Gauland bei "Anne Will" : "Ich wusste nicht, dass der farbig ist!"

Nach einer Woche Interview-Marathon sitzt AfD-Vize Alexander Gauland am Sonntagabend im Fernsehen - und gibt das ahnungslose Medienopfer. Von Jerome Boateng will er nichts gewusst haben.

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Alexander Gauland erscheint wie meist mit Jackett in gediegen nostalgischem Jägergrün. Wen oder was jagt der Mann? Bald ist zu erleben, an diesem Abend mit Fernseh-Salon, dass Gauland bei der Jagd meist das hakenschlagende Wild gibt, das die anderen gern erwischen würden, und das ihnen entwischt.

Anne Will hatte eingeladen zum Thema „Guter Nachbar, schlechter Nachbar – wie rassistisch ist Deutschland?“ Anlass waren die Einlassungen des stellvertretenden Bundessprechers der AfD, Gauland, zum Fußballer Jerome Boateng, Mitglied der Nationalmannschaft, in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen am Sonntag (FAS). „Die Leute“, hatte Gauland  bekanntlich seinen Interviewern mitgeteilt, schätzten den Mann zwar als Fußballspieler, wollten ihn aber nicht als Nachbarn haben. (Leider wurde die Emnid-Umfrage, wonach 82 Prozent der Befragten – auch der AfD-Anhänger – den Fußballstar Boateng gern als Nachbarn sähen, den ganzen Abend über nicht erwähnt.)

Mit im Studio saß einer der Interviewer Gaulands, der politische Korrespondent der FAZ, Eckart Lohse, sowie Justizminister Heiko Maas (SPD), die Migrationsforscherin Bilgin Ayata und Werner Patzelt, ein Politikwissenschaftler, der an der TU Dresden unter anderem die Pegida-Bewegung erforscht.

Dass eine deutsche oder englische Fußballnationalmannschaft schon lange nicht mehr deutsch oder englisch „im klassischen Sinne“ sei, hatte Gauland ebenso kundgetan. Anne Will hielt ihm das vor. Er müsse sich, so der AfD-Mann, nur mal die deutsche Mannschaft von 1954 oder 1972 angucken, „dann sind da ganz andere Namen.“ Was aber hat er denn nun gegen Boateng? Der Showdown konnte beginnen. Er endete, um das vorweg zu nehmen, indem Gauland triumphal solche Aussagen über die Flüchtlinge traf: „Indem diese Menschen Teil des deutschen Volkes werden, entsteht eine neue Gemengelage. Ich möchte dieses Land behalten, wie wir es ererbt von unseren Vätern haben.“

„Boateng war ein falsches Beispiel“, räumte der AfD-Politiker anfangs ein, den Namen habe überhaupt erst der Interviewer Lohse aufgebracht. Und: „Ich wusste gar nicht, dass der farbig ist.“ Dieses Faktum habe Gauland erst von seiner Kollegin Beatrix von Storch erfahren, die ihn nach der Veröffentlichung deshalb angerufen habe, um ihn auch aufzuklären, „dass er Christ ist, dass er Deutscher ist“. Er habe von dem Mann keine Ahnung gehabt. Das, immerhin, provoziert Raunen im Publikum.

Der Interviewer hätte nachfragen müssen, ob er, Gauland, diesen Mann überhaupt kenne. Lohse konterte, der ehemalige Journalist Gauland sei doch „ein erfahrener Interviewgeber.“ Er habe, so Gauland, „überhaupt nicht damit gerechnet, dass das veröffentlicht wird“. Es sei um den Islam und dessen Zugehörigkeit zu Deutschland gegangen, und da es ein Hintergrundgespräch war, habe er nicht um Autorisierung nachgefragt. „Zutiefst unfair“ sei das Ganze gewesen: „Entschuldigung Herr Lohse, Sie haben mich reingelegt!“ Geschickt manövrierte der AfD-Politiker gegeneinander aus, was für viele Anhänger „Lügenpresse“ und „Lügenfernsehen“ sind. Die Chance zur Selbstdarstellung nutzte er wie keiner der anderen im Raum.

