FERNSEHEN : „Gegenüber“: Ehefrau schlägt Ehemann

Ein Film über alltäglichen Familienhorror mit Matthias Brandt in der Hauptrolle

Christina Tilmann

Der alltägliche Familienhorror, jeden Mittwoch wieder. Besuch bei den Schwiegereltern, man sitzt ungemütlich bei Rotwein und Gans, der Schwiegervater stichelt über die Erfolglosigkeit des Schwiegersohns, Schwiegermama sucht hilflos zu beschwichtigen, und am Ende wird wie immer der Scheck unterschrieben. Und kaum ist man zu Hause, entlädt sich die Anspannung in Aggression, und am Ende steht einer vorm Spiegel und besieht sich die Wunden. Jan Bonny zeigt in seinem gefeierten Filmdebüt „Gegenüber“ von 2007 die Entstehung häuslicher Gewalt, Schritt für Schritt, unausweichlich, erbärmlich, ohne Schonung, und vor allem ohne Happy End. Und Matthias Brandt spielt mit dem hilflosen Polizisten Georg die Rolle, mit der er sich endgültig als einer der besten Schauspieler seiner Generation qualifiziert hat. Dieser Georg ist eingeschlossen in seinem massigen Körper, nicht reagieren, nur stillhalten, dann geht hoffentlich alles vorbei. Nur, dass diese Ruhe seine Frau Anne erst recht reizt, zu ungezügelten Gewaltausbrüchen und Quälereien. Viktoria Trauttmannsdorf spielt diese Anne, die zarte Grundschullehrerin, mit fragilem Charme und hysterischer Härte, eine getriebene, unglückliche Frau.

Gefangen in ihrer Ehe, das sind diese beiden, gefangen auch in der engen Essener Neubauwohnung, in der es kaum Raum, nur Ecken und Türen zu geben scheint, in die man sich drängen lässt, und diese beiden können sich nur kriechend bewegen, die Kamera immer dicht auf ihren Fersen. Jeder Versuch, mit Rotwein und Kerzen, Musik und Spaghetti so etwas wie Nähe und Zärtlichkeit oder auch nur ein ruhiges Gespräch aufkommen zu lassen, endet unausweichlich wieder im Kreislauf von Schlägen und Wunden.

Ein krasser Film, der zeigt, was man im Fernsehen fast nie sieht: Weibliche Gewalt gegen Männer ist immer noch ein Tabu. Und dass es Liebe ist, die diese beiden in ihrer Beziehung hält, wie Kitt, der verhindert, dass sie ausbrechen aus ihrem Verhängnis, das macht Jan Bonnys Studie erst vollends bitter. Christina Tilmann

„Gegenüber“, ARD, 22 Uhr 45

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