Film-Debüt mit TV-Thriller : Woyzeck in Niederbayern

Ein Waldschrat, ein Mord, ein Freund und die Auflösung eigener Orientierungen durch die Umwelt: Das Film-Debüt im Ersten „Die Maßnahme“.

Nikolaus von Festenberg
In der Welt des Unbehausten. Roland (Max Wagner) schmeißt sich als neuer Arbeitskollege an den Außenseiter Werner heran.
In der Welt des Unbehausten. Roland (Max Wagner) schmeißt sich als neuer Arbeitskollege an den Außenseiter Werner heran.Foto: schöne neue filme/Adina Huber

Es ist unspektakulär in diesem Film, von Anfang an. Wortkarge junge Männer wühlen im Elektroschrott nach Wiederverwertbarem. Sie schaufeln in der Kantine das Essen in sich hinein, draußen wird geraucht, nie scheint die Sonne. Die sozialen Rollen sind fest vergeben: Einer, der Werner (Aljoscha Stadelmann), wird gemieden. Er isst für sich alleine. Er soll eine 17-Jährige aus dem Betrieb getötet haben. Gerichtsfest beweisen kann es ihm die Polizei nicht. Aber für Werners Umgebung ist der Verdacht Gewissheit. Der bärtige Schrat haust in dem verfallenen Anwesen seiner gestorbenen Eltern, säuft und spinnt. Einem Schaf hat er ein Zimmer eingerichtet, es streunt durch das Messie-Haus. Man assoziiert: Büchners Woyzeck wohnt jetzt in Niederbayern, eine Marie ist tot, und der Mond ein „blutig Eisen“. Vielleicht.

Jemand drängt sich in die Welt des Unbehausten: Roland (Max Wagner). Der schmeißt sich als neuer Arbeitskollege an den Außenseiter Werner heran. Erst will Roland von Werner Feuer, dann Reparationshilfe für seine Waschmaschine, schließlich fahren beide zum Angeln an einen See im Wald. Beim Töten einer gefangenen Forelle zeigt der fachkundige Werner geradezu tierfreundliche Zärtlichkeit. Kann so einer morden?

Roland, in Wahrheit ein verdeckter Ermittler, lässt sich zunächst nicht von seinem Ziel abbringen, dass Werner den Mord an der jungen Frau zugibt und den Platz benennt, wo er die Tote vergraben hat. Bei Schaf Emmy und seinem verschlossenen Hausgenossen Werner ist ein Wolf angekommen, der die Kreide der Zuwendung gefressen hat. Geständnisjäger Roland verfolgt eine Strategie der Lügen über sein Vorleben. Er erfindet eine Knastvergangenheit, um Werners Vertrauen zu gewinnen.

Die Stärke dieses an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen entstandenen Abschlussfilms besteht weniger in der These, dass Gerechtigkeit manchmal nur mit dem Bruch der moralischen Grundsätze (hier die der Freundschaft) hergestellt werden kann. Das wirklich Sehenswerte an dem Nachwuchsfilm „Die Maßnahme“ ist seine ästhetische Schnörkellosigkeit.

Der Verdächtige will nichts als seine Ruhe

Der 1982 in Rumänien geborene und in Niederbayern aufgewachsene Regisseur Alexander Costea – er hat auch das Drehbuch geschrieben – präsentiert mit einer bezwingenden Selbstverständlichkeit ein ärmliches Umfeld. Werner und sein Schaf leben in einer Bruchbude am Rande des Waldes, in einem recht unwirtlichen Zuhause voller leerer Bierdosen und Gerümpel, in einem glaubhaften Kuddel-Schmuddel, kein Ausstatter mit hohem Budget könnte das noch perfekter hinkriegen.

Der Verdächtige will nichts als seine Ruhe. Mit seinem neuen Freund Roland räsoniert er allgemein über die Unerreichbarkeit von Frauen. Der Naturbursche will nicht wahrhaben, wie ihn Roland mit seiner angelernten Polizei-Küchenpsychologie auszuspionieren trachtet. Manchmal meldet sich bei Werner in lichten Momenten Misstrauen. Dann reagiert er jähzornig und geht aber wenig später dem falschen Freund wieder treuherzig auf den Leim. Der Fahnder Roland bleibt von solchen Wendungen nicht unbeeindruckt. Was er als Tätersuche zielgerichtet anfing, beginnt im Nebel psychischer Verschmelzung zu verschwinden. Die Frage, ob Werner die Tat beging, rückt an den Rand. Das blutige Finale will dann nicht mehr zu dieser Geschichte einer Annäherung passen.

Die Auflösung eigener Orientierungen durch die Umwelt ist das Thema der diesjährigen Debütreihe im Ersten. Die betreuende NDR-Redakteurin Sabine Holtgreve erkennt in der „Maßnahme“, aber auch in anderen Nachwuchsfilmen der Reihe ein typisches Dilemma der sogenannten „Generation Y“, also der wie Regisseur Alexander Costea zwischen 1980 bis 2000 Geborenen, die als Ego-Taktiker und Anpasser ihre Ich-Unsicherheit vergeblich überwinden wollen. Der Wolf kann den Gejagten überwältigen, aber keine Wahrheit finden. Seine Tricks führen für ihn zu keinem Happy End. Er weiß nicht mehr, ob es das Richtige ist, was er tut.

Ein Happy End ist so für alle Handelnden unerreichbar. Selbst für das Schaf mit eigenem Zimmer.

„Die Maßnahme“, Dienstag, ARD, 22 Uhr 45

0 Kommentare

Neuester Kommentar