Familiendrama „Ein Teil von uns“ : Die abstoßende Mutter

Ein hoffnungsloser Fall: Jutta Hoffmann und Brigitte Hobmeier überzeugen im ARD-Familiendrama „Ein Teil von uns“.

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Von vorne. Irene (Jutta Hoffmann, links) wird von ihrer Tochter Nadja (Brigitte Hobmeier) gefunden und versorgt, nachdem Irene wochenlang verschwunden war.
Von vorne. Irene (Jutta Hoffmann, links) wird von ihrer Tochter Nadja (Brigitte Hobmeier) gefunden und versorgt, nachdem Irene...Foto: BR/Bernd Schuller

Eine Hochzeit, fröhliche Stimmung, der Bräutigam trällert seiner Liebsten ein Lied. Doch als sich eine Frau unter die Festgemeinschaft mischt, ist es vorbei mit der Harmonie. Sie sieht heruntergekommen aus, sie stinkt, und als man sie herausführen will, wird sie laut und ordinär, reißt eine Tischdecke mitsamt Geschirr zu Boden. Nadja (Brigitte Hobmeier) hat die Szene entsetzt und sprachlos beobachtet. Denn es ist ihre obdachlose, psychisch kranke Mutter, die nach einem Jahr unvermittelt wieder auftaucht, um an der Hochzeit ihres Sohnes Micki (Volker Bruch) teilzuhaben.

Irene (Jutta Hoffmann), die sich selbst immer nur Wanda nennt, scheint ein hoffnungsloser Fall zu sein. Sie säuft und flucht hemmungslos, lebt auf der Straße, weil sie es in den Unterkünften nicht lange aushält, beschimpft ihre Tochter, die sich um sie kümmert. In der Nacht randaliert sie unter dem Fenster von Nadjas Wohnung.

Der Film „Ein Teil von uns“ kennt kein Pardon, die Figur der Mutter ist der Realität abgeschaut und nicht dem Bedürfnis nach einem unbeschwerten Fernsehabend geschuldet. Das Drehbuch von Autorin Esther Bernstorff („4 Könige“) und die Inszenierung von Grimme-Preisträgerin Nicole Weegmann („Ihr könnt euch niemals sicher sein“) konfrontieren das Publikum mit einem Thema, über das in den Familien am liebsten geschwiegen wird: Was geschieht, wenn Vater oder Mutter an den Rand der Gesellschaft abrutschen?

„Wir haben auch versucht, Kontakt zu Angehörigen von Obdachlosen aufzunehmen, aber das war schlichtweg unmöglich“, sagt Bernstorff. „Diese Menschen fühlen sich offensichtlich sehr stigmatisiert und kämpfen mit Schuldgefühlen.“

Der Film gibt dem Publikum eine Ahnung davon, welche Dimensionen dieses Problem annehmen kann – in einem vielschichtigen Drama mit zwei immens starken Frauenfiguren und zwei großartigen Darstellerinnen. Jutta Hoffmann, 75, gibt als Irene ihr Äußerstes. Mit Mut zur Hässlichkeit ist diese konsequente Darstellung vom Leben im Dreck, von Suff, Aggressivität, Schmerz und Hilflosigkeit nur unzureichend beschrieben. Irene ist außerdem als Frau besonders gefährdet und auf der Straße Übergriffen ausgesetzt.

Man bemüht sich um Normalität

Doch es gibt auch die hellen, zärtlichen, Mut machenden Momente. Jutta Hoffmann agiert mit vollem Körpereinsatz, kraftvoll und verletzlich. Irene wirkt bisweilen abstoßend, ihre Menschenwürde steht jedoch nicht zur Disposition.

Das Gesicht des Films aber, in dem sich all die Konsequenzen des Dramas und die Zerrissenheit der Tochter spiegeln, ist der Münchener Theaterstar Brigitte Hobmeier. Nadja hat schon als Kind, wie man in kurzen Rückblenden erfährt, Verantwortung für die alkoholkranke Mutter und ihren jüngeren Bruder übernommen. Ihr Vater (André Jung) hat sich längst ab- und einer anderen Frau (Lena Stolze) zugewandt, Bruder Micki gründet mit Patricia (Jennifer Frank) gerade eine Familie.

Man bemüht sich um Normalität, man schämt sich, man verschweigt die Existenz der abgestürzten Mutter so gut es geht – auch Nadja, die Irene vor ihrem Freund Jan (Nicholas Reinke) lange Zeit versteckt. Lieber riskiert sie die Trennung, als Jan von der eigenen Mutter erzählen zu müssen.

Dabei hatte auch Nadja gerade begonnen, das Glück eines unbeschwerten Lebens zu genießen: die Arbeit im Kindergarten, die Liebe und neue Beziehung zu Jan. Irene platzt da mitten hinein. Nadja ist verzweifelt und zornig, weil sie weiß, dass wieder alles an ihr hängen bleibt: Wer hat Irene überhaupt von der Hochzeit erzählt? Woher kennt sie Nadjas Adresse?

Die Tochter will ihr ein Stück weit helfen und sie dann am liebsten wieder aus ihrem Leben entlassen. Sie bringt Irene zum Arzt, sie geht mit ihr zum Amt, organisiert ein Zimmer in einer Pension, in der allerdings auch Männer leben. „Ich bring mich um, wenn du mich hier lässt“, droht Irene, aber Nadja hat alle Phasen schon durch. „Damit kriegst du mich nicht mehr klein“, antwortet sie.

Es ist ein bedrückendes Auf und Ab, auf hoffnungsvolle Entwicklungen folgen garantiert Rückschläge und umgekehrt. Zudem werden alle denkbaren Hilfen von außen als aussichtslos dargestellt. Irene sei „zu krank“, um in die Einrichtung für psychisch kranke Frauen aufgenommen zu werden, sagt eine Sozialarbeiterin. „Es tut mir leid. Wir verzweifeln hier selber am System.“

Das „System“ steht in Drehbüchern gerne für gesellschaftliches Versagen. Und dass es an Hilfsangeboten mangelt, ist im Zweifel immer richtig. So wirkt die Zuspitzung im Film beinahe unausweichlich: „Dann einigen wir uns darauf, dass wir sie verrecken lassen?“, fragt Nadja in die Familienrunde, in der Hoffnung auf Widerspruch. Das Schweigen ist schrecklich, mündet aber in kein zynisches Ende.

„Ein Teil von uns“, Mittwoch, ARD, 20 Uhr 15

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