Filmkritik : Wer solche Nachbarn hat, braucht keine Feinde

Es fängt harmlos an, mit einem ausgeliehenen Schraubenzieher. Doch es endet tödlich. Charly Hübner und Maxim Mehmet sind zwei sehr unterschiedliche Nachbarn in Stephan Ricks großartigem Spielfilm "Unter Nachbarn".

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Charly Hübner als Robert.
Charly Hübner als Robert.Foto: kurhaus production

Dass das kein gutes Ende nehmen wird, ist schnell klar. Nach fünf Minuten liegt Janine tot im Straßengraben, David und Robert stehen fassungslos daneben. David hat die junge Frau, die auf dem Fahrrad unterwegs war, umgefahren, als er eine CD aus dem Handschuhfach kramen wollte. Und was ein netter Kneipenabend „Unter Nachbarn“ werden sollte, wird zur Tragödie, nicht nur für Janine.
Maxim Mehmet ist der Journalist David, jungenhaft-charmant, nicht ganz verantwortungsvoll, aber nett. Und wäre er nicht gerade wegen eines Jobs von Berlin nach Karlsruhe gezogen, hätte er mit einem in sich gekehrten Spießer wie Robert kaum mehr als zwei Worte gewechselt. So aber sind sie Nachbarn, und es bleibt nicht bei ihrer ersten Begegnung über einem Kreuzschraubenschlüssel. Nach dem Unfall drängt Robert David zur Fahrerflucht, die plötzlich entstandene Abhängigkeit verwechselt Robert auf fatale Weise mit Freundschaft.
Charly Hübner spielt diesen einsamen Menschen auf sensationelle Weise, und er ist es, der diesen Film trägt. In Bundfaltenjeans und Polohemd kommt sein Robert leicht ungelenk daher, etwas speckig um die Hüften, aber nie lächerlich. Eher tieftraurig, wie er sich in seinem Elternhaus, noch von der Mutter mit Standuhr und Polstergarnitur eingerichtet, verschanzt hat. Gleichzeitig reicht Hübner ein geknurrtes „Ok?“, ein Zucken der Mundwinkel, und Roberts dunkles Potenzial blitzt durch. Der Mann weiß ja selbst, dass er mit Menschen nicht so gut kann. Umso gieriger ist er nach Nähe. Als David sich bei einem gemeinsamen Angelausflug verletzt, stürzt Robert auf die Wunde und saugt daran, ohne den Ekel des anderen überhaupt zu bemerken. Als Robert später versucht, sich zu entschuldigen, fährt David ihn wütend an: „Ich habe einen Menschen getötet!“, und Robert, schon ganz in seine eigene Welt abgetaucht, kann nur hilflos: „Ja und?“ dazu sagen.
Während David also am liebsten sein Leben irgendwie wieder in geordnete Bahnen bringen möchte – ein restlos hoffnungsloses Unterfangen angesichts dessen, dass er die Schwester der toten Janine kennen lernt – verwendet Robert immer mehr blinde Energie darauf, David an sich zu binden. Und hat trotz seiner Obsessivität sogar Recht, wenn er ihm vorwirft: „Was du mit dieser Frau machst, ist verrückt!“
„Unter Nachbarn“ kennt keine Gewinner, kein reines Gut und Böse. Der Regisseur Stephan Rick, der zusammen mit Silja Clemens auch das Drehbuch geschrieben hat, erkundet in seinem ersten abendfüllenden Spielfilm viel mehr die Extreme, zu denen Menschen bereit sind, sei es aus Angst, aus Eigennutz oder aus – enttäuschter – Liebe. Dafür braucht Rick keine dramatischen Effekte oder Schockmomente, Hübners und Mehmets Zusammenspiel ist eindrucksvoll genug. Ebenso eindrucksvoll ist, dass trotz allen Wahns, der sich immer mehr Bahn bricht, bis zum Schluss Verständnis für eben diesen Wahnsinn möglich bleibt. Umso stärker bedrückt dann das Ende. Es kann kein gutes geben.

"Unter Nachbarn" läuft in der ARD am Mittwoch, den 30. Mai, um 20 Uhr 15.

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