Fernsehen für die Generation Y : Jugendkanal? Klingt nach Jugendfreizeitheim

ARD und ZDF wollen einen Jugendkanal starten. Doch allein der Name macht wenig Hoffnung auf Erfolg. Ein öffentlich-rechtliches Youtube wäre die bessere Idee.

Tim Renner
Lustig. Das Comedytrio Y-Titty ist erfolgreich auf Youtube.
Wollen nicht auf einen Jugendkanal warten. Die Generation Y produziert längst ihre eigene Inhalte, wie das Comedytrio Y-Titty. Mit...Foto: Promo

Während ältere Damen und Herren in Baden-Baden ihren Lebensabend genießen, im Kasino der ein oder andere Nachlass verzockt und die Rollatoren im Kurpark über den knirschenden Sand geschoben werden, denken wenige hundert Meter davon entfernt die Herren Gerold Hug, 53, und Christoph Hauser, 56, im Auftrag von ZDF und ARD über einen Jugendkanal nach. Die beiden SWR-Mitarbeiter haben sich diesen Auftrag nicht ausgesucht, sie sind von den Intendanten der ARD beauftragt worden – die dazu aber offenbar erst einmal nachdrücklich von ihren Rundfunkräten gedrängt werden mussten.

Allein der Name lässt am Erfolg zweifeln

Die Gremienvorsitzendenkonferenz (GVK) der Rundfunkräte bemängelte nämlich bereits auf ihrer Tagung am 5. März 2008, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten die Jugend als Zielgruppe nahezu komplett verloren hätte. Eine Beobachtung, die nicht so einfach von der Hand zu weisen ist. Tatsächlich sind die Zuschauer von ARD und ZDF im Schnitt noch älter als die SWR-Mitarbeiter Gerold Hug und Christoph Hauser. Deshalb soll nun aus deren zehnköpfiger Arbeitsgruppe „Jugendprogramm“ ein Sender erwachsen, der öffentlich-rechtliches Fernsehen nicht nur im Kurpark und Kasino zum Thema macht, sondern auch im Club und Chat. Doch schon allein der Name lässt zweifeln: Jugendkanal. Das klingt nach Jugendfreizeitheim. Total aus der Zeit gefallen.

Wollen nicht warten. Die Generation Y produziert längst ihre eigenen Inhalte, wie das Comedytrio Y-Titty (großes Bild). Mit 2,5 Millionen Nutzern betreibt es den meistabonnierten deutschen Youtube-Kanal. ARD und ZDF tasten sich mit Sendungen wie „TV Noir“ mit Moderator Tex (kleines Bild, oben) und „Late Line“ mit Jan Böhmermann an die junge Zielgruppe heran. Fotos: Promo, ZDF, ARD
Wollen nicht warten. Die Generation Y produziert längst ihre eigenen Inhalte, wie das Comedytrio Y-Titty (großes Bild). Mit 2,5...

Jenseits des beschaulichen Baden-Baden und abseits eines staatlichen Auftrags entstehen bereits Programme, die Kids zu Tausenden vor den Bildschirmen bannen. In Köln beispielsweise, bei der Produktionsfirma Mediakraft. Abends um halb zehn Uhr planen hier am Konferenztisch ein Dutzend Kids die nächste Folge der anarchischen Comedyshow „Y-Titty“. Es wird gelacht und gejohlt, es klingt eher nach Party als nach Arbeitsgruppe. Der Eingang zur Firma ist kaum zu finden, kein Schild weist auf sie hin – eine Vorsichtsmaßnahme. Denn auch ohne Wegweiser kommen täglich Teenager mit dem Fahrstuhl hoch in den neunten Stock, in der Hoffnung, ihre Stars zu treffen. Zu sehen ist die „Y-Titty“-Show auf der Video- und Streamingplattform Youtube, die ihr als Sender dient. Mindestens sieben Millionen Views pro Tag, 220 Millionen pro Monat zählt Christoph Krachten, der Geschäftsführer von Mediakraft, für alle Inhalte zusammen, die seine Firma online stellt.

Die Frage nach offline oder online wird obsolet

Was Mediakraft und Krachten produzieren, ist kein Fernsehen und somit kein neuer Jugendkanal im Sinne der Öffentlich-Rechtlichen. Für Krachten wird die Frage nach online oder offline zunehmend obsolet: „In Zukunft wird man nur zwischen on-demand und live unterscheiden und nicht zwischen Internet-TV und Fernsehen“, sagt der Mediakraft-Geschäftsführer. Geschaut wird beides ohnehin über dasselbe Gerät. Fernseher werden zunehmend internettauglich und Fernsehen über Laptops und PCs geguckt.

Als die GVK vor mehr als fünf Jahren ihren Auftrag an die ARD und das ZDF formulierte, ging es noch darum, den jungen Zuschauern eine Alternative zu den Musikvideokanälen MTV und Viva zu bieten. Heutzutage erscheint es nahezu absurd, dass sich Jugendliche früher vor lineare Musikkanäle gesetzt, ewig auf ihre Lieblingsvideos gewartet und sich dabei unerträglicher Klingeltonwerbung ausgesetzt haben. Natürlich suchen sie sich jetzt, wo das technisch möglich ist, lieber selbstständig ihre Inhalte auf den Streamingportalen zusammen. Und noch besser: Mit Papis und Mamis Spiegelreflexkamera oder dem eigenen Smartphone werden sie von reinen Konsumenten auch zu Produzenten und stellen eigene Inhalte auf diversen Plattformen ein.

