Falsche Nachrichten : Die "Horror-Kita" in Mainz, die keine war

Die (falschen) Berichte über die Mainzer "Horror-Kita" zeigen, wie Hysterie Nachrichten und Journalisten treibt. Es braucht eine starke Redaktion, um dem zu widerstehen

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Getrieben werden. Persönlicher Widerstand gegen allgemeine Hysterie ist machbar, kostet aber viel Kraft.
Getrieben werden. Persönlicher Widerstand gegen allgemeine Hysterie ist machbar, kostet aber viel Kraft.Foto: mauritius images

Was wird aus einer Schuld, die nicht erwiesen ist? Sie müsste sich im besten Fall in Luft auflösen, im schlechteren zu einem Gerücht werden. Aber so läuft das nicht mehr. Im Sommer geriet eine Mainzer Kita in die Schlagzeilen, in der Kinder einander in grauenhafter Weise sexuelle Gewalt angetan haben sollten. Erhoben wurden die Anschuldigungen von der Mutter zweier Jungen aus der Kita. Sie fasste die Vorfälle in einem Brief zusammen, erneuerte sie später mündlich vor Kita-Leitung und Erzieherinnen. Die konnten sich die Übergriffe nicht erklären. Als „Bild“ das Thema aufgriff, lautete die Zeile: „Kinder missbrauchen Kinder: Ermittlungen in Horror-Kita“.

Ist ein Vorwurf wie der gegen die „Horror-Erzieherinnen“ erst einmal in die Welt gesetzt, sind die Folgen für alle Betroffenen fatal. So geschah es auch in diesem Fall. Noch bevor die Ermittlungen angelaufen waren, zog die für die Kita zuständige Kirchenleitung Konsequenzen. Die Leiterin der Kita wurde abberufen, den Erzieherinnen gekündigt. Zuvor hatten die sich in internen Krisensitzungen erklären dürfen, doch da die von drei Müttern vorgetragenen Vorwürfe so schwer wogen, erschien dem Generalvikar die Aussage der Erzieherinnen „wenig glaubhaft“. Wenn Taten monströs erscheinen, kann man nicht ahnungslos sein, so die Logik dahinter.

"Schwere sexuelle Gewalt, Übergriffe und Erpressung"

In ihrer Not hatten die Erzieherinnen auf einer Liste zu rekonstruieren versucht, was es an Verletzungen, Rangeleien und dergleichen in den vergangenen Monaten gegeben hatte. Sie waren auf 53 Blessuren gekommen. Daraus wurde in einem ersten TV-Beitrag aus unerfindlichen Gründen, „schwere sexuelle Gewalt, Übergriffe und Erpressung unter 53 Kindern“. Die Kita betreute 55 Kinder.

Es ist ein traurige Geschichte. Sie erzählt viel über die hysterische Dynamik solcher Nachrichten, in denen es um Kinder und die Einrichtungen geht, in die Eltern sie geben und gut aufgehoben wissen wollen, aber oft genug begleitet von dem Argwohn, dass das ja gar nicht geht. Ein möglicher Flüchtigkeitsfehler bläht den üblichen Kita-Alltag in eine Massenmisshandlung auf. Und niemandem kommen Zweifel. Dass sich die Kirche als Trägerin der Kita von ihrem eigenen Personal distanziert und unbewiesene Schuldvorwürfe übernimmt, tut ein Übriges.

Auch der Tagesspiegel meldete im Juni, dass „beinahe jedes Kind“ der Kita von Gewalt betroffen sei. Aus der Ahnungslosigkeit der Erzieherinnen wurde nun in der allgemeinen Berichterstattung, dass sie „von allem nichts mitbekommen haben wollen“ und es sich bei der Einrichtung um ein „geschlossenes System“ handele. Sehr verdächtig.

Vorauseilende Gefahrenabwehr seitens der Kirche

In Nataly Bleuels „Chronik eines Skandals“, veröffentlicht im „Zeit-Magazin“, wird das unheilvolle Wechselspiel aus Verdächtigungen seitens der Eltern, vorauseilender Gefahrenabwehr seitens der Kirche und medialer Aufheizung sehr eindrucksvoll nachgezeichnet. Und es stellt den Kontrollmechanismen der Presselandschaft ein Armutszeugnis aus. Die Journalisten gerieten in einen Erregungsrausch. „Es bedarf einer starken Redaktion, um dem zu widerstehen“, meint Bleuel. Sie habe sich, sagt sie, emotional durchaus ebenfalls bremsen müssen.

Dass an den Vorwürfen nichts dran ist, war bereits Ende November bekannt geworden. Die ermittelnde Staatsanwaltschaft war zu dem Ergebnis gelangt, dass sich „überwiegend entlastende Erkenntnisse“ ergeben hätten.

Doch zurücknehmen lässt sich der Reputationsschaden nicht mehr. Die Erzieherinnen sind stigmatisiert. Der Shitstorm, der sich offenbar auf das Fantasma einer einzelnen Mutter stützt, hat sehr viel mehr Gewicht als die Korrektur. Dabei haben die Frauen womöglich einen sehr guten Job gemacht, als sie personell unterbesetzt waren und selbst merkten, wie ihnen einzelne Kinder entglitten.

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