Forscherin: "Islamkritik ist Verschleierung von rassistischem Denken"

Anne Will holte die Twitter-Nachricht des Justizministers hervor, in der Maas „die Beleidigung von Boateng durch die AfD“ als „niveaulos“ und „rassistisch“ bezeichnet hatte. Maas wiederum erklärte, die ganze Diskussion um die Nationalmannschaft helfe nicht weiter – auch 1974 etwa hätten zum Beispiel Spieler wie Gerd Müller oder Sepp Maier die Nationalhymne nicht mitgesungen. Richtig, aber mit wenig Nachdruck, legte Maas dar, die AfD bediene gezielt Ressentiments, und sage „hinterher, es sei nicht so gemeint gewesen“. So ist es wohl. Doch Gauland ficht all das nicht an. Er macht die Miene eines Mannes, der sich erfolgreich mit der Doktrin sediert, guter Zweck heilige die Mittel.

Die Migrationsforscherin Bilgin Ayata bot Aufklärung anhand der UN-Antirassismus-Konvention an, die Deutschland mitunterzeichnet hat. Auch subtile Etikettierungen aufgrund von Namen, Hautfarbe und anderen äußeren Merkmalen seien bereits rassistisch. Sie führen dazu, dass Menschen auf dem Arbeitsmarkt, auf dem Wohnungsmarkt „anders behandelt“ würden. Deutschland sei da noch nicht beim „internationalen Standard“, beklagte Ayata, und: „Islamkritik ist eine Verschleierung von rassistischem Denken.“ Das trifft sicher in vielen Fällen zu, doch wer einen AfD-Vertreter im Dialog nicht konkret mit Daten und Fakten konfrontiert, sondern soziologische Lehrsätze in den Raum stellt, dessen Stimme verhallt. Gauland musste sich um Ayata weiter nicht kümmern.

Patzelt: Rassismus in Deutschland nimmt eher ab als zu

Werner Patzelt, gelassen und souverän, lieferte Optimismus. Gründe für die Einwanderung müssten besser erklärt werden, es müsse einen öffentlichen Diskurs über Art und Qualität der Zuwanderung geben, das Land werde nun mal multikulturell und multiethnisch – wie jedes Land, ließe sich hinzufügen.

Studien des Konfliktforschers Wilhelm Heitmeyer zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit belegen, erklärte Patzelt, dass Rassismus in Deutschland seit Jahren eher abnimmt, als zunimmt. „Ach!“ entfuhr es der erstaunten Anne Will. Patzelt mahnte freundlich, man solle „nicht das Schlechteste über unsere Landsleute denken“. Laut Umfragen ist die Hälfte der Bevölkerung in Sorge über Rassismus, der Wandel zu einer Einwanderungsgesellschaft ließe sich „mit gutem Willen“ gestalten. Das wollte Bilgin Ayata nicht gelten lassen. Rassismus sei ein seit 70 Jahren bekanntes Problem im Land, der Begriff „Fremdenfeindlichkeit“ etwa, in dem „der Fremde“ steckt, sei in sich schon feindselig.

Es wurde Zeit für Zahlen, Anne Will hielt Statistiken parat. 36 Prozent der Bevölkerung waren 2014 laut einer Studie der Uni Leipzig gegen die Zuwanderung von Muslimen. Heiko Maas wiegelte ab, nicht jeder, der so etwas sage, sei „automatisch ein Rassist“. Es gehe darum, „die Leute davon überzeugen, dass Zuwanderung auch in ihrem Interesse ist,“ um ihnen „ihre Sorgen und Ängste zu nehmen“.

