Führungskrisen bei "Spiegel" und "Stern" : Die Frage lautet: Was will der Leser?

"Stern“ und „Spiegel“, die einst so stolzen Flaggschiffe der Nachrichtenmagazine, machen in Negativschlagzeilen von sich reden. Da hilft auch ein Gesellschafter-Kompromiss wenig, der den umstrittenen "Spiegel"-Chef stützen soll.

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Der Edelverlagssitz des „Spiegel“ in der schicken Hafen-City.
Der Edelverlagssitz des „Spiegel“ in der schicken Hafen-City.Foto: dpa

Wann endet dieser schreckliche Alptraum? Die haben in Hamburg gar keinen Plan. Das Management ist zerstritten und trifft seit Jahren Fehlentscheidungen. Und weiter unten in der Hierarchie liegt man ja seit Jahren in einer recht weichen Hängematte, was den verwöhnten Akteuren einfach nicht beigebracht werden kann. Denen ist kein Mentalitätswandel zuzutrauen.

Hamburg, die stolze Stadt, kommt nicht raus aus Schlagzeilen wie diesen. All das, was in der vergangenen Saison der Fußball-Bundesliga über den beinahe abgestiegenen Liga-Dino Hamburger SV geschrieben wurde, lässt sich nun auch über die Größen der Zeitschriftenbranche sagen, die in der Hansestadt ein paar Kilometer Luftlinie voneinander entfernt logieren. „Stern“ und „Spiegel“, die einst so stolzen Flaggschiffe der Nachrichtenmagazine in Deutschland, machen nur noch in Negativschlagzeilen von sich reden. Ein tiefer Fall. Seit Gründung der Bundesrepublik haben „Stern“ und „Spiegel“ deren Geschicke begleitet, haben Themen gesetzt und Skandale enthüllt, haben Politik, Wirtschaft und Kultur unter die Lupe genommen. Doch wenn es um die eigene Zukunft geht, ist unter den Wochen-Titeln derzeit nur die „Zeit“ auf gutem Kurs, während „Stern“ und „Spiegel“ in tiefen Führungskrisen stecken, die noch heilloser wirken als die zuletzt beim HSV.

Beim „Stern“ verlor Dominik Wichmann vor einer Woche wegen weiter sinkender Auflagenzahlen (zurzeit 756 000 verkaufte Exemplare) und angeblich autoritärem Führungsstil nach nur einem Amtsjahr seinen Chefredakteursposten. Das gleiche Schicksal stand – bis Freitagabend – dem „Spiegel“-Chef Wolfgang Büchner bevor, als Höhepunkt einer länger schwelenden Führungskrise beim „Spiegel“, die mit Büchners Konzept einer vollständigen Verzahnung von Print- und Online-Redaktion zusammenhängt. Das führte zu einem Showdown bei Deutschlands größtem Nachrichtenmagazin. Kenner der Szene sprechen von einer explosiven Stimmung im neuen Glasbau an der Hamburger Hafen-City mit seinen 1100 Mitarbeitern (inklusive Spiegel Online, Spiegel TV und „Manager Magazin“), die sich auch nach einer überraschenden Entscheidung am Freitagabend nicht deutlich verbessern dürfte.

Demnach kann Büchner die Verzahnung von Print und Digital im Verlag fortsetzen. Das mit der Geschäftsführung aufgesetzte Projekt, das unterm Namen „Spiegel 3.0“ bekannt geworden ist, finde die Unterstützung aller Gesellschafter, teilten die am Freitagabend mit. Am Spiegel-Verlag sind die Gesellschafter der Mitarbeiter KG (50,5 Prozent), Gruner+ Jahr (25,5 Prozent) sowie die Augstein-Erben beteiligt (in allen wichtigen Fragen muss eine Mehrheit von 76 Prozent unter den Eigentümern erreicht werden, ein einzigartiges Modell in der Branche). Es wurde begrüßt, dass Chefredaktion und die Geschäftsführung das Projekt in „enger Zusammenarbeit“ mit den Redaktionen des Magazins und des Nachrichtenportals verwirklichen wollen, „sowohl was die Umsetzung als auch was den Zeitablauf angeht“. Zuvor hatten Ressortleiter gegen Büchner aufbegehrt und sich bei Verlagsgeschäftsführer Ove Saffe gegen eine weitere Zusammenarbeit mit dem Chefredakteur ausgesprochen. Büchner wollte die Besetzung der Ressort-Posten in den nächsten zwei Jahren ausschreiben lassen. Dass Ressortleiter für Print und jeweilige Online-Auftritte verantwortlich werden sollen, werten KG-Angehörige als Strukturwandel im Haus.

