Medien : Fußball-WM-Übertragung: Geheimloge Fifa

Gerhard Saarländer

Die Vorwürfe sind heftig: Joseph Blatter, Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa, leitet eine Institution, in der Korruption als durchaus probates Mittel der Politik angesehen wird. Es geht um die Vergabe des höchsten Gutes, das der Weltsport derzeit zu vergeben hat - die Übertragungs- und Vermarktungsrechte für die Fußball-Weltmeisterschaft 2002 und 2006. Im Grunde war die Angelegenheit längst entschieden. Die Marketingsgruppe ISMM/ISL hatte sich diese Lizenz zum Gelddrucken 1996 für insgesamt über drei Milliarden Mark gesichert. Dummerweise ging die Gruppe trotzdem in Konkurs, bei der Abwicklung wurden Schwarzgeldkonten gefunden. Konten, von denen über 70 Millionen Mark Bestechungsgelder an diverse Sportpersönlichkeiten geflossen sein sollen. Blatter muss nun um das einflussreichste Amt des Weltsportes fürchten: der europäische Dachverband Uefa droht mit einem Misstrauensvotum.

Es ist alles verworren. Hilfe bietet ein Blick in die Historie. 1996 markierte den Einschnitt. Damals wurden die Rechte für die Weltmeisterschaften 2002 und 2006 vergeben, niemals zuvor waren solche Summen gezahlt worden. Mitglied des entscheidenden Exekutiv-Komitees der Fifa war damals Gerhard Mayer-Vorfelder, seines Zeichens Landespolitiker in Baden-Württemberg, Präsident des VfB Stuttgart, Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes und alles in allem machtorientierter Multi-Funktionär. Doch gerade bei der wichtigsten Sport-Sitzung des letzten Jahrzehnts fehlte er. Die Kritik, die ihm seine Abwesenheit eintrug, hält bis heute vor. 21 Männer hatten damals darüber zu befinden, wer sich eines der größten Geschäfte dieser Welt unter den Nagel reißen durfte. Mit einfacher Mehrheit; bei Stimmengleichheit hätte die Stimme des Präsidenten, der damals noch Joao Havelange hieß, den Ausschlag gegeben. Der Brasilianer enthielt sich, ebenso wie drei weitere Mitglieder des exklusiven Männer-Bündnisses. Zwei waren nicht erschienen.

Vorbei sollte es zum Beispiel sein mit der altvertrauten Gewohnheit, die europaweiten Rechte an den Zusammenschluss der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten zu vergeben. Die EBU (European Broadcasting Union) hatte geboten und verloren. Sieger auf der ganzen Linie: Leo Kirch und damit das private Fernsehen. Die Rechte wurden vergeben an den Münchner Medien-Unternehmer und die Schweizer Agentur ISL, die die Rechte für die TV-Übertragungen im Rest der Welt außerhalb des wichtigsten Fernsehmarktes Europa sowie die Marketingrechte an den nächsten Weltmeisterschaften erworben hatte. Neun Ja-Stimmen, sechs Nein-Stimmen, drei Enthaltungen zusätzlich der des Brasilianers Havelange.

Die Kritik an der Fifa war hart und laut gewesen, nachdem ihr europäisches Pendant, die Europäische Fußball-Union Uefa, ihre Europameisterschaft viel gewinnbringender vermarktet hatte, und zusätzlich noch durch die Einführung der Champions League, der medial aufpolierten Weiterentwicklung des Europapokals der Landesmeister, praktisch die Lizenz zum Geld drucken an sich selbst vergeben hatte. Die Fifa musste reagieren, und tat es, nachdem zuvor für drei Weltmeisterschaften (1990, 1994 und 1998) nur 340 Millionen Schweizer Franken die Zürcher Geldsäckel gefüllt hatten.

Das Prozedere ist zwar langwierig, aber an sich einfach. Und dahinter steckt ein Riesen-Geschäft. Die Fifa schreibt zwei Jahre vor der Vergabe die ihrer Meinung nach finanziell potenten Geschäftspartner an. Ein Pflichtenheft ist beigelegt, Angebote werden erwartet. Dem Angebot müssen der Geschäfts-, Finanz- und Bilanzbericht ebenso beigelegt sein wie das Gutachten eines Rechnungsprüfers. Geprüft wird durch die Fifa-Administration, die Marketing- und die Justizabteilung. Deren Bericht wird den Mitgliedern des Exekutiv-Komitees überstellt. Nicht ohne vorher von einer Rechtsanwaltskanzlei abgesegnet worden zu sein.

Die Fifa möchte Fehler ausschließen, und kann es doch nicht immer. Wie im Fall der Schwarzkonten der ISMM/ISL. Jedenfalls besitzt Leo Kirch nach dem Zusammenbruch der Agentur ein befristetes Vorkaufsrecht für alle WM-Rechte für Fernsehübertragungen. 1,4 Milliarden Schweizer Franken hatte er 1998 für die Europarechte vertraglich zugesichert. Anfang Mai übernahm er auch die englischsprachigen Rechte für WM-Übertragungen in die USA für schätzungsweise rund 50 Millionen Dollar. Nun erwartet der Markt eine Bürgschaft über eine weitere Milliarde Franken, will die Kirch-Gruppe auch in den Jahren 2002 und 2006 WM-Geschäfte in Asien, Afrika, Südamerika und Australien tätigen.

Überhaupt Summen: Das Ergebnis des Feilschens um die Übertragungsrechte an der WM 2002 in Japan und Südkorea in Deutschland ist beispielhaft für die Entwicklung der Rechtekosten. Bis 1998 konnte die EBU noch direkt mit der Fifa verhandelt. In der Folge mussten ARD und ZDF für die Rechte an der WM 1994 in den USA acht und für das Endturnier 1998 in Frankreich elf Millionen Mark zahlen. Für das nächste Jahr kosteten die Übertragungsrechte an maximal 25 Spielen schon 260 Millionen. Und für die gleiche Anzahl Spiele im frei empfangbaren deutschen Fernsehen anlässlich der WM 2006 in Deutschland hätte sich der Münchner Medien-Mogul gern die runde Summe von 540 Millionen anweisen lassen. Im Konstrukt enthaltene Gegengeschäfte mit Olympia und Fussball-EM verteuern die Ware noch. Klar ist: Refinanzieren können die öffentlich-rechtlichen Sender die Investition im Gegensatz zu Leo Kirch nicht.

Die EBU hat kürzlich behauptet, dass ihr ein von der Fifa unterschriebenes Papier vorgelegen habe, welches ihr wie früher üblich die Rechte zugesichert habe. Bekommen hat sie ein anderer. Dabei bietet die EBU Zahlungssicherheit und Kontroll-Mechanismen. Aber vielleicht waren die gar nicht erwünscht.

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