Gauland zu Maas: "Nur wegen der AfD sind Sie jetzt vorsichtig"

Seelenruhig hört sich Gauland solche Argumente an. „Sorgen und Ängste“ sind ureigenes Terrain der AfD: „Wir geben den Menschen am unteren Ende der sozialen Skala eine Stimme“, verkündet er, erinnert jedoch im selben Atemzug an reiche Hamburger Hanseaten, die keine Asylunterkünfte in ihrer Nachbarschaft wollen. „Herr Maas und Frau Merkel“ gäben diesen Menschen keine Stimme. Aus Flüchtlingen wolle er „Bürger machen“, das Land brauche Zuwanderung, sagte Maas: „Es ist eine Lebenslüge in Deutschland, dass wir so tun, als seien wir kein Einwanderungsland.“

Hier packte Gauland ihn beim Kragen: „Die Zuwanderung, die wir zur Zeit haben, brauchen wir nicht!“ Es kämen nur Ungebildete, und die aus Not und Elend. „Nur weil die AfD da ist, sind Sie jetzt vorsichtig geworden!“ Das Konzept des Förderns und Forderns habe es vorher nicht gegeben, erklärte sich Gauland  stolz zum indirekten Initiator des Integrationsgesetzes.

Anne Will zückte die letzten Pfeile in ihrem Köcher. Warum Gauland von Angela Merkel als der „Kanzlerdiktatorin“ spräche? Ihm selber sei das leider nicht eingefallen, bedauerte Gauland, sondern Björn Höcke, AfD-Fraktionschef in Thüringen. Dann zeigte eine Videoaufnahme Gauland beim Beschwören des Untergangs von Deutschland, das wie das „weströmische Reich“ zerfallen werde. Das „deutsche Volk“, hieß es da, solle „allmählich ersetzt“ werden durch Leute „aus allen Teilen der Welt“. Seinen Satz „Heute sind wir tolerant, morgen fremd im eigenen Land“ fand Gauland angesichts einer Million Zugewanderter im vergangenen Jahr „sehr einleuchtend und sehr klug“. Er habe nicht gewusst, dass der Vers aus dem Song einer rechtsextremen Band auf einer CD mit dem Titel „Hitler lebt“ stamme, den die NPD verwendet.

Bei einer zentralen Frage bricht Anne Will ab

Was er so alles nicht gewusst hat! Da musste auch das Publikum lachen. Eckhart Lohse fragte Gauland, warum er noch immer davor warnt, dass „Massen“ das Land „fluten“, obwohl kaum jemand mehr ankommt - eine Steilvorlage. Denn auch das ist der AfD zu verdanken, die mit ihrem „Beharren einiges verändert“ hat, so Gauland. Schärfere Gesetze, all das „ist Gottseidank der AfD zu verdanken“. Gauland sammelt Punkte bei den Seinen. Spätestens jetzt sähe man am liebsten einen BBC Hardtalk, one on one, eine klare, harte Tennispartie.

Gegen Ende geht es um den rasanten Anstieg rechter Gewalt, ob Gauland seine Partei da mitverantwortlich sieht? Keine Spur, wie auch, er wolle sowas nicht. Maas, der selber inzwischen Morddrohungen von Neonazis erhält, erklärt, dem könnte man „nur den Rechtsstaat entgegensetzen“. Bilgin Ayata fragt Gauland, ob er deutlich dazu aufrufe, Gewalt zu unterlassen? An der Stelle bricht Will den Talk ab, die Nachrichtenredaktion wartet.

Minuten später ist in den „Tagesthemen“ der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zu sehen, wie er die türkischstämmige Bundestags-Abgeordnete, die die Resolution zu Armenien mitgetragen haben, mit den Worten verunglimpft: „Ihr Blut ist unrein!“ Auch da bedrohen Menschenrechtler in den Augen von Nationalisten ein Land, das sie lieber als „ererbt von den Vätern“ samt Dogmen und Tabus erhalten würden.

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