das muss er nicht, schreibt Stephanie Nannen, Enkelin und Biografin des "Stern"-Gründers.

Stephanie Nannen
Die Büste des Henri-Nannen-Preises: Jacob Appelbaum will sie aus Protest einschmelzen lassen.
Die Büste des Henri-Nannen-Preises: Jacob Appelbaum will sie aus Protest einschmelzen lassen.Foto: dpa

Jacob Appelbaums Worte haben mich an meinen Großvater erinnert. Als Journalist hat Henri Nannen dafür gekämpft, die Welt ein kleines bisschen besser und ein kleines bisschen weniger gemein zu machen. Appelbaum sagt, dass es wichtig sei, „eine Welt (zu) schaffen, die nicht nur von totalitären Gedanken geleitet wird, mit blindem Glauben an Flaggen, Führer, Bürokraten und ihre Lakaien, oder mit simpler Autoritätshörigkeit und blindem Gehorsam, der nur um der Autorität willen eingefordert wird“. Das kommt Henri Nannens Vorstellung von gutem Journalismus sehr nahe.

Jacob Appelbaum wusste vor der Preisvergabe offenbar nicht, wer Henri Nannen war – sonst hätte er sicher bereits anlässlich der Nominierung bekannt gegeben, dass er sich mit Nannen nicht gemein machen kann. In der Woche nach der Preisverleihung hat er nun recherchiert und der in der kurzen Zeit nur oberflächlich möglichen Recherche seine Interpretation hinzugefügt. Man könnte ihm widersprechen und erwähnen, dass Nannen nicht zu Beginn des Krieges Teil einer Propagandaeinheit der Nazis gewesen ist – die ersten Jahre verbrachte Nannen überwiegend als Kriegsberichterstatter an der Ostfront, erst in den letzten Kriegsmonaten war er in dieser besagten Einheit in Italien und warf Flugblätter zur Demoralisierung vor allem der Amerikaner ab. Er war nie Mitglied der SS, sein Zug war am selben Ort stationiert.

Nannen äußerte nur wenige „Führer“-freundlichen Worte - für die er sich schämte

All das kann man Appelbaum entgegenhalten – aber es ist schon so oft getan worden. Und der Erste, der sich hinstellte und sagte: „Ich war zu feige“, war Henri Nannen selbst. Seine Haltung zu den Verbrechen der Nazizeit dokumentiert sich nicht erst 1979 in seinem gleichlautenden Leitartikel: „Wir hätten es wissen müssen, wenn wir es nur hätten wissen wollen“, bekennt er dort. „Ich jedenfalls habe gewußt, daß im Namen Deutschlands wehrlose Menschen vernichtet wurden, wie man Ungeziefer vernichtet. Und ohne Scham habe ich die Uniform eines Offiziers der deutschen Luftwaffe getragen. Ja, ich wußte es, und ich war zu feige, mich dagegen aufzulehnen.“

Tun und Wirken Henri Nannens, der wie alle anderen zum Krieg eingezogen wurde und schon deshalb nicht mit den Nazis sympathisierte, weil die seine jüdische Freundin Cilly verfolgten und ihm unter anderem aufgrund dieser privaten Nähe Berufsverbot erteilten, ist nicht nur einmal beschrieben worden. Seine „Führer“-freundlichen Worte beschränkten sich auf wenige Artikel in Kunstzeitschriften, für die er sich schämte. Was man Jacob Appelbaum heute aber noch erwidern kann und muss, ist: Henri Nannen war kein Nazi. Er war ein unvoreingenommener Denker und er wurde zum Teil eines mörderischen Systems, kein Mitgestalter. Und er setzte sein ganzes weiteres Leben gegen diese Feigheit. Sein Leben als Journalist. Als Journalist war Henri Nannen jemand, der jeden Buchstaben darauf verwandte, dass Freiheit, Pressefreiheit vor allem nicht nur leere Worte waren. Er kämpfte mit seinem Freund Rudolf Augstein dafür, dass die Freiheit des Wortes und der Gedanken in Deutschland – und darüber hinaus – lebendig wurden. Also ganz im Sinne Jacob Appelbaums.

Dass der Nannen-Preis heute noch so polarisiert wie mein Großvater zu Lebzeiten, ist für mich Zeichen, dass Nannens Kraft und Mut zur Diskussion und zum Widerspruch weiterwirken.

Die Journalistin und Autorin hat 2013 „Henri Nannen: Ein Stern und sein Kosmos“ veröffentlicht.

Warum Jacob Appelbaum sich von seinem Nannen-Preis distanziert, lesen Sie hier.

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