Bis Freitag hatten nach Informationen des Evangelischen Pressedienstes 86 Prozent, also 250 von 328 Beschäftigten eine Petition unterschrieben, in der die „Spiegel“-Gesellschafter aufgefordert werden, Büchners Digitalisierungspläne zum jetzigen Zeitpunkt abzulehnen. In der Petition heißt es, eine enge Zusammenarbeit des „Spiegels“ und des Internetangebots „Spiegel Online“, das bisher in einer Tochterfirma organisiert ist, sei unabdingbar. Aber diese Strukturveränderung könne nur in vertrauensvoller Zusammenarbeit umgesetzt werden. Das sei nicht der Fall. Außerdem sei der Zeitpunkt falsch gewählt, weil mit der Änderung des Erscheinungstermins zunächst eine andere wichtige Umstellung bewältigt werden müsse. Ab Januar 2015 soll der „Spiegel“ nicht mehr montags, sondern samstags erscheinen.

Verkrustetes Modell

Nun also erst mal ein Burgfrieden, der Büchners Stellung sichern sollte, aber nicht die grundsätzlichen Probleme behebt. Die Gesellschafter-Konstruktion wird von Insidern seit längerem als verkrustet bezeichnet. Dazu bleibt es beim „Spiegel“ bei einer Drei-Klassen-Gesellschaft: Auf der einen Seite die langjährigen Redakteure, die der Mitarbeiter-KG angehören, die sechsstellige Jahresgehälter kassieren. Auf der anderen Seite die Jung-Redakteure der Mitarbeiter-KG, die zwischen Print und Online stehen. Und dann sind da die Mitarbeiter von „Spiegel Online“, die der Mitarbeiter-KG nicht angehören. Im Streit über die Zusammenarbeit von Print und Online musste im Frühjahr 2013 schon die Doppelspitze der Chefredakteure aus Georg Mascolo (Print) und Mathias Müller von Blumencron (Online) gehen – die viele heute noch für die bessere Personallösung als Wolfgang Büchner halten. Parallel dazu sinkt die Auflage des „Spiegels“ seit Jahren. Im Zehn-Jahres-Vergleich büßte der „Spiegel“ 17,7 Prozent der Auflage ein, auf rund 870 000 verkaufte Exemplare.

Ein Macht- und Kulturkampf beim „Spiegel“ also zur unrechten Zeit, der paradigmatisch für eine Sinnkrise in der Branche ist, die auch den „Stern“ betrifft, sagt Markus Peichl, Vorsitzender der LeadAcademy für Medien und Kenner der Hamburger Medienszene. „Das Problem besteht darin, dass die sogenannten Leitmedien immer noch stark unter dem Einfluss von Leuten stehen, die aus den goldenen Zeiten des Print-Journalismus kommen.“ Diese stünden in der Regel für ein altes journalistisches Modell und ein überkommenes Status- und Besitzstandsdenken. Wenn man aber das große Ganze, den Erfolg der journalistischen Marke und den Leser, im Auge behalten will, funktioniere das nicht mehr. Es könne kein Entweder/Oder geben. Die heutigen Konsumenten, via Smartphone und Internet ständig auf Empfang und Sendung, hätten weniger Zeit und vielleicht auch weniger Lust auf Leitmedien. Um diese anzusprechen, brauche es die Erfahrung der älteren Journalisten genauso wie die Flexibilität der mit den Online-Medien groß gewordenen Journalisten, für die auch ein Dominik Wichmann, der geschasste „Stern“-Chef, steht. Bei „Stern“-Mitarbeitern wird indes befürchtet, dass der neue, vom People-Magazin „Gala“ kommende Chefredakteur Christian Krug das Magazin für einen etwaigen Verkauf nur aufhübschen soll.

Zwei Monate Zeit

So weit wird es beim „Spiegel“ nicht kommen. Ob aber Wolfgang Büchner verhindern kann, in der fast 70-jährigen Geschichte des Magazins der erste Chefredakteur zu sein, der wegen des Widerstands der Mitarbeiter rausgekegelt wurde – das muss sich auch erst noch erweisen. Er kann sein umstrittenes Digitalprojekt fortsetzen, wenn auch der Umbau der Ressortleiterstruktur von heute auf morgen erst mal vom Tisch ist. Verschiedene Medien berichten, dass er dafür etwa zwei Monate Zeit bekommt. Laut „Meedia“ soll er sich in der Zeit komplett auf den Neuanfang konzentrieren, das Tagesgeschaft übernehmen seine Kollegen. Wie Büchner die Redaktion hinter sich bringen will, bleibt allerdings schleierhaft. Und dass sich die Vertreter der Mitarbeiter-KG gegen den offenkundigen Willen der überwiegenden Mehrzahl der Mitarbeiter entschieden haben, wird keine Ruhe ins Glashaus in der Hafen- City bringen. Markus Peichl hofft, dass Hamburg durch diese Machtkämpfe, Verwerfungen und Bedrohungsszenarien nicht zum alten Rom der Medienrepublik wird. Immerhin, der HSV hat sich für die Bundesliga-Spielzeit viel vorgenommen.

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