FAZ : Dahinter steckte Otto Klepper, ein kluger Kopf

1. November 1949: Erste Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Warum das Blatt die Verantwortlichen und die Umstände der Gründung verschleiert

Astrid von Pufendorf
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Heute fast wie damals. Das Erscheinungsbild der „FAZ“ hat sich über die Jahrzehnte nur leicht verändert. Foto: Doris S. Klaas

In diesem Jahr blicken wir 60 Jahre zurück, die Zeitungen sind voll davon. Wie steht es nun mit den Zeitungen selbst, wie sieht beispielsweise die Gründungsgeschichte der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ aus, hinter der laut eigener Aussage immer „ein kluger Kopf steckt“ und die sich für „eine der besten Zeitungen der Welt“ hält? Sie feiert am 1. November ihren 60. Geburtstag.

Die Gründungsgeschichte der „FAZ“ ist spannend, weil sie das Ringen um den „richtigen“ Weg in die Zukunft mit all den dazugehörigen politischen und wirtschaftlichen Problemen widerspiegelt. Die Zeitung selbst verschleiert die Umstände ihrer Entstehung. In ihrer Broschüre „Alles über die FAZ“ schreibt sie nur: „Auf Veranlassung der Freunde des Blattes, die im Jahre 1949 hilfreich gewesen sind, diese Zeitung ins Leben zu rufen, ist die FAZIT-Stiftung am 22. April 1959 errichtet worden.“ Die Vorgeschichte ist komplizierter, als diese kursorische Feststellung vermuten lässt.

Im Frühsommer 1947 begann sich ein Kreis wirtschaftspolitisch interessierter Unternehmer und Landwirte, der Gewerkschaften, Kirchen und des Bildungswesens zusammenzufinden. Sie waren davon überzeugt, dass „Wirtschaftspolitik nicht Flucht auf politisch neutralen Boden“ bedeuten darf, sondern dass sie „ein Instrument der allgemeinen Politik“ bildet und folglich von „einer klar umrissenen gesamtpolitischen Konzeption“ ausgehen muss.

Zu den Hauptinitiatoren dieses Kreises gehörten Rudolf Mueller, Rechtsanwalt und erster, parteiloser Wirtschaftsminister in Hessen, und der aus der Emigration heimgekehrte Otto Klepper, letzter preußischer Finanzminister und nun ebenfalls Anwalt. Beide wurden Vorsitzende der am 1. November 1947 gegründeten Wirtschaftspolitischen Gesellschaft (Wipog). Unterstützt wurden sie von Industriellen wie Kurt Pentzlin von der Firma Bahlsen und Ernst Deissmann, Chefsyndikus der deutsch-amerikanischen Petrolgesellschaft Esso. Zum vorläufigen Vorstand gehörten außerdem noch Kurt Blaum, 1945/46 Oberbürgermeister von Frankfurt/Main, Ludwig Erhard, Vorsitzender der Sonderstelle Geld und Kredit, sowie die Präsidenten der Industrie und Handelskammer in Frankfurt.

Die hauptsächlich von Klepper entwickelte Konzeption hatte eine freie, sozial verpflichtete und in diesem Rahmen verantwortlich denkende und diszipliniert handelnde Wirtschaft im Sinn – eine Aufgabe der Gesellschafts-, nicht der Staatspolitik, das heißt, alle Schichten der Bevölkerung sollten an der Verantwortung teilhaben. Dieses Konzept setzte auch eine vorausschauende wie systematische Pflege der öffentlichen Meinung voraus.

Hier setzte die Arbeit der Wipog ein, die sich als überparteilicher Mittler zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit verstand. Schnell merkte man, dass Vorträge, Tagungen und kleine Veröffentlichungen nicht ausreichten, um die gesetzten Ziele zu erreichen. Auf der Vorstands- und Beiratssitzung der Wipog im Januar 1949 wurde deshalb beschlossen, eine Tageszeitung zu gründen. Zu denjenigen, die die „FAZ“ finanziell unterstützten und auch Anteile erwarben, gehörten im Oktober 1949 21 führende Unternehmen, darunter Mercedes, Bosch, Henkel, Continental, Dyckerhoff und Gerresheimer Glashütte. Sie bildeten den Förderkreis der „FAZ“ mit einem Förderausschuss, dessen Mitglieder zugleich Mitglieder der Wipog waren, beziehungsweise sein mussten.

In zähen Verhandlungen zwischen Wipog und dem Kreis der Förderer setzte Klepper schließlich durch, dass die Wipog „alleinige Gesellschafterin der neu zu gründenden Verlags GmbH FAZ“ war und „politisch und wirtschaftspolitisch die Konzeption der Wipog ihren Ausdruck“ in einer parteipolitisch nicht gebundenen „FAZ“ finden sollte.

Otto Klepper wurde alleiniger Geschäftsführer. Damit hatte er eine starke Position. Die Herausgeber, Erich Dombrowski als primus inter pares, Hans Baumgarten, Erich Welter, Paul Sethe und Karl Korn sollten die Zeitung redaktionell leiten und ihre „politische und geistige Haltung“ bestimmen.

Die Wipog übernahm nun die schwierige Rolle des mehrfachen Vermittlers. Sie musste zum einen ständig einen Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Wirtschaftsinteressen finden; zum anderen musste sie zwischen den Redakteuren und den Geldgebern vermitteln, was dazu führte, dass sie faktisch mit „der Wirtschaft“ gleichgesetzt wurde, obwohl sich ihre Konzeption teilweise stark davon abhob. Die Zeitung wollte in der Öffentlichkeit als unabhängig erscheinen, wofür der Rat Welters bezeichnend war, „alle Hinweise auf die Wipog zu unterlassen, da alles, was die Zeitung in den Geruch der Abhängigkeit von einer bestimmten Gruppe bringen könnte, schädlich wirkt und Leser verscheucht“.

