Medien : Extratour

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Dass die achtziger Jahre inzwischen – zur Überraschung derer, die sie bewusst erlebt haben – als kulturhistorisch wichtiges Dezennium wahrgenommen werden, zeigt nicht nur der Erfolg von Oliver Geißens „80er-Jahre-Show“. Allenthalben pfeifen es die Trend-Gurus aus ihren Lofts: 80er-Retro ist schwer angesagt! Radio Bremens „Extratour“, zwischen 1985 und ’89 produziert, vermittelt dem Zeitgeistforscher ein anschauliches Bild dieser Zeit. Verglichen mit heutigen Programmstrukturen der ARD mutet es geradezu tollkühn an, dass ein derart junges, innovatives Showkonzept tatsächlich in der Primetime ausgestrahlt wurde. Und erfolgreich dazu: Quoten um die 25 Prozent, euphorische Kritiken, Grimme-Preis 1987.

Eigentlich eine Mischung aus dem legendären „Beat-Club“ und „RTL Samstagnacht“ avant la lettre, gab es einen Kessel Buntes aus Pop- und Rockmusik, Kabarett, Satire und allerlei Unfug. Einen gemeinsamen Nenner gab es allerdings bei allen Ausgaben: Man wusste nie, was einen erwartete. Manchmal regierte das nackte Grauen, etwa wenn Regie-Pionier Mike Leckebusch seiner Obsession für obskure holländische Girl-Groups freien Lauf ließ. Dann wieder gab es Premieren späterer Super-Stars wie Frankie goes to Hollywood, Jennifer Rush oder Madonna. Dazwischen trieben die Außenreporter Christian Berg und Michael Geyer mit anarchischem Charme ihr Unwesen, und Kabarettisten verspritzten verbales Gift gegen die heiligsten Güter der Nation. Zusammengehalten wurde dieses explosive Gemisch von Stefan Viering – was treibt der eigentlich heute?- und Margarethe Schreinemakers, damals noch nicht als Tränendrüse bekannt, sondern meist mit dem Etikett „kess“ versehen.

Auf N3 ist dieser Solitär öffentlich-rechtlicher Unterhaltung nun wieder zu besichtigen, in der Nacht von freitags auf sonnabends von 1 Uhr 30 bis 3 Uhr.

Also: Videorecorder programmieren und mit „Extratour“ auf Zeitreise gehen – heute übrigens mit einem blutjungen Kabarettisten ns Harald Schmidt! Jörn Wöbse

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