Fake-Accounts : Rudolf Heß folgt Adolf Hitler

Deutsche Twitter-Nutzer rufen zum Protest gegen Nazi-Profile auf, doch das Netzwerk scheint machtlos. Dabei wird es nicht zum ersten Mal mit diesem Thema konfrontiert.

von
„Mit der Lust, Polen anzugreifen“. Über das Profil des angeblichen Adolf Hitler wurden bislang mehr als 8600 Mitteilungen verschickt. Screenshot: Tsp
„Mit der Lust, Polen anzugreifen“. Über das Profil des angeblichen Adolf Hitler wurden bislang mehr als 8600 Mitteilungen...

Twitter hat ein Nazi-Problem. Nahezu die gesamte ehemalige Führungsriege der NSDAP und auch andere Vertreter von Nazi-Deutschland sind im Internet-Kurznachrichtendienst mit gefälschten Mitgliederkonten vertreten. Die Fake-Accounts von Adolf Hitler, Eva Braun, Magda und Joseph Goebbels, Rudolf Heß (bei Twitter: Hess) oder dem KZ-Arzt Joseph Mengele zeigen die NS-Verbrecher mit Originalbildern als Profilfotos. Die Profilseite von Adolf Hitler ist mit in Deutschland verbotenen nationalsozialistischen Symbolen wie dem Reichsadler mit Hakenkreuz und verschiedenen Wahlsprüchen aus der NS-Zeit versehen. Aufmerksam wurden deutsche Twitter-Nutzer auf die Nazi-Seiten nur durch Zufall, denn die Mitteilungen selbst sind komplett in Spanisch verfasst.

Bereits vor zwei Jahren sah sich Twitter mit gefakten Nazi-Accounts konfrontiert. Erst nach massiven Protesten deutscher Nutzer löschte Twitter den Account @Heil_Hitler_88. Trotz des Vorfalls hat Twitter offenkundig bis jetzt keine automatisierte Erkennung solcher Konten eingerichtet. Die deutschen Twitter-Nutzer versuchen nun dem Mediendienst Meedia.de zufolge, das Netzwerk mithilfe von Spam-Meldungen zur Löschung der neuen Nazi-Fake-Accounts zu bewegen.

Dabei verstoßen die Nazi-Konten eindeutig gegen die von Twitter selbst aufgestellten Regeln, die zuletzt am 14. Januar aktualisiert worden sind. So ist es verboten, sich als jemand anderes auszugeben. Anders als bei obszönen oder pornografischen Darstellungen wird in den Twitter-Regeln allerdings nicht explizit auf Nazi-Propaganda eingegangen. In Deutschland sind Pornografie, Gewaltverherrlichung und die Verbreitung von NS-Gedankengut per Gesetz verboten. Twitter hat seinen Firmensitz jedoch in den USA und ist anders als Facebook und Google in Deutschland noch nicht mit einem Büro vertreten. Allerdings heißt es in den Twitter-Regeln, dass sich „internationale Benutzer mit den lokalen Gesetzen bzgl. dem Verhalten im Internet und akzeptablen Inhalten einverstanden“ erklären. Ob jedoch deutsches Recht angewandt werden kann, ist fraglich, selbst wenn im Internet das Ziellandprinzip gilt. Bei der juristischen Beurteilung kommt es demnach nicht darauf an, in welchem Land sich der Server befindet, von dem eine Straftat ausgeht, sondern für welche Nutzerschaft die Seite ausgelegt ist. Die Tweets der Nazi-Fake-Accounts sind jedoch ausschließlich in Spanisch verfasst.

Unter dem Konto „Adolf Hitler“ wurden über 8600 Mitteilungen verfasst. In seinen letzten Tweets erlebt der Fake-Hitler gerade den Zweiten Weltkrieg erneut. „Niemand hat gesagt, dass der Weg leicht wird.“ Oder: „Heute bin ich aufgestanden mit der Lust, Polen anzugreifen“, ist dort zu lesen. Rassistische Äußerungen waren hingegen nicht dabei. Ob es sich bei dem Verfasser um einen Spanier handelt, lässt sich nicht sagen, da auch auf Themen in Südamerika eingegangen wird.

Die sozialen Netzwerke gehen unterschiedlich mit rechtsextremen Inhalten um. Facebook hat nach Hinweisen bereits mehrere Neonazi-Seiten gelöscht. Auf der Handelsplattform Ebay können Nazi-Memorabilia nicht mehr verkauft werden. Allerdings hat die deutsche Jugendschutzorganisation Jugendschutz.net gerade erst davor gewarnt, dass Neonazis über die sozialen Netzwerke verstärkt versuchen, Kontakt zu Jugendlichen und Kindern aufzubauen. So hätten die Beschwerden über rechtsextreme Inhalte in den Netzwerken im vergangenen Jahr um rund ein Drittel zugenommen. Das „Social Web“ sei für Neonazis die Rekrutierungsplattform schlechthin, hatte der Jugendschützer Stefan Glaser bei der Vorstellung des Jahresberichtes über Rechtsextremismus im Netz gesagt.

Autor

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben