Medien : „Es stand nicht in unserer Macht“

Erschütternd nicht nur für Amerikaner. Die Reportage „Baghdad ER“ über ein US-Militärhospital im Irak

Barbara Sichtermann

Die Anspielung auf die erfolgreiche US-Serie ER (=Emergency Room) ist passend; denn hier wie dort haben wir es mit einer Notaufnahme zu tun – im Schauplatz der Serie genauso wie im US-Militärhospital von Bagdad, wo die Reportage „Baghdad ER“ entstand. Hier wie dort kommt es darauf an, keine Zeit zu verlieren, geht es meist um Leben und Tod, muss sofort gehandelt werden. Und zugleich wissen alle, dass oftmals nicht mehr geholfen werden kann, dass es manchmal zu spät ist. Und der Doktor dann wie in dem Lazarett von Bagdad sagen muss: „It was not up to us“ – „Es stand nicht in unserer Macht“.

Die Unterschiede zwischen Fernsehen und Leben aber sind größer. Ist doch das Krankenhaus eine der Szenerien außerhalb des Studios, die wir in Krimis und Movies nach dem Gasthaus am häufigsten sehen. Wir kennen sie als immer hell, blitzsauber, mit piepsendem Hightech und langen Fluren, durch die das Personal in schneeweißem Outfit flitzt. Das Militärhospital schaut bereichsweise aus wie ein Bastelkeller, es fließt so viel Blut über den Boden, dass ständig eine Putzkraft mit ihrem Wischmopp dabei ist, und die Ärzte und Pfleger tragen Tarnkleidung, sind häufig blutbesudelt. Man unterscheidet sie von den Patienten vor allem dadurch, dass sie aufrecht gehen. Und dann sind es ja keine Unfälle wie in der Fernsehnotaufnahme, die die Verletzten ins Hospital bringen, sondern Anschläge. So sind Angst und Fassungslosigkeit auch immer dabei. Dass Krieg schmutzig ist, wusste man ja. Dass auch das Lazarett, dieser Ort der Schmerzensschreie, der Schocks und des Bluts, trotz modernster Geräte eher einem Unterstand gleicht als einer Klinik, das kriegt man gezeigt in dieser Doku von Jon Alpert und Mathew O’Neill.

Die beiden Filmemacher waren selbst erstaunt, dass sie ungehinderten Zugang zur Krankenstation erhielten, dass sie keinerlei Zensur zu befürchten hatten. Die amerikanischen Militärs sind ja sonst sehr heikel, was Meldungen und Bilder betrifft. Sie wollen kontrollieren, was da entsteht und was an die Öffentlichkeit geht. Wo Verletzte gerettet werden, so dachten sie vielleicht, kann die Welt ruhig zugucken, schließlich sollen es, so wird es auch im Film gesagt, neunzig Prozent aller verwundeten Soldaten sein, die im Irak dem Leben zurückgegeben werden, und das ist eine stolze Zahl. Aber wie werden die Auferstandenen weiterleben? Manchen fehlt ein Bein, anderen ein Daumen. Sicher, sie sind nicht gestorben, aber sie sind verstümmelt oder traumatisiert. Oder beides. Da ist einer, der sieht ganz gesund aus. Er liegt auf der Bahre und zittert. „Er hat einen Freund verloren“, erfahren wir. Wird er durchhalten, wird er bleiben können? Ein anderer Soldat ist schwer verwundet. Er muss aus seiner Uniform herausgeschnitten werden. Die Kamera fährt auf das Gesicht mit einer Maske aus getrocknetem Blut. Wieder ein anderer kann schon aufstehen. Aber irgendwas ist für ihn anders. Man kann es nicht genau sehen, aber man ahnt es. Fehlt ihm ein Fuß, ein Organ? Er sieht blass aus. Er soll heim in die Staaten, aber er will gar nicht. Vielleicht hat er dort niemand, der auf ihn wartet. Vielleicht ist er in die Armee geflüchtet. Und nun war alles umsonst. Der Hubschrauber bringt die Patienten ins Lazarett, und er holt diejenigen ab, für die der Krieg zu Ende ist und die für den Freund, das Bein, die Hand oder das Auge, die sie in der Fremde lassen, viele grausige Erinnerungen mitnehmen.

Die meisten Verletzungen stammen von den I.E.D., den Improvised Explosive Devices, was so viel heißen soll wie selbst gebastelte Bomben. Sie gelten als besonders gefährlich. Einmal explodiert so ein Ding beim Öffnen einer Garagentür, dann wieder ist es ein Mörserangriff auf einen Armeeshop. Der Offizier vor Ort gibt freimütig Auskunft. Man spürt hier nichts von Hass auf den Kriegsgegner. Obwohl sie ja so nah dran sind, obwohl sie die Folgen der Zerstörungen täglich zu begrenzen versuchen, wirken sie gelassen, wie Leute, die einen Dienst tun, der nun mal getan werden muss und dessen Effizienz unter Emotionen leiden würde. Aber dann stirbt einer auf dem Operationstisch, und sie stehen da, erschöpft, unglücklich, ruhig. Einer spricht ein Gebet, man merkt, dass das dazugehört, ein Ritual, das die Zurückgebliebenen entlastet. „It wasn’t up to us.“

Zu Beginn des Films sehen wir einen GI, das Gesicht voller Wunden, der übers Handy mit seiner Mutter in den Staaten telefoniert: „Hi Mum!“ Man hört sogar die Stimme der Frau: „How are you? Wie geht es dir?“ Er sagt, er sei im Krankenhaus, sie solle sich mal keine Sorgen machen. Diese Beschwichtigung, es sei alles halb so schlimm und der Nutzen des Krieges doch wohl weit größer als die Kosten und die Opfer – die wird, in der Familie der GIs, in der amerikanischen und in der Weltöffentlichkeit, nicht mehr so leicht möglich sein, wenn es mehr Filme gibt wie „Baghdad Emergency Room“.

„Spiegel TV Magazin: Baghdad Emergency Room“; Sonntag, RTL, 21 Uhr 30

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