Fernsehen 2.0 : Wie smart ist Smart TV wirklich?

Nicht alle technischen Neuerungen erschließen sich dem Nutzer sofort: Die Sache mit dem Smart-TV schon. Eine rote Taste auf der Fernbedienung öffnet die Mediatheken.

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So sieht Smart TV aus.
So sieht Smart TV aus.Foto: Promo

Der Fernsehhersteller Loewe ist tot. Es lebe Loewe 2.0. Als das Traditionsunternehmen vor ein paar Tagen Insolvenz anmeldete, war sich Vorstandschef Harsch trotzdem sicher, einen Käufer zu finden, der Loewe in die Zukunft führt. Nicht als TV-Hersteller, sondern als Spezialisten für „Smart Home Entertainment“ – multimediale Unterhaltung im heimischen Wohnzimmer. Das Zauberwort heißt: Smart TV. Bei den vielen Funktionen und Tasten auf der Fernbedienung fragt man sich ja manchmal, ob man das wirklich braucht. Ein Knopf steht da aber unter besonderer Beobachtung: die rote Taste der TV-Fernbedienung. Sie ist bei neuartigen Fernsehern der Türöffner für all die Mediatheken, die TV-Sender zur Verfügung stellen. Für all diejenigen, die eben nicht mehr täglich um 20 Uhr oder um 22 Uhr 30 am Freitagabend vor dem Fernseher sitzen wollen oder können, für „Tagesschau“, „Weißensee“ oder „heute show“, sondern später gucken wollen.

Möglich macht das zum einen das – in der Regel für eine Woche ab Ausstrahlung bereitgestellte Angebot – der öffentlich-rechtlichen Sender (Arte, ZDF, ARD, NDR, RBB, WDR etc.) mit ihren Mediatheken, zum anderen die sogenannte HbbTV-Technik, das steht für den europäischen Standard „Hybrid broadcast broadcast TV“. Der Standard wurde 2010 eingeführt, er vereint die Vorteile von Fernsehen und Internet. Wer sich ab Mitte 2011 einen neuen Fernseher zugelegt hat, kann davon ausgehen, dass sein Fernseher HbbTV-fähig und damit auch bereit für die Welt der Mediatheken, des zeitversetzten Fernsehens, ist.

Bis zum Jahresende wird in Deutschland mit sieben Millionen Fernsehgeräten mit dieser HbbTV-Funktionalität gerechnet, ein Renner gerade auch zum Weihnachtsgeschäft. Viele Haushalte wissen aber noch gar nicht, was da in ihrem Wohnzimmer an multimedialen Möglichkeiten schlummert. Seit der Internationalen Funkausstellung im September weist die Branche mit der Aktion „Auf Rot geht’s los!“ darauf gesondert hin, mit Einkaufsberatung, Fragen und Antworten zur Nutzerführung.

Nur zögerlich lassen sich die Zuschauer darauf ein. „Die HbbTV-Nutzung steigt zwar, ist aber noch nicht mit online oder mobil vergleichbar“, sagt Andreas Rindler, Leiter der Das-Erste-Mediathek. Derzeit werden rund fünf Prozent der Mediathek-Abrufe über HbbTV generiert. Wenn ein „Tatort“ rund 100 000 bis 150 000 Mal in der Mediathek am PC abgerufen wird, kommen also zusätzlich 5000 bis 7000 via HbbTV am Fernsehgerät hinzu. Das Feedback der Zuschauer sei sehr positiv, vor allem auf Messen wie der Ifa. Auch die Nachfrage in der Zuschauerredaktion steigt kontinuierlich an.

Voraussetzung: Guter Netzanschluss

Wichtig zu wissen: In der Internet-Mediathek gibt es mehr Einzelbeiträge, bei den HbbTV-Angeboten wird mehr Wert auf die ganze Sendung gelegt, auf das ganze „Auslandsjournal“ oder „Panorama“. Es gibt nur selten Einzelbeiträge, wobei bei der ARD die Besonderheit der dezentralen Produktionen hinzukommt. Vieles ist noch im Aufbau. Der NDR ist deutlich besser aufgestellt als der WDR, was HbbTV betrifft.

Zum Abruf muss während des laufenden Programms des jeweiligen Senders auf die rote Taste der Fernbedienung gedrückt werden. Es erscheint ein Menü, auf dem Sendungen nach Ausstrahlungstag und alphabetisch geordnet sind. Der Fernseher steht mit dem Internet in Verbindung. Voraussetzung ist ein Breitbandzugang zum Internet, den diese neuartigen Fernseher allesamt haben, oft sogar per W-Lan.

Mindestens drei Haken hat die Sache mit dem Smarter Fernsehen, der großen Freiheit des „Fernseh-Gucken-Wann-immer-ich-will“. Nicht zu finden in den Mediatheken sind weiterhin Lizenzeinkäufe, wie internationale Spielfilme, und natürlich einige Sportbereiche wie die Fußball-Bundesliga. Das ZDF-„Sportstudio“ muss aus Rechtegründen online ohne Spielberichte auskommen. HbbTV wird darüber hinaus zwar von allen Geräteherstellern wie Sony Bravia unterstützt, aber nicht von den Kabelgesellschaften, zum Beispiel Kabel Deutschland. Deren digitale Receiver sind nicht HbbTV-tauglich. „Die Signalisierung von HbbTV basiert auf einer vertraglichen Einigung zwischen Senderpartner und Kabel Deutschland“, sagt Marco Gassen, Sprecher von Kabel Deutschland. „Dieser Standard wurde geschaffen, um interaktive Angebote in einem heterogenen TV- und Receivermarkt zu ermöglichen. Wir haben enge Partnerschaften mit vielen TV-Sendern und können solche Dienste oftmals im Rahmen von unserem Video-on-Demand-Dienst Select Video über unsere Endgeräte an unsere Kunden liefern.“

TV-Geräte bringen alles mit

Das heißt so viel wie: Natürlich will auch ein kommerzieller Kabel-TV-Anbieter mit seinen eigenen Zusatzangeboten Geld verdienen, bevor er auf die kostenfreien Mediatheken verweist. Laut Gesellschaft für Unterhaltungselektronik (gfu) brauchen Besitzer moderner Fernseher aber oft gar keinen Receiver mehr, um digitale TV-Signale empfangen zu können. Der dafür nötige Tuner steckt im Fernseher, häufig sogar in der Triple-Variante für Antennen-, Satelliten- und Kabelfernsehen. Per Netz können die Geräte dann auf Mediatheken und andere Videoplattformen im Netz zugreifen. Nur wer noch ein älteres TV-Modell besitzt, muss sich eine Box unter den Fernseher stellen.

Bleibt der Hinweis auf die sehr übersichtlichen HbbTV-Angebote der privaten Sendergruppen RTL und ProSiebenSat1, die über ihre Online-Videotheken RTL Now und Maxdome Geschäfte machen wollen. Bei Sat1 gibt es auf roten Tastendruck unter anderem einen „ran“-Live-Ticker, bei RTL auch programmbegleitende Services wie das Musikportal Clipfish, Votings und Shoppingangebote. Dafür hat man dann ja auch die große Aus-Taste auf der Fernbedienung.

www.smarterfernsehen.info

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