Ganz unabhängig von der Industrie sind sie dabei aber auch nicht: Die Videoportale Youtube und Co. steuern über Algorithmen und Löschandrohungen Erfolg und Möglichkeiten der jungen Kreativen. Selbst Mediakraft musste als mächtiger Anbieter miterleben, wie sich auf Portalen Regeln ändern, ohne dass man wenigstens davon in Kenntnis gesetzt wird. Youtube stellte den Algorithmus unlängst um, gewichtet Sendedauer pro Clip höher als „Likes“ und Zugriffe. Die Sendungen und Beiträge der Kölner purzelten von vielen Startseiten herunter, bevor sie herausfanden, warum. Auch Kathrin Fricke a. k. a. Coldmirror bekam die Macht des Portals zu spüren. Als Bloggerin groß geworden durch Neuvertonungen von Harry Potter Filmfrequenzen (sogenannten Synchros), wurde sie aufgefordert, aus urheberrechtlichen Gründen ihre Beiträge zu löschen. Bevor sie überhaupt tätig werden konnte, hatte Youtube auch schon ihren Account mit 500 000 Abonnenten gesperrt.

Ausgerechnet die jugendaffinen Digitalkanäle sollen eingestellt werden

Das veränderte Medienverhalten junger Menschen ist auch der ARD nicht entgangen. Für sie hat man in der Internetmediathek den Filter „1 Like“ eingebaut. Er sucht sich die jugendaffinen Inhalte wie „Late Line mit Böhmermann“ von ARD-Sendern wie EinsPlus oder die Beiträge von Coldmirror, die nun auf EinsFestival eine zweite Heimat gefunden hat, für die Nutzer automatisch zusammen. Da gibt es bereits einiges zu entdecken, denn ARD und ZDF bemühen sich seit einiger Zeit mit den Digitalkanälen EinsPlus, EinsFestival und zdf.kultur („Berlin Live“, „TV Noir“, „Konspirative Küchenkonzerte“), popkulturelle Unterhaltung zu schaffen. Ausgerechnet diese drei Sender sollen jetzt eingestellt werden, um den ARD-/ZDF-Jugendkanal mit einem Etat von 45 Millionen Euro im Jahr zu ermöglichen. Das ist halb soviel, wie die BBC für die Jugend ausgibt. Von der Ministerpräsidentenkonferenz wurde deshalb unlängst das Konzept der SWR-Taskforce abgelehnt und die Arbeitsgruppe Jugendkanal in die Verlängerung geschickt. Die Politiker glaubten deren Zahlen nicht.

Durchgewunken wurde von den Ministerpräsidenten hingegen das generelle Konzept: Von einer Kopfstelle aus (Kandidaten als Standort sind hierfür die Provinzstädte Mainz und Baden-Baden, vielleicht aber auch das rheinhessische Mannheim) wird die Zusammenarbeit mit den vielen jungen Radio-Wellen (Fritz, Das Ding, You FM, Sputnik ...) der ARD koordiniert. Das, was deren Redakteure bereits erfolgreich im Hörfunk machen, ließe sich auch aufs TV übertragen, so die Hoffnung, der Arbeitsgruppe aus Baden-Baden. 24 Stunden wird zudem ein sogenanntes „Double Play“ stattfinden: Mitarbeiter des neuen Senders sollen rund um die Uhr auf den sozialen Netzwerken mitmoderieren, das Programm unterstützen. Gestartet werden soll damit 2015.

Ein öffentlich-rechtliches Youtube wäre sinnvoll

Ohne Zweifel ein Schritt in die richtige Richtung. Wünschenswert wäre jedoch, dass der Prozess konsequenter und schneller verlaufen würde. Der ARD-/ZDF-Jugendkanal will mit dem Zuschauer auf Augenhöhe kommunizieren, sieht ihn aber noch nicht als Lieferanten für Inhalte, so wie es im Netz längst üblich ist. Konsequenter und dringend benötigt wäre eine Art öffentlich-rechtliches Youtube, eine Plattform, auf der die Kids ihre Inhalte selbst einstellen können. Dort wären sie vor Willkür internationaler Konzerne sicher. Urheberrechtsfragen und Ansprüche von Verwertungsgesellschaften könnten abgefedert, auch eine redaktionelle Betreuung könnte geboten werden, die auf jugendgerecht aufbereitete News und Ähnliches verweist.

„Vom Fernsehen träumen dann doch fast alle“, sagt Christoph Krachten in seiner eignen Webshow „Clixoom“. Hätte die ARD-/ZDF-Plattform zudem einen nachgelagerten traditionellen TV-Kanal, der die Inhalte auch linear sendet, wären sicher auch Produzenten wie die von Mediakraft zu begeistern, einen Wechsel von Youtube zum Jugendkanal zu versuchen. Vorausgesetzt, Hug und Hauser würden sie dadurch nicht zu Arbeitsgruppentreffen nach Baden-Baden zwingen.

- Tim Renner ist Musik- und Medienproduzent und Autor des Buchs „Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten“, das im Berlin Verlag erschienen ist.

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