Entsprechend befand sich im Impressum auch keinerlei Hinweis auf die Wipog oder den ersten Geschäftsführer Klepper. Die Geldgeber nutzten ihrerseits die Wipog als willkommenes Schutzschild, sie blieben lieber unbekannt, wollten aber, mal mehr, mal weniger, Einfluss auf die öffentliche Meinung in eigener Sache gewinnen. Hans Adolff, Vorstand der J.F. Adolff AG, formulierte es unmissverständlich: „Wir brauchen eine Zeitung, die billig ist, nicht ausschließlich von der sogenannten Intelligenz gelesen wird, sondern die den vielen Gewerkschaftsorganen beim Arbeiter selbst gegenübertritt und die verschiedenen Probleme vernünftig von der Unternehmerseite her beleuchtet.“

Ende Januar 1950 wurde der Geschäftsführung für ihren „Erfolg der ungewöhnlichen Steigerung der Verkaufsauflage der „FAZ“ in der kurzen Zeit ihres Bestehens“ gedankt, und man war sich einig, dass „die FAZ als die beste deutsche Zeitung anzusehen sei. Ein zweites Mal würde es nicht gelingen, eine Zeitung ähnlichen Formats herauszubringen.“

Bis zu dem Zeitpunkt waren 629 000 Mark Fördermittel gezahlt und 127 000 Mark gezeichnet worden, es fehlte immer noch etwa eine Million, damit sich die Zeitung selbst tragen konnte. Die Auflage stieg zwar stetig, dennoch geriet das Blatt zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten, was in eine grundsätzliche Auseinandersetzung über den Kurs hineinführte.

Otto Klepper vertrat die Zielsetzung der Wipog am kompromisslosesten, er war nicht gewillt, von seiner wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Konzeption abzuweichen. So sehr seine Freunde ihm eine außergewöhnliche Liebenswürdigkeit nachrühmten, so schroff, ja arrogant, konnte er gerade auch gegenüber Förderern und Redakteuren sein. Zu tief saß seine Überzeugung, dass sich hier noch einmal für Deutschland eine Chance bot, eine demokratische Gesellschaft aufzubauen und diese in Europa zu integrieren. Dabei muss man sich vergegenwärtigen, dass Klepper die Jahre des Exils, stets von den Nazis verfolgt und in sechs verschiedenen Ländern verbracht, nur darauf hin gelebt hatte, ein demokratisches, von nationalsozialistischem Einfluss freies Deutschlands mitzugestalten.

Die Auseinandersetzungen nahmen derart prinzipiellen Charakter an, dass Klepper, um die Existenz seines „Lieblingskindes“ zu retten, seinerseits Konsequenzen zog und „aus eigenem Entschluss“ Ende Mai 1950 von seinem Geschäftsführerposten zugunsten von Viktor Muckel und Babette Gross zurücktrat. Gross war als ehemalige Kommunistin für einige Förderer untragbar, so dass wichtige Geldgeber schließlich Werner G. Hoffmann, Vorstandsmitglied der Zellstofffabrik Waldhof AG, als neuen Geschäftsführer der „FAZ“ durchsetzten.

Damit wurde die liberale und kritische Linie im Sinne der Wipog zunehmend verlassen. Die „FAZ“ geriet immer stärker in den Sog von Tagespolitik und Parteiinteressen und hatte zunehmend Schwierigkeiten, einen unabhängigen Standpunkt zu wahren. So stellte der Wirtschaftsexperte der Wipog, Herbert Gross, im November 1950 seine Mitarbeit an der „FAZ“ ein, weil die Herausgeber seinen Artikel, in dem er die Tagung des Bundesverbandes der Industrie kritisch behandelt hatte, „als der Linie der Zeitung nicht entsprechend“ abgelehnt hatten.

Im August 1951 präsentierte der Förderausschuss Erich Welter als neuen Chefredakteur, was dem Anspruch widersprach, „das Kollegialitätsprinzip“ als „eine Besonderheit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und als ein in der internationalen Presse „einmaliges Phänomen“ zu wahren. Einen Monat später trennte sich die Wipog endgültig von der „FAZ“. Obwohl Otto Klepper zutiefst enttäuscht war, hat er mit Hilfe amerikanischen Geldes, das er über den ihm bekannten Direktor des Office of Public Affairs, Shepard Stone, für eine von der Wipog gestaltete Wochenbeilage bekam, die „FAZ“ in der ersten Jahreshälfte 1951 mitfinanziert und vor der Pleite gerettet.

Ohne die Wipog wäre die „FAZ“ zu diesem Zeitpunkt und in dieser Form weder gegründet worden, noch wäre ohne zahlungswillige Sympathisanten aus der Wirtschaft die Summe zusammengekommen, die zum Start der Zeitung gebraucht wurde. Sicher ist auch, dass die Gründung ohne Klepper, sein gesellschafts- und wirtschaftspolitisches Konzept, seine Zielstrebigkeit und seine aus der Emigration stammenden Kontakte zu den Westalliierten nicht zu denken gewesen wäre.

„Dir ist es nicht aufgegeben, das Werk zu vollenden. Aber Dir ist nicht die Freiheit gegeben, Dich Deiner Aufgabe zu entziehen.“ Kleppers Lieblingsspruch, von Rabbi Tirfon.

Die Autorin ist Historikerin und Publizistin. Sie veröffentlichte „Otto Klepper (1888 – 1957). Deutscher Patriot und Weltbürger“ und „Die Plancks“.

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