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Eskorte für den Ernstfall : So schützen sich Journalisten in Krisengebieten

04.04.2013 12:41 Uhrvon und
Angeschossen. Der Kameramann der Nachrichtenagentur Reuters, Ayman al Sahili, liegt mit einer Kugel im Bein in Aleppo verletzt am Boden. Foto: ReutersBild vergrößern
Angeschossen. Der Kameramann der Nachrichtenagentur Reuters, Ayman al Sahili, liegt mit einer Kugel im Bein in Aleppo verletzt am Boden. Foto: Reuters - Foto: REUTERS

Sie holen Reporter raus, wenn’s knallt. Wie Sicherheitsfirmen Journalisten in Krisengebieten helfen. Auch für den in Aleppo schwer verletzten ARD-Mann Jörg Armbruster wurde die schnelle Rückreise nach Deutschland organisiert.

Die Sicherheitsfirma winkte vorher ab. Es sei nicht möglich, den Reporter vor Ort zu unterstützen. Die Lage sei nur schwer einschätzbar, die Situation zu unsicher. Jörg Armbruster, langjähriger ARD-Korrespondent und erfahrener Nahost-Experte, wagte sich trotzdem nach Syrien, um für seine Dokumentation über den „Neuen Nahen Osten“ zu recherchieren. Als der 65-Jährige seine Geschichte am Karfreitag fast zusammen hatte, war er in Aleppo auf dem Weg in ein Krankenhaus, um Medikamente abzuliefern. Doch dann wurde sein Kleinbus beschossen, Armbruster schwer verwundet, er musste notoperiert werden. Die Sicherheitsfirma konnte immerhin eines für ihn tun: Die schnelle Rückreise nach Deutschland organisieren.

International SOS heißt das Unternehmen, mit dem Armbrusters Heimatsender, der Südwestrundfunk (SWR), zusammenarbeitet, wenn die Mitarbeiter in Krisen- und Kriegsgebiete reisen. „Meistens geht es darum, die medizinische Versorgung abzusichern“, sagt SWR-Sprecher Wolfgang Utz. So wurde Armbruster an der türkischen Grenze von einem Krankenwagen abgeholt, ins Krankenhaus nach Adana gebracht und dann am Montag nach Stuttgart ausgeflogen, wo er seither weiterbehandelt wird.

Vor allem TV-Sender lassen sich inzwischen von privaten Sicherheitsfirmen beraten. Nach Angaben von International SOS gehören in Deutschland neben dem SWR noch vier weitere Sender und ein Verlag zu den Kunden des Unternehmens. 50 seien es weltweit, vor allem US-amerikanische Medienhäuser. Oft gehe es bei der Zusammenarbeit nicht nur darum, die Recherchereise vorab mitzuplanen oder die medizinische Versorgung im Notfall abzusichern, sondern auch um Unterstützung vor Ort. Bei seinen Recherchen im Bürgerkrieg in Libyen ließ sich Armbruster beispielsweise von bewaffneten Personenschützern von der tunesischen Grenze nach Tripolis eskortieren. „So etwas geschieht aber immer sehr dezent, denn je mehr man auffällt, desto eher wird man zum Anschlagsziel“, sagt Utz.

Die Zusammenarbeit mit den Sicherheitsfirmen stelle aber nur einen Teil der Sicherheitsmaßnahmen dar, betont Utz. So sei es verpflichtend für alle SWR-Korrespondenten in Krisen- und Kriegsgebieten, an einem Sicherheitstraining teilzunehmen, wie es die Bundeswehr anbietet. Das gilt auch für die Mitarbeiter des ZDF, sagt Sprecher Peter Gruhne. Dazu arbeite auch der Mainzer Sender „situationsabhängig“ mit Sicherheitsfirmen zusammen: „Grundsätzlich gilt, kein Bild ist das Leben unserer Mitarbeiter wert. Dennoch gilt es gerade in Krisenregionen, sich ein eigenes Bild zu machen, um objektiv berichten zu können. Wenn möglich und von den Risiken her abschätzbar, versuchen wir dies durch eigene Drehs vor Ort zu realisieren“.

