Fernsehkritik zu "Unser täglich Tier" : Blonde Reporterin, süße Küken

Der Beitrag in der ZDF-Reihe "37 Grad" nimmt sich die Massentierhaltung zum Thema. Moral ist viel, Investigation ist wenig. Umgekehrt wäre es besserer Journalismus.

Richard Weber
Küken werden industriell produziert Foto: imago
Küken werden industriell produziertFoto: imago

Wenn's quotenmäßig nicht glänzend läuft, gibt’s sichere Hilfsmittel für sicheres Quoten-Doping. Kinder und Tiere. Kinder sind in der wöchentlichen ZDF-Doku-Reihe „37 Grad“ schon oft bemüht worden. Jetzt müssen halt die Tiere ran. Überall wird beim ZDF hart daran gearbeitet, zuschauerschwache Sendeplätze zu beseitigen. Der Kampf um das Publikum ist ein Krieg geworden. Massentierhaltung zieht immer. Also werden die 37-Grad-Reporter an verschiedene Tatorte industrieller Tierproduktion geschickt. Hühnerzucht. Putenzucht. Schweinezucht. Dass es nur um Quote geht, zeigt schon der Beginn. Gezielt wird auf Zuschauer einfangendes Kindchenschema gesetzt. Keine unattraktiven Puten. Keine langweiligen Schweine. Süße, putzige Küken. In Zeitlupe tapsen sie über das Fließband. Unheilvolle Musik. Zahlenkolonnen. Marktkritische Pseudo-Analyse: „Beim Ei geht es um jeden Cent. Der Wettbewerb ist überaus hart. Der reale Eierpreis hat sich seit 1975 fast halbiert. Das geht nur durch intensive Haltung. Und Zucht auf immer mehr Ausbeute pro Tier.“ Jetzt wäre ein Statement von einem bösen Tier-Ausbeutungskapitalisten recht. Lieber wird über geschlechtliche Ungerechtigkeiten in der Hühnerzucht philosophiert. Weibchen sind wichtig. Produzieren Eier. Männchen nicht. Werden vernichtet. Der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes darf sich verbal auskotzen. Guter Journalismus sieht anders aus. Beide Seiten müssen  zu Wort kommen.  Aber auch die wahren Schuldigen bleiben verschont. Die Verbraucher. Die Tieresser. Die, die nicht viel Geld ausgeben wollen für Eier, Brust oder Hähnchenflügel. Stattdessen kommentiert jetzt ein Agrarwissenschaftler von Peta. Was er sagt, hat Hand und Fuß. Trotzdem werden seine Aussagen gekürzt. Um den Schnitt zu kaschieren, gibt es die Interviewerin als Zwischenbild. Große erstaunte Augen. Geheucheltes Interesse. Keine gute Reporter-Darstellung. Und eine ziemlich schlechte Lösung für das Schnittproblem.

Nächstes Thema. Kürzlich hat ein Gericht in Münster das Vernichten von Küken als gesetzeswidrig verurteilt. Auftritt des nordrhein-westfälischen Verbraucherschutzministers. Emotionale Worte vom Politiker. Keine kritische Nachfrage. Neuer Schauplatz: Mastställe. Riesige Hallen. Ein Meer von Tieren. Die blonde Interviewerin schlüpft in den Schutzanzug. Herzt ein Küken. Beim Interview mit der Vertreterin des Deutschen Tierschutzbundes hat die Blonde ein Küken im Arm. Auf der nach unten offenen Skala sinnloser und sinnentleerter Bilder eine ziemlich hohe Treffer-Quote. Nächste Station, einer der modernsten Schlachthöfe Deutschlands. Hier wird mit hohen Standards gearbeitet. Wieder kommt ein Tierschützer zu Wort. Die blonde Reporter-Darstellerin nickt begeistert zu jeder seiner Aussagen.  Öffentlich-Rechtlicher Qualitäts-Journalismus. Der gezeigte Schlachthof wird gelobt. Der Kommentar erzählt von vielen bösen Schlachthöfen. Die werden aber nicht gezeigt. Wahrscheinlich zu viel aufwändige und investigative Recherche. Lieber ein paar unproblematische Verbraucheraussagen. Als moralisches Feigenblatt. Vor einer Kamera kann man sich leicht für Bio oder Nachhaltigkeit aussprechen. Fazit. Kein neues Thema. Kein großer Aufwand. Eindeutige Stoßrichtung. Billige Produktion. Wahrscheinlich gute Quote. Auftrag erfüllt. 

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