Interview zu Lara Croft : „Menschlich sehr viel nachvollziehbarer“

Übercool, knapp bekleidet und mit bombastischer Oberweite: So turnte Lara Croft jahrelang durch die Computerspielreihe „Tomb Raider“. Im neuen Spiel ist sie jünger und verletzlicher – aber ist sie dadurch auch glaubwürdiger? Ein Gespräch mit Linda Breitlauch, Professorin an der Mediadesign-Hochschule Düsseldorf.

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Lara Croft im neuen "Tomb Raider".
Lara Croft im neuen "Tomb Raider".Screenshot: Square Enix

Frau Breitlauch, wie gefällt Ihnen die neue Lara Croft?

Gut! Sie ist jünger, sieht besser aus und ist realistischer dimensioniert, sie ist nicht mehr so übersexualisiert wie früher. Vergleichbares lässt sich übrigens auch bei männlichen Heldenfiguren beobachten: Sie werden immer seltener stark überzeichnet - man denke nur an Nathan Drake aus der Action-Reihe „Uncharted“.

Was unterscheidet Lara sonst noch von ihren Vorgängerinnen?

Ich finde gut, dass sie nicht mehr unverwundbar wirkt. Im Gegensatz zu den früheren Spielen sieht man hier deutlich, wenn sich Lara verletzt. Sie hat Angst um ihr Leben und ist kurz davor, die Nerven zu verlieren. Das macht sie menschlich sehr viel nachvollziehbarer.

Im Spiel hat Lara viel zu leiden: Sie stürzt von Felsen, wird von Dornen aufgespießt und von Sektenkämpfern bedroht. Der Produzent des Spiels hat in diesem Kontext für eine umstrittene Äußerung gesorgt: Spieler würden sich mit Lara anders identifizieren als mit einem männlichen Helden - und eine Art Beschützerinstinkt entwickeln...

Ich würde Lara auch dann bemitleiden, wenn sie ein Mann wäre. Gerade was ihr am Anfang widerfährt, will man auf keinen Fall selbst erleben. Wobei "Mitleid" hier wohl das falsche Wort ist, weil Mitleid ein Gefühl ist, das man gegenüber echten Menschen entwickelt. Gegenüber einer Computerspielfigur entwickelt man eher Empathie. Die Spiegelneuronen rattern zwar auch hier wie verrückt, die Identifikation findet aber auf einer fiktionalen Ebene statt. Die empfundenen Gefühle lassen sich meiner Meinung nach nicht gleichsetzen.

Im Lauf des Spiels wandelt sich Lara von einer unerfahrenen College-Absolventin zur perfekten Kampfmaschine. Leidet darunter nicht ihre Glaubwürdigkeit?

Als Spieler kann ich mangelnden Realismus grundsätzlich akzeptieren. Wenn in einer unberührten Landschaft Gesundheitspakete herumliegen, ist das nicht realistisch, gehört aber zu den unausgesprochenen Vereinbarungen des Mediums. Bei Computerspielcharakteren ist das natürlich etwas schwieriger: Wenn man ihre Wandlung nicht nachvollziehen kann, leidet ihre Glaubwürdigkeit. Bei einem Spiel wie "Tomb Raider" kann ich über Ungereimtheiten in der Charakterentwicklung aber hinwegsehen, weil die Action im Mittelpunkt steht. Es wird wohl noch ein Weilchen dauern, bis Computerspielfiguren das Niveau von Shakespeare-Charakteren erreichen. Die Game-Designer haben da noch einen weiten Weg vor sich.

Linda Breitlauch
Linda BreitlauchFoto: Promo

Über Gewalt in Computerspielen wird weiter heftig gestritten. Unlängst sorgte der Psychologe Manfred Spitzer mit seinem Buch "Digitale Demenz" für neuen Diskussionsstoff. Was sagen Sie zu Gewalt in Computerspielen?

Wenn man Gewalt in Filmen und Büchern thematisiert, dann kann man das genauso in Computerspielen tun. Spiele wie "Tomb Raider" haben nicht umsonst ein USK-18-Siegel, sind also für Minderjährige nicht freigegeben. Das wird in der Praxis zwar immer mal wieder unterlaufen. Grundsätzlich aber tun Staat und USK eine Menge für den Jugendschutz. Erwachsene sollten in jedem Fall selbst entscheiden können, womit sie sich unterhalten.

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