Maxim Worcester rät allerdings davon ab, sich allein auf ein Gefühl zu verlassen, wenn es um Sicherheit geht. „Viele Reporter aus Deutschland setzen auf eine Kombination aus Gottvertrauen und den rheinischen Grundsatz ,et hät noch emmer joot jejange‘, statt auf die Zusammenarbeit mit einer Sicherheitsfirma. Sie fürchten offenbar, sonst in ihrer Objektivität beeinflusst zu werden.“

Worcester hat früher für den „Economist“ gearbeitet, heute ist er Geschäftsführer des in Berlin ansässigen Unternehmens German Business Protection (GBP), das Unternehmen im Krisen- und Notfallmanagement berät. Zu seinen Kunden gehören nach seinen Angaben Medienunternehmen aus Großbritannien, den USA und Skandinavien. Vor den Recherchen in Krisen- und Kriegsgebieten wie Afghanistan, Irak oder Somalia würde GBP Kontakt zu Mitarbeitern vor Ort herstellen, die Route planen und einen Evakuierungsplan entwerfen. „Wenn wir dann sagen, diese Stadt ist ein ,No go‘, dann hat das nichts damit zu tun, dass wir die Recherche beeinflussen wollen, sondern dann geht es allein um den Schutz des Mitarbeiters“, sagt Worcester.

Das sieht Stephan Gabriel, Leiter Reisesicherheit bei International SOS, ähnlich: „Sicher gehört es auch zu den Aufgaben von Journalisten, in gefährliche Gebiete zu reisen und von dort zu berichten. Die Risiken sollten aber möglichst gut kalkuliert werden. Die größte Sicherheit wird nämlich nicht garantiert durch möglichst viele bewaffnete Personenschützer vor Ort, sondern durch eine möglichst saubere und gute Informationenbeschaffung über die Risiken und daraus abgeleitete Gegenmaßnahmen.“

Allerdings: Nicht in allen Kriegsgebieten sind die Sicherheitsfirmen präsent – und das sind meistens die, die für Journalisten besonders gefährlich sind, wie eben Syrien. 23 Journalisten sowie 58 Bürgerjournalisten und Blogger sind hier nach Angaben von Reporter ohne Grenzen seit Beginn des Aufstands gegen das Regime von Präsident Baschar al Assad im März 2011 mindestens wegen ihrer Arbeit getötet worden. Darunter die Amerikanerin Marie Colvin und die japanische Journalistin Mika Yamamoto.

Oft sind es gerade frei arbeitende Journalisten, die sich die kostspieligen Sicherheitsvorkehrungen nicht leisten können. 3000 Euro bis 4000 Euro müsse für das Sicherheitstraining vorab eingeplant werden, bis zu 2000 Euro pro Mitarbeiter pro Tag, wenn die Recherche vorab mit einer Sicherheitsfirma geplant und vor Ort begleitet werde, schätzt Worcester von GBP. „Wir haben schon im Irak-Krieg gesehen, dass Freelancer am häufigsten Opfer von Anschlägen wurden“, erinnert Hendrik Zörner, Pressesprecher des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV). Fest angestellte Journalisten würden häufiger über eine solide Unterstützung verfügen sowie spezielle Sicherheitstrainings absolvieren, was ihre Sicherheit in Krisengebieten erhöhe. Gut ausgebildete Sicherheitsleute kosteten überdies viel Geld, weshalb häufig nur die großen internationalen Rundfunkanstalten sich umfassenden Schutz überhaupt leisten könnten. „Deshalb begrüßen wir es, wenn Medien in besonders gefährdeten Gebieten keine freien Journalisten engagieren.“

Eine Zweiteilung in besonders gefährdete freie und bessergestellte, fest angestellte Korrespondenten hat auch Wolfgang Bauer beobachtet. Der erfahrene Kriegsreporter war zuletzt für die „Zeit“ in Syrien. „Wegen Geldmangels ziehen viele Zeitungen Korrespondenten ab, wollen aber immer noch authentische Berichte. Da bleibt manchmal das Verantwortungsgefühl auf der Strecke.“

Einen absoluten Schutz könnten aber auch Sicherheitsfirmen nicht garantieren, sagt Bauer: „Sicher ist nur, sich nicht unnötig an der Front aufzuhalten. Wenn man beschossen wird, nutzt es auch nichts, wenn ein bewaffneter Bewacher neben einem steht.“ Wichtig sei, ein gutes Netz aus lokalen Informanten zu haben. Die Absicherung durch Kontakt mit Journalisten-Kollegen sei dagegen nicht immer hilfreich. Verbindungen per Telefon oder Internet könnten abgehört werden – was die Reporter möglicherweise erst in Gefahr bringe. Helfen könnten Sicherheitsfirmen vor allem bei Entführungen. „Da sind Spezialisten gefragt, das ist anders gar nicht zu lösen.“

Armbruster, der noch im Krankenhaus liegt, will sich durch den Angriff nicht von seinem Projekt abbringen lassen, teilte er am Mittwoch mit: „Wenn alles gut geht, möchte ich das Filmprojekt über den Nahen Osten gerne zu Ende